
Von Andreas Haller
Eigentlich wollte Werner Walser Priester werden. Eigentlich. Dann kam Marianne dazwischen. Oder besser gesagt: ein Lagerfeuer im Innsbrucker Klostergarten. Wegen eines Gelbsuchtfalls im Internat war der Ausgang gestrichen worden. Also traf man sich am Lagerfeuer. Schon am dritten Tag, bei einem Spaziergang zu einer Ruine, war für beide klar: Wir heiraten. Vier Kinder sollten es werden. Und wurden es auch. Fast fünf Jahrzehnte Ehe liegen mittlerweile hinter ihnen. Dazu kommen Tausende Paare, die sie bei den Beziehungstagen des EFZ begleitet haben.
In all den Jahren hat sich einiges verändert. Zum Beispiel das Heiratsalter. Während früher oft schon Anfang 20 geheiratet wurde, sind viele Paare heute über 30, wenn sie vor den Traualtar treten. Und auch die kirchliche Hochzeit ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Wer heute kirchlich heiratet, entscheidet sich häufig ganz bewusst dafür, so die Walsers. Und das richtige Alter? Gibt es wohl nicht. Einmal fragte eine junge Teilnehmerin, gerade Anfang 20, ob sie und ihr Partner denn nicht viel zu jung fürs Heiraten seien. Früher wäre sie damit in bester Gesellschaft gewesen. Heute fast schon eine Exotin. Die Walsers sehen es gelassen: Wer jung heiratet, kann gemeinsam wachsen. Wer erst mit Mitte 30 vor den Traualtar tritt, bringt dafür schon einiges an Lebenserfahrung mit. Und vielleicht auch ein bisschen Ballast.
Auch die Rollenbilder haben sich verändert. Der Mann verdient das Geld, die Frau kümmert sich um Kinder und Haushalt? Das war einmal. Zumindest ist es längst nicht mehr die Regel. Heute sind häufig beide berufstätig. Gut so, finden die Walsers. Nur einfacher ist das gemeinsame Leben dadurch nicht unbedingt geworden. Wer bleibt daheim, wenn das Kind krank ist? Wer übernimmt welche Aufgaben? Und wer denkt bei all dem eigentlich noch an die Partnerschaft?
Genau hier setzen die Beziehungstage an. Denn während für Blumenschmuck, Hochzeitskleid und Gästeliste monatelang geplant wird, bleibt für die Ehe selbst manchmal erstaunlich wenig Vorbereitungszeit.
Die Begeisterung hält sich bei manchen Teilnehmenden anfangs allerdings in Grenzen. Schließlich ist die Ehevorbereitung für die kirchliche Trauung verpflichtend. Dazu kommen allerlei Vorurteile: Wird da den ganzen Tag gebetet? Muss man vor Fremden sein Innerstes nach außen kehren? Die Walsers kennen diese Befürchtungen. „In einer Viertelstunde haben wir sie alle“, erzählen sie mit einem Schmunzeln. Mit Humor und Offenheit ist das Eis schnell gebrochen. Es wird geredet, gelacht, manchmal werden zwischen den teilnehmenden Paaren sogar Freundschaften geschlossen.
Beruflich haben die beiden einiges an Erfahrung im Gepäck: Marianne ist Sozialpädagogin und Referentin bei Paarseminaren und Erziehungsvorträgen, Werner Sozialpädagoge, Lebens- und Sozialberater sowie Familientherapeut. Doch wer jetzt einen Fachvortrag erwartet, liegt daneben. Frontalunterricht und PowerPoint-Marathon? Fehlanzeige. Dafür gibt es Gespräche und zwei gezeichnete Rucksäcke, die für die Prägungen aus den Herkunftsfamilien stehen. Was nehmen wir mit in die gemeinsame Zukunft? Was lassen wir zurück?
Dass ein solcher Tag etwas bewegen kann, zeigt die Geschichte einer hochschwangeren Teilnehmerin. Beim Gespräch über religiöse Rituale erinnerte sie sich plötzlich an Bräuche ihrer Großeltern, die sie ihrem eigenen Kind weitergeben wollte. Am Ende umarmte sie Marianne, den Tränen nahe.
Nicht immer führt ein Beziehungstag allerdings schnurstracks vor den Traualtar. Einmal wurde danach sogar eine bereits geplante Hochzeit abgesagt. Einer Teilnehmerin war bewusst geworden, wie wenig sich ihr Partner auf sie und die gemeinsame Zukunft einließ. Auch solche Erkenntnisse können wichtig sein.
Und was haben die Walsers selbst von den vielen Paaren gelernt? Vor allem, offen zu bleiben und mit der Zeit zu gehen. Junge Menschen ernst nehmen, statt sie zu belehren. Die Begegnungen stimmen sie zuversichtlich.
Was braucht es nun, damit die Liebe auch nach Jahrzehnten nicht auf der Strecke bleibt? Marianne Walser braucht dafür keine lange Liste. „Wertschätzung und Versöhnung“ sind für sie die beiden entscheidenden Begriffe. Klingt einfach. Ist im Alltag zwischen Beruf, Kindern und Wäschebergen aber durchaus eine Kunst. Wertschätzung heißt, dem anderen auch einmal zu sagen, was man an ihm schätzt. Selbst wenn es „nur“ das gekochte Mittagessen oder die Hilfe im Garten ist. Das beliebte „Nicht geschimpft ist gelobt genug“ ist da definitiv die falsche Herangehensweise. Und Versöhnung? Nicht jeden Streit ewig mit sich herumtragen, sondern wieder aufeinander zugehen.
„Reparieren statt wegwerfen“ lautet denn auch ein Grundsatz ihrer Paarberatung. Nicht jede Krise muss das Ende einer Beziehung bedeuten. Um jeden Preis zusammenbleiben? Nein, auch das nicht. Aber miteinander reden, Schwierigkeiten angehen und sich, wenn nötig, Hilfe holen. Und neben der Gemeinsamkeit auch Freiräume lassen. Schließlich müssen Marianne und Werner nicht alles im Doppelpack machen.
Inzwischen haben die Walsers ihre Beziehungstage auf wenige Termine im Jahr reduziert. Ganz aufhören? So weit sind sie noch nicht. Zu viel Freude machen ihnen die Begegnungen und die Rückmeldungen von Paaren, die sich noch Jahre später an ihren Beziehungstag erinnern.
Und was geben sie jungen Paaren mit auf den Weg? Nicht zu schnell aufgeben. Die Beziehung pflegen. Und das gemeinsame Leben nicht aus den Augen verlieren. Schließlich wissen Marianne und Werner nach fast fünf Jahrzehnten Ehe, wovon sie reden. Und worauf es am Ende ankommt? „Gemeinsam und nicht einsam.“
