
Was kann ich leisten? Wie werde ich besser? Solche Fragen prägen den Schulalltag. Doch wo können Kinder und Jugendliche darüber nachdenken, wer sie sind und wie sie leben möchten? Für Pater Tobias Zimmermann liegt hier eine wesentliche Aufgabe des Religionsunterrichts. Im Mittelpunkt seines Impulses stand ein Bildungsverständnis, das über Wissenserwerb und die Entwicklung von Kompetenzen hinausgeht.
Der Priester und Pädagoge arbeitet im Zentrum für Ignatianische Pädagogik in Ludwigshafen. Bei der Tagung ging er mit den Teilnehmenden der Frage nach, was das besondere Profil des konfessionellen Religionsunterrichts ausmacht und aus welchen Quellen die Verantwortlichen Kraft für ihre Arbeit schöpfen.
Den Ausgangspunkt bildeten die Erfahrungen der Teilnehmenden: An vielen Schulen gelinge ein guter, geschätzter Religionsunterricht. Gut ausgebildete Lehrkräfte förderten Dialogfähigkeit und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Überzeugungen. Zugleich beanspruchten organisatorische Schwierigkeiten und fortwährende Veränderungen viel Energie. Dabei drohe das aus dem Blick zu geraten, worum es eigentlich gehe: um die Kinder und Jugendlichen und ihren Anspruch auf guten Unterricht.
Zimmermann ordnete diese Spannung in einen grundlegenden Wandel von Kirche und Gesellschaft ein. Es veränderten sich nicht bloß einzelne Abläufe; vertraute Strukturen und Voraussetzungen religiöser Bildung würden brüchig. Seine Frage lautete deshalb, wie viel Kraft in deren Erhaltung fließe und wie der eigentliche Auftrag wieder ins Zentrum rücken könne. Hoffnung bedeute dabei, die Herausforderungen wahrzunehmen und die eigenen Möglichkeiten ehrlich einzuschätzen.
„Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können“, sagte Zimmermann. Wer sich bilde, arbeite dagegen daran, etwas zu werden. Beides sei unverzichtbar. Bildung müsse aber auch ermöglichen, ein eigenes Verständnis vom Menschsein und vom eigenen Platz in der Welt zu entwickeln.
Hier könne Religionsunterricht einen besonderen Beitrag leisten. Er eröffne einen Freiraum gegenüber dem Druck, sich ständig zu verbessern und für die Zukunft möglichst leistungsfähig zu werden. Junge Menschen müssten auch erfahren dürfen, dass Fehler und Grenzen zum Leben gehören. Ihre Würde hänge nicht davon ab, ob sie Erwartungen erfüllen oder sich erfolgreich optimieren.
Dazu gehöre das Staunen: über die Weite des Universums ebenso wie über die Fähigkeit des Menschen, diese überhaupt wahrzunehmen. Ebenso wichtig sei der Blick nach innen. Menschen seien durch Familie, Gesellschaft und persönliche Erfahrungen geprägt. Dennoch stelle sich ihnen die Frage nach Freiheit und Verantwortung – besonders dort, wo sie dem Leid eines anderen begegnen.
Bei den Erfahrungen der Kinder beginnen
Wie lässt sich ein solcher Unterricht gestalten? Zimmermann verwies auf die ignatianische Pädagogik. Ihr Ausgangspunkt sei die persönliche Erfahrung. Etwas zu erleben bedeute noch nicht, es auch bewusst an sich heranzulassen. Erst die Auseinandersetzung damit könne zu vertiefter Einsicht und verantwortlichem Handeln führen.
Anschaulich machte er dies am Beispiel eines Kindes, das lügt. Neben der Frage nach dem Fehlverhalten könne die Frage stehen, welches Bedürfnis dahinterliege. Vielleicht versuche das Kind, sich gegenüber Erwachsenen einen eigenen Freiraum zu sichern. Dies zu verstehen heiße, gemeinsam andere Wege zu suchen, Freiheit zu gestalten. Der Unterricht nehme damit die Lebenswirklichkeit der Kinder ernst, ohne auf Orientierung zu verzichten.
Erfahrung, Reflexion und Handeln gehören für Zimmermann zusammen. Das ignatianische „Magis“, das „Mehr“, meine dabei keine Steigerung von Leistung oder Stoffmenge. Gemeint sei ein Mehr an Tiefe: bewusster wahrnehmen, mehr lieben und daraus handeln.
Schon zu Beginn hatte Zimmermann die Teilnehmenden eingeladen, den eigenen Beweggründen und Kraftquellen nachzuspüren. Darin zeigte sich der Ansatz: Wer junge Menschen begleitet, braucht selbst Gelegenheit, innezuhalten. Religionsunterricht gewinnt so Profil, wenn er Fragen zulässt, Erfahrungen erschließt und Menschen darin unterstützt, ihr Leben verantwortlich zu gestalten.