
Remanenz bezeichnet das Fortbestehen einer Wirkung, nachdem ihre ursprüngliche Ursache nicht mehr gegenwärtig ist. Diesem Gedanken folgt die Carl-Lampert-Woche 2026. Rund um den 13. November, den Todestag des 1944 von den Nationalsozialisten ermordeten Priesters Carl Lampert, fragt sie danach, wie Vergangenes in unsere Gegenwart hineinwirkt. Was bleibt von einem Menschen? Von seiner Haltung, seinen Entscheidungen, seinem Widerspruch? Und weshalb beschäftigen uns manche Fragen noch Jahrhunderte, nachdem sie erstmals gestellt wurden?
Das diesjährige Programm setzt auf weniger Veranstaltungen, dafür auf größere künstlerische Produktionen. Zwei eigens entwickelte Inszenierungen, ein gemeinsamer Singabend und Gedenkveranstaltungen greifen das Thema auf unterschiedliche Weise auf. Literatur und Theater, Tanz und Musik eröffnen dabei überraschende Begegnungen mit historischen Persönlichkeiten und Gedanken, die bis heute nichts von ihrer Dringlichkeit verloren haben.
Auf dem Friedhof der Basilika Rankweil begegnen sich eine Lebende und der Tod. Er tritt als Frau auf, als Todin, die ihre Gesprächspartnerin durch verschiedene literarische Welten führt. Dantes Jenseitsreise, Goethes Faust, die Erinnerungslandschaften Carlos Ruiz Zafóns, Bulgakows teuflischer Besucher und Saramagos Vorstellung einer Welt, in der plötzlich niemand mehr stirbt, bilden die Stationen dieses ungewöhnlichen Totentanzes.
Auch Carl Lampert tritt in diesen literarischen Zusammenhang. Sein Schicksal wirft die Frage auf, was einem Menschen genommen werden kann und worüber selbst die Gewalt nicht uneingeschränkt verfügt.
Den Text schrieb Elisabeth Heidinger eigens für den Aufführungsort. Regie führt Stephanie Gräve, die zugleich die Todin verkörpert. Elke Maria Riedmann spielt die Lebende. Johannes Lepper übernimmt die Sprecherrolle. Musik für Orgel und Violine sowie die Stimmen eines Bürger:innenchors begleiten die Inszenierung.
Der Friedhof selbst wird zum Bühnenraum. Von der erhöhten Perspektive des überdachten Wehrgangs aus verfolgt das Publikum das Geschehen zwischen Grabsteinen und alten Mauern. Ein Ort, an dem das Vergangene ohnehin allgegenwärtig ist, wird für drei Abende zum Schauplatz eines Gesprächs über das Leben.
Die Premiere findet am Mittwoch, 11. November, um 19.30 Uhr statt. Weitere Aufführungen folgen am 12. und 13. November.
Karten und Informationen: www.mesnerstueble.com
Was verbindet Johannes den Täufer, den vor rund 2.000 Jahren hingerichteten Kirchenpatron von Höchst, mit Carl Lampert? Was haben ihre Lebensgeschichten mit Simone Weil, Madeleine Delbrêl oder Dorothy Day gemeinsam?
Diese Menschen lebten zu unterschiedlichen Zeiten und unter höchst verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen. Sie verband die Bereitschaft, aus einer inneren Überzeugung heraus zu handeln, auch wenn dies mit persönlichen Konsequenzen verbunden war.
In der Inszenierung „Wolke von Zeugen“ werden ihre Gedanken und Lebensgeschichten durch Texte, Musik, Tanz und Bewegung gegenwärtig. Der Text stammt von Walter Buder, Regie führt Brigitte Walk. Kilian Haselbeck gestaltet den Tanz, Bruno Oberhammer übernimmt die musikalische Gestaltung an der Orgel. Ein generationenübergreifender Bewegungschor wird selbst Teil des Geschehens.
Zugleich feiert die Pfarrgemeinde Höchst das 60-jährige Bestehen ihrer Rieger-Orgel. Seit sechs Jahrzehnten begleitet das Instrument die Menschen in der Johanneskirche durch Gottesdienste, Feste und Abschiede. An diesem Abend wird es selbst zu einer tragenden Stimme der Aufführung.
„Wolke von Zeugen“ versteht Erinnerung als Aufforderung, sich mit den Überzeugungen und Entscheidungen früherer Generationen auseinanderzusetzen. Der Blick zurück führt unweigerlich zu Fragen an die eigene Gegenwart.
Mit einem Mitsingabend in der Stadtpfarrkirche St. Martin setzt das Carl Lampert Forum die Veranstaltungsreihe fort. Unter der Leitung und Moderation von Markus Linder erklingen am Geburtstag von Carl Lampert Lieder, die Menschen über Generationen begleitet haben: „Von guten Mächten“, „We Shall Overcome“, „Amazing Grace“, „Dona Dona“ oder „Die Gedanken sind frei“.
Es ist ein Nachmittag ohne die gewohnte Trennung zwischen Auftretenden und Zuhörenden. Solistinnen und Solisten geben die Melodien vor, die ganze Kirche ist eingeladen mitzusingen. Musikalische Vorkenntnisse oder Proben sind nicht erforderlich.
Die ausgewählten Lieder haben ihre eigenen Geschichten. Manche entstanden in Zeiten politischer Unterdrückung, andere wurden zu Zeichen der Hoffnung oder des Widerstands. Sie werden bis heute gesungen, oft weit entfernt von den Umständen ihrer Entstehung.
Am 13. November 1944 wurde Carl Lampert im Zuchthaus Roter Ochse in Halle an der Saale hingerichtet. Die Nationalsozialisten hatten ihn wegen seiner Haltung und seines Widerstands gegen das Regime verfolgt. Er war 50 Jahre alt.
Mehr als acht Jahrzehnte später beschäftigt sein Leben weiterhin Menschen. Nicht jede seiner Entscheidungen lässt sich aus heutiger Sicht ohne Weiteres nachvollziehen. Die Bedingungen, unter denen er handelte, waren andere. Doch gerade die Beschäftigung mit diesen historischen Umständen führt zu Fragen, die sich nicht erledigt haben: Wie weit reicht das eigene Gewissen? Wann verlangt eine Überzeugung Widerspruch? Und was geschieht, wenn Menschen bereit sind, dafür einen hohen Preis zu bezahlen?
Die Carl-Lampert-Woche 2026 nähert sich diesen Fragen mit künstlerischen Mitteln. Sie bringt Stimmen aus verschiedenen Jahrhunderten zusammen, lässt Texte neu sprechen und führt das Publikum an Orte, an denen Geschichte sichtbare Spuren hinterlassen hat.