
Jetzt spinnen sie doch komplett … oder vielleicht doch nicht?
Auf den ersten Blick könnte man tatsächlich den Kopf schütteln: Der Kreuzweg aus der alten Pfarrkirche taucht plötzlich in der neuen Kirche auf. Eine ganz gewöhnliche Büroleuchte hängt in den Zweigen beim Naturfriedhof. Statuen werden verhüllt. Licht bringt das versteckte Innere einer Kirche nach außen. Menschen aus dem Umfeld werden nach ihren Vorstellungen und Wünschen gefragt.
Was passiert hier eigentlich?
Die Studierenden der Sommeruni in Nofels sind mittlerweile von der Analyse in die Umsetzung gelangt. Und genau jetzt wird es spannend. Mit einer bemerkenswerten Ernsthaftigkeit, großem Respekt und gleichzeitig viel kreativem Mut loten die vier Labore – Licht, Kunst, Social Design und Architektur – die beiden Sakralräume in Feldkirch-Nofels aus.
Was im ersten Moment wie eine „Spinnerei“ wirken mag, ist bei genauerem Hinsehen mit großer Ernsthaftigkeit versehen.
Denn hinter den Interventionen steckt eine zentrale Frage: Was bedeuten diese beiden Kirchen für die Menschen heute – und was könnten sie in Zukunft bedeuten?
Wenn Vertrautes plötzlich fremd wird
Eine der künstlerischen Interventionen besteht darin, Statuen bewusst zu verhüllen. Warum sollte man etwas verstecken, das seit Jahren oder Jahrzehnten selbstverständlich zum Kirchenraum gehört?
Gerade darin liegt die Idee.
Erst wenn etwas fehlt, nehmen wir es bewusst wahr.
Das Verhüllen verändert den gewohnten Blick. Plötzlich wird sichtbar, was sonst selbstverständlich geworden ist. Die vertraute Statue, das vertraute Bild, der vertraute Raum – all das wird für einen Moment fremd. Und genau diese Irritation eröffnet die Möglichkeit, neu hinzusehen.
Vielleicht ist das eine der spannendsten Fragen, die sich durch die gesamte Sommeruni zieht: Was sehen wir eigentlich noch, wenn wir schon lange nicht mehr bewusst hinschauen?
Licht, das nach draußen geht
Auch das Lichtlabor nähert sich der alten Pfarrkirche auf ungewöhnliche Weise. Das Innere dieses besonderen Kirchenraumes soll nach außen wahrnehmbar werden.
Da der Raum seit Jahren als Depot genutzt wird, sollen diese versteckten Schätze über Licht nach außen dringen. Der Raum selbst beginnt gewissermaßen, mit seiner Umgebung in Beziehung zu treten.
Damit wird Licht mehr als reine Beleuchtung. Es wird zum Medium der Begegnung.
Die Kirche strahlt nicht nur im übertragenen Sinn nach außen, sondern stellt die Frage: Wie sichtbar ist dieser Ort eigentlich im Leben der Menschen, die rundherum wohnen? Und wie könnte er wieder stärker zu einem Ort werden, an dem Menschen zusammenkommen?
Was wünschen sich die Noflerinnen und Nofler?
Genau hier setzt das Labor für Social Design an.
Die Studierenden schauen nicht ausschließlich auf die Kirchen, sondern auf die Menschen, die mit ihnen leben. Sie gehen hinaus, suchen das Gespräch und fragen nach Wünschen, Anliegen und Gedanken.
Was brauchen die Menschen?
Was verbinden sie mit den beiden Kirchen?
Und wie könnten diese Orte in Zukunft als Zentrum für Nofels funktionieren?
Die Studierenden schauen von außen auf die beiden Kirchen – und bringen dadurch Stimmen von außen nach innen.
Damit wird aus einer architektonischen oder künstlerischen Aufgabe plötzlich eine gesellschaftliche Frage.
Darf eine Büroleuchte im Naturfriedhof hängen?
Und dann ist da noch diese Büroleuchte.
Sie hängt in den Zweigen beim Naturfriedhof und wirkt dort zunächst ungefähr so passend wie ein Fahrrad im Beichtstuhl.
Aber genau diese Irritation ist gewollt.
Die Interventionen der Sommeruni wollen nicht einfach schön sein. Sie wollen Fragen auslösen. Sie wollen irritieren, Gewohntes verschieben und neue Perspektiven ermöglichen.
Denn vielleicht braucht es manchmal genau dieses Fremde, um das Vertraute wieder wahrzunehmen.
Die Büroleuchte wird dadurch zum kleinen, sichtbaren Zeichen eines viel größeren Gedankenexperiments: Was passiert, wenn wir Dinge aus ihrem gewohnten Zusammenhang herausnehmen? Was sehen wir dann? Welche Erinnerungen, Fragen oder Assoziationen entstehen?
Zwischen Spiritualität, Begegnung und Zukunft
Im Kern geht es bei all diesen Experimenten um Themen, die weit über Architektur und Kunst hinausreichen.
Es geht um Begegnung, Spiritualität, Gemeinschaft und die Bedeutung des Glaubens.
Und damit um Fragen, die eine Pfarrgemeinde heute ganz unmittelbar beschäftigen: Wie können Kirchen Orte bleiben, an denen Menschen sich begegnen? Welche Rolle spielt Spiritualität in einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft?
Kontakt erwünscht
Wer mehr wissen will, darf gern direkt auf die Studierenden zugehen. Sie freuen sich sehr über jedes Gespräch, jeden Input, ganz besonders auch kritische. Und wir werden das Ganze noch weiter verfolgen. Am Freitag, den 4.September findet dann die Abschlusspräsentation um 18 Uhr in der Neuen Pfarrkirche statt. Alle sind herzlich eingeladen, die Arbeiten zu sehen und ins Gespräch zu komnen.