
Kirche schrumpft. Gemeinden werden zusammengelegt. Gebäude verkauft. Strukturen verschlankt. Gleichzeitig wächst vielerorts die Müdigkeit. Die Zahlen sind bekannt. Die Herausforderungen ebenso. Doch für Markus Weimer ist klar: Wer Kirche nur verwaltet, wird ihre Zukunft nicht gewinnen. Der evangelische Pfarrer und heutige Dekan des Kirchenbezirks Konstanz beschäftigt sich seit Jahren mit einer entscheidenden Frage:
Antworten darauf hat Weimer nicht nur im deutschsprachigen Raum gesucht. Weit über 10 Jahre lernte und forschte er in Großbritannien, neben seinem Dienst als Pfarrer. Seine Dissertation widmete er den Entwicklungen der anglikanischen Kirche, der Church of England – einer Kirche, die lange vor vielen anderen unter Druck stand und deshalb gezwungen war, mutig umzudenken. Nicht alles sei übertragbar, betont Weimer. Andere Geschichte. Andere Kultur. Andere Voraussetzungen.
„Wir machen kein Copy-Paste“, wurde an diesem inspirierenden Abend in Dornbirn deutlich. Es geht nicht darum, London nachzubauen. Es geht darum zu verstehen, welche Entscheidungen dort getroffen wurden. Warum manche Entwicklungen gelungen sind. Und wie Erkenntnisse klug in die eigene Situation „hineinbuchstabiert“ werden können. Denn die eigentliche Frage lautet für Weimer nicht: Wie retten wir Kirche? Sondern:
Sein Blick auf die Zukunft ist überraschend hoffnungsvoll – und gleichzeitig radikal anders. „Wir müssen aufhören zu glauben, dass wir alles und alle versorgen können“, sagt Weimer. Kirche müsse sich neu fragen: Wie schaffen wir Orte, an denen Menschen heute überhaupt noch mit dem Evangelium in Berührung kommen?
Seine Antwort beginnt überraschend radikal: Nicht bei Gebäuden. Nicht bei Strukturen. Nicht bei Verwaltungsfragen. Sondern bei Christus.
Kirche dürfe nicht zuerst vom „Kirche-Sein“ her gedacht werden, sagt Weimer. Nicht von Traditionen, Organisation oder bisherigen Formen. Kirche muss von Christus her gedacht werden. Aus dem, was Menschen über Christus verstanden haben. Aus dem Evangelium. Aus Sendung. Aus Beziehung. Aus Mission. Erst daraus entsteht Kirche. Und genau dort beginnt für Weimer die eigentliche Erneuerung.
Jahrzehntelang habe Kirche oft aus einer Versorgungsperspektive gedacht. Menschen begleiten. Angebote schaffen. Möglichst alles abdecken. Doch diese Logik stößt an Grenzen. Die Zukunft liege nicht darin, immer mehr Strukturen zu erhalten. Sondern Menschen zu befähigen. Menschen sprachfähig zu machen. Menschen Verantwortung zuzutrauen. Besonders Ehrenamtliche stehen dabei im Zentrum. Die Zukunft der Kirche entstehe nicht dadurch, dass Hauptamtliche immer mehr Aufgaben übernehmen. Sondern dadurch, dass Menschen begleitet, qualifiziert und ermutigt werden, ihre Begabungen zu entdecken und Verantwortung zu übernehmen. „Character before gifting“ – Charakter vor Talent. Menschen sollen wachsen dürfen. Hauptamtliche werden weniger reine „Macher“ und mehr Ermöglicherinnen und Ermöglicher, „Facilitators“. Menschen begleiten. Türen öffnen. Potenziale fördern. Vertrauen schenken.
Dafür brauche es neue Formen von Kirche. Kirche im Café. Kirche im Pub. Kreative Gottesdienstformen. Neue Begegnungsorte. Neue Wege. Neue Sprache. Nicht alles einfach weiterführen, weil es immer schon so war. Sondern mutig ausprobieren. Lernen. Scheitern. Neu anfangen. Vielfalt statt Monokultur. Experiment statt Perfektion. Mut statt Absicherung.
Zum Ende seines Impulses formulierte Markus Weimer fünf Thesen, die Kirche „auf den Kopf stellen“:
1. Jeder Versuch, die jetzige Kirchengestalt über die Zeit zu retten, ist eine Utopie. Kirche wird sich verändern. Die Frage ist nicht ob. Sondern wie.
2. Gott weist uns einen neuen Platz zu. Es braucht Demut, diese neue Platzanweisung anzunehmen. Kirche wird kleiner werden. Anders werden. Aber nicht bedeutungslos.
3. Fokus auf das Evangelium statt Fokus auf Macht und Struktur. Oder mit den Worten des ehemaligen Erzbischofs von Canterbury, Justin Welby: „Eine Kirche in der Krise hat zwei Möglichkeiten: Sie umarmt Macht und Struktur – oder sie umarmt den Heiligen Geist.“
4. Ohne Investition in sprachfähiges und mündiges Christsein wird Kirche zum betreuten Wohnen für Getaufte. Menschen brauchen Räume, um Glauben zu verstehen, auszudrücken und Verantwortung zu übernehmen.
5. Die deutschsprachige Angst („german angst“) vor Veränderung braucht wagemutige Kirchenträume. Neue Ideen werden oft kritisch gesehen. Manchmal bekämpft. Manchmal belächelt. Veränderung irritiert. Innovation wird häufig zuerst abgelehnt – besonders dann, wenn Dinge plötzlich anders werden als „immer schon“. Doch genau darin liegt für Markus Weimer eine entscheidende Zukunftsfrage. Solange Menschen leben, haben sie Träume. Und solange Kirche Träume hat, bleibt sie lebendig.
Dabei ist Weimers Blick erstaunlich hoffnungsvoll. Ja, Kirche wird kleiner. Ressourcen werden weniger. Gewohntes verändert sich. Aber kleiner bedeutet nicht kraftlos. Kleiner bedeutet nicht bedeutungslos. Eine Kirche mit weniger Ressourcen kann dennoch voller Leidenschaft sein. Eine Kirche, die Menschen bewegt. Eine Kirche, die nicht zuerst über Gebäude diskutiert, sondern über ihren Auftrag. Eine Kirche, die Christus ins Zentrum stellt und sich von dort neu senden lässt.
Dass dieser Plan aufgeht, wächst und Früchte bringt, können wir in Großbritannien erleben. Bei uns sind die Pflänzchen noch etwas kleiner, zum Teil noch im Frühbeet, aber es wird.
Vielleicht lag genau darin die stärkste Botschaft dieses Abends in Dornbirn: Die Zukunft der Kirche entsteht nicht durch größere Strukturen. Sondern durch Menschen, die Verantwortung übernehmen. Menschen, die Hoffnung weitergeben. Menschen, die mutig genug sind, neu und groß zu träumen.
Oder, um es mit Markus Weimer zu sagen:
Nicht verwalten - Ermöglichen.
Nicht bewahren - Bewegen.
Nicht aufgeben - Hoffen.
Andrea Geiger