
Meine Familie würde vermutlich sagen, ich bin mit einem „Raketenantrieb“ geboren. Wenn etwas ansteht, dann am liebsten gleich. Zügig, effizient und mit dem Blick schon beim nächsten Punkt auf der To-do-Liste.
Und dann gibt es da ein Kind in meiner Familie, das die Dinge gerne etwas gemütlicher angeht. Schuhe anziehen? Hat keine Eile. Jacke suchen? Kommt noch. Und während mein innerer Raketenantrieb bereits die Startfreigabe erteilt hat, ist dieses Kind noch ganz entspannt in der Vorbereitungsphase.
Oft schon hab ich geholfen, erinnert, beschleunigt – oder zumindest dezent darauf hingewiesen, dass wir jetzt wirklich losmüssen.
Aber ich frage mich immer öfter: Muss es wirklich schneller gehen?
Und jetzt machen wir ein kleines Gedankenexperiment:
Fünf Minuten – sind die wirklich so relevant?
Fünf Stunden? Da müssen wir vielleicht schon genauer hinschauen.
Fünf Tage? Da wird es in vielen Situationen tatsächlich wichtig.
Aber diese fünf Minuten, in denen ein Kind selbst versucht, den Reißverschluss zu schließen, den Turm fertigzubauen oder eine eigene Lösung zu finden? Sind sie wirklich verlorene Zeit?
Oder schenken wir unserem Kind gerade etwas Wertvolles: Zeit zum Ausprobieren, zum Lernen und zum Erleben: Ich kann das selbst!
Natürlich gibt es Momente, in denen fünf Minuten den Unterschied machen. Der Bus wartet nicht auf unsere pädagogische Haltung, und manchmal muss es einfach weitergehen. Auch mein Raketenantrieb lässt sich nicht immer auf Stand-by schalten.
Aber wie oft könnten wir es eigentlich ein bisschen entspannter angehen?
Nicht jedes Kind muss schneller werden. Vielleicht dürfen wir Erwachsenen manchmal einfach etwas langsamer werden - ich übe mich immer wieder darin.
Gerade im Alltag mit Kindern lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Nicht sofort helfen, nicht gleich übernehmen, nicht jede Verzögerung als Problem betrachten. Sondern kurz innehalten, beobachten und zutrauen.
Denn Kinder haben oft ein erstaunlich gutes Gespür dafür, wie viel Zeit sie gerade für ihre kleinen großen Herausforderungen brauchen. Wir Erwachsenen sind dagegen gedanklich häufig schon drei Schritte weiter.
Schenken wir Kindern immer wieder diese fünf Minuten. Nicht als starre Regel und nicht mit der Stoppuhr in der Hand. Sondern als kleine Entscheidung, ihnen Raum zu geben.
Und vielleicht schenken wir uns selbst dabei gleich etwas mit: weniger Stress, mehr Gelassenheit und den einen oder anderen überraschenden Moment.
Mit meinem Raketenantrieb. Und mit einem Kind, das mich immer wieder daran erinnert, dass nicht alles schneller gehen muss, nur weil es schneller gehen könnte.
Denn manchmal sind fünf Minuten nicht verlorene Zeit. Sondern geschenkte Entwicklungszeit.