
Liebe versammelte Festgemeinde, liebe Mit-Glaubende!
Nathanaël, der in der Tradition mit Bartholomäus identifiziert wird, dessen Fest wir heute feiern, sagt diesen Satz, als Philippus ihm begeistert berichtet: „Wir haben den gefunden, über den Mose und die Propheten geschrieben haben: Jesus, den Sohn Josefs, aus Nazaret.“ Nazaret – kein bedeutender Ort, kein Ort, von dem man Großes erwartet. Und dieser Jesus? Was sollte ausgerechnet von ihm kommen? Wie könnte er derjenige sein, auf den Generationen von Menschen ihre Hoffnung gesetzt haben?
Vielleicht kennen wir diesen Satz besser, als wir im ersten Moment denken. Nicht laut, aber manchmal in uns: „Kann daraus wirklich etwas Gutes entstehen? Von dieser Person? Aus dieser Situation? Aus dieser Gruppe? Aus dieser Kirche, die vielleicht in manchem nicht unseren Erwartungen entspricht?“
Wir haben Vorstellungen davon, wie etwas sein muss, damit es gut werden kann. Und so entstehen rasch Urteile: Das kann etwas werden – und das eher nicht. Von da kann etwas kommen – von dort nicht. Natürlich, im Alltag hilft uns das, uns schnell zurecht zu finden. Doch manchmal lohnt sich ein zweiter Blick, ein genaueres Hinhören, eine Ausweitung unseres Horizonts.
Das ist, wozu uns das heutige Evangelium einlädt, indem es fragt: Was wäre, wenn Gott anders kommt, als wir denken?
Dazu möchte ich uns im folgenden drei Gedanken mitgeben. Der erste ist:
Wenn wir die biblischen Texte lesen, stoßen wir gleichsam als Grundmelodie immer wieder auf die Erfahrung: Gott sucht sich oft nicht das Offensichtliche aus. Jesus kommt nicht aus dem Zentrum, sondern aus der Peripherie. Gott spricht zu uns durch Menschen und an Orten, die wir nicht erwartet hätten.
Vielleicht müssen wir heute als Kirche neu lernen, mit dem Wirken Gottes zu rechnen – und zwar gerade dort, wo wir es nicht vermuten. Papst Franziskus wollte mit dem synodalen Kulturwandel in der Kirche zu dieser Offenheit ermutigen: Vielleicht spricht Gott gerade durch diesen Menschen. Vielleicht liegt in dieser Erfahrung etwas, das wir hören sollen. Vielleicht wächst Neues an einem Ort, den wir bisher übersehen haben.
Deshalb gilt es, neu zu lernen, achtsam hinzuhören, ohne vorschnelle Urteile. Auch dort, wo mir etwas zuerst fremd erscheint.
Und es gilt, unterscheiden zu lernen: Was von dem, das mir entgegenkommt, entspricht dem Geist Gottes, dem Geist des Lebens und der Liebe? Was trägt nachhaltig dazu bei, dass Menschen aufblühen, dass Leben gelingt, dass Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gestärkt werden?
Und was verspricht zwar Gutes, hinterlässt aber einen fahlen Nachgeschmack?
Rechnen wir also mit Gottes Wirken – auch an ungewohnten Orten.
Ein zweiter Gedanke:
Kehren wir an dieser Stelle zur biblischen Erzählung zurück: Denn dort geschieht etwas Bemerkenswertes. Jesus sieht Nathanaël und sagt: „Sieh, ein echter Israelit, an dem kein Falsch ist.“ Nathanaël fragt erstaunt: „Woher kennst du mich?“ Und Jesus antwortet: „Schon bevor dich Philippus rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen.“
Jesus sieht Nathanaël. Er nimmt ihn wahr. Nicht erst, nachdem er etwas geleistet oder den richtigen Glauben gefunden hat. Und: Er sieht ihn an, nicht mit einem beurteilenden (und schon gar nicht mit einem verurteilenden!), sondern mit einem liebevollen Blick: als Menschen – mit seiner einzigartigen Geschichte, seinen Fragen und Zweifeln.
Gesehen und erkannt zu werden, ist eine der tiefsten menschlichen Sehnsüchte. Wenn wir als Kirche in der Spur Jesu unterwegs sein wollen, gilt es, Menschen so anzusehen, wie Jesus das getan hat. Ihnen dort zu begegnen, „wo ihre Geschichte und ihre persönliche Freiheit sie hingeführt” hat (wie das Schlussdokument der Synode 2024 es formuliert). Und das ist nicht immer am Gipfel des Erfolgs, sondern manchmal auch auf Abwegen, in Momenten des Scheiterns, der Unsicherheit, des Zweifelns und Suchens. Gerade dort gilt es, ihre Würde zu schützen und sie mit ihren Gaben wahrzunehmen.
Eine synodale Kirche ist überzeugt: Ausnahmslos jeder Mensch bringt etwas mit, das für die Gemeinschaft und die Sendung der Kirche wichtig sein kann. Vermitteln wir Menschen deshalb:
Bei uns bist du gesehen: nicht zuerst als Kirchenbeitragszahler:in, als Mitarbeiter:in, als Funktionstärger:in. Bei uns darfst du sein, du musst dich nicht zuerst beweisen, wir nehmen dich ernst, und wenn du magst, bist du willkommen, dich einzubringen mit deinen Charismen, Talenten und Fähigkeiten.
Sehen wir die Menschen mit einem liebevollen Blick, mit dem Blick Jesu.
Ein dritter Gedanke:
Kehren wir ein letztes Mal zur Erzählung zurück: Nathanaël ist zunächst skeptisch. In dieser Situation versucht Philippus nicht, ihn zu überzeugen oder gar zu überreden. Er sagt einfach: „Komm und sieh!“
Das ist vielleicht eines der schönsten Worte für uns als Kirche: Komm und sieh! Nicht: Du musst erst alles glauben. Nicht: Du musst genau so sein und denken wie wir. Sondern: Komm. Schau. Geh ein Stück mit. Mach deine eigene Erfahrung.
Und vielleicht ist gerade das heute unsere Aufgabe als Christinnen und Christen: Orte zu schaffen, an denen Menschen etwas sehen und erfahren können: Etwas von Hoffnung. Etwas von Gemeinschaft. Etwas von Versöhnung. Etwas von Menschenfreundlichkeit. Etwas von der Freiheit, die Jesus schenkt. Etwas von einem Leben, das größer ist als die eigene Angst.
Komm und sieh: Sieh, was geschieht, wenn Menschen einander wirklich zuhören. Sieh, was geschieht, wenn einer dem andern Raum gibt. Sieh, was geschieht, wenn unterschiedliche Menschen ihre Begabungen einbringen. Sieh, was geschieht, wenn wir gemeinsam nach dem suchen, was dem Leben dient.
Komm, und sieh, und bring dich ein und gestalte mit.
Denn Kirche lebt davon, dass wir alle unsere Gaben und Charismen einbringen und als Getaufte Verantwortung übernehmen.
Für mich liegt darin die Botschaft dieses Evangeliums für unsere Kirche heute:
Und dann:
Lassen wir uns überraschen.
Lassen wir uns sehen.
Lassen wir uns führen.
Machen wir uns immer neu gemeinsam auf den Weg.