Der in Brasilien tätige Handelsdelegierte Ingomar Lochschmidt hatte bereits im November auf der Homepage der Wirtschaftskammer Österreich den aus Vorarlberg stammenden Bischof Dom Erwin Kräutler dafür kritisiert, das für österreichische Technologiefirmen wichtige Staudamm-Projekt am Rio Xingu zu behindern.

 

Pressemitteilung von Bischof Erwin Kräutler (23.12.)

Die Kritik an meinem Einsatz gegen das geplante Wasserkraftwerk Belo Monte, veröffentlicht auf der Webplattform einer österreichischen Interessensvertretung, hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Ein diesbezügliches Gespräch erfolgte in gegenseitigem Respekt und Hochachtung.

Ich bitte von weiteren Protestaktionen Abstand zu nehmen, denn sie konzentrieren sich zunehmend auf meine Person und lassen den Zusammenhang mit dem Wasserkraftwerk Belo Monte nahezu außer Acht.

Über den Xingu, die Entwicklung des Projekts Belo Monte, den Einsatz der indigenen Völker in diesem Kontext habe ich unter dem Titel „Herr, sie zertreten dein Volk, sie unterdrücken dein Erbteil“ (Ps 93 [94],5) unsere Bedrängnis dargestellt, der im Buch „ROT WIE BLUT DIE BLUMEN Ein Bischof zwischen Leben und Tod“, Otto Müller Verlag (2009), S. 81-108, veröffentlicht ist.
Eine Leseprobe finden Sie auf der Plattform Belo Monte.
http://plattformbelomonte.blogspot.com

Ich hoffe, dass sich möglichst viele Menschen für die Berichte, Fakten und Stellungnahmen interessieren und auf diesem Hintergrund ihr Bewusstsein schärfen für solidarisches Handeln und für Veränderungen.
Es ist mir ein Anliegen, dass Weihnachten für uns alle erlebbar wird. Die Menschwerdung Gottes will sich in der Welt, aber auch in unseren Familien ereignen.

An Weihnachten stimmen wir ein Loblied an und preisen Gott

für seine zärtliche Liebe,
die er uns schenkt, in der Herrlichkeit seiner Schöpfung;

für seine unendliche Güte,
denn er ist Mensch geworden, damit wir das Leben haben;

für seine befreiende Botschaft,
die Licht ist und Hoffnung auf unserem Weg.

Die Schöpfung vor Zerstörung schützen,
das Leben gegen Angriffe verteidigen
und Frieden stiften, als Frucht der Gerechtigkeit,
das ist die Anbetung, die Gott gefällt.

Erwin Kräutler
Bischof vom Xingu
Präsident des CIMI (Indigener Missionsrat)

 

Stellungnahme von Bischof Elmar Fischer (22.12.)

Aufgrund des gestrigen Autounfalles nimmt Bischof Elmar Fischer erst heute zur Kritik an Bischof Erwin Kräutler Stellung:

"Bischof Erwin Kräutler hat sich sein Leben lang an die Seite der Ärmsten der Armen gestellt. In einer Situation großer gesellschaftlicher Ungerechtigkeit ist er damit ein treuer Zeuge des Evangeliums Jesu Christi. Jesus war immer und in jeder Situation parteiisch für die Schwächeren.

Nun wird Bischof Kräutler kritisiert, weil er verantwortlich sei für Verzögerungen beim Bau eines Staudamms, der die Lebensgrundlage von vielen Menschen am Xingu-Fluss zerstören würde und negativste ökologische Auswirkungen hätte. Diese Kritik ist der Auswuchs eines Denkens, das das Wohl der Menschen gänzlich aus dem Blick verloren hat. Wir müssen uns fragen, besonders jetzt zur Weihnachtszeit, ob Materialismus und Gewinnmaximierung jeden Preis rechtfertigen."

 

Dokumentation der Stellungnahme der Selbstbesteuerungsgruppe Bischof Kräutler (20.12.)

Die "Selbstbesteuerungsgruppe Bischof Kräutler" meldet sich in der Causa Lochschmidt vs. Kräutler zu Wort:

"Auf der Homepage der WKO beklagt Dr. Ingomar Lochschmidt, Delegierter der österreichischen Außenhandelsstelle São Paulo, die Verzögerung des Baus des Großkraftwerks Belo Monte in Brasilien und macht als Ursache für diese Verzögerungen Bischof Erwin Kräutler aus.

Bischof Kräutler engagiert sich gegen diesen gigantomanischen Bau, weil dadurch riesige Flächen an Regenwald zerstört werden und damit die Wohngebiete der indianischen Urbevölkerung. Gleichzeitig ist mit katastrophalen ökologischen Folgen zu rechnen. Zudem seien zunehmend auch Experten einig, dass dieser Riesenstaudamm nur wenige Tage im Jahr Strom liefern wird, weil der Amazonas die restliche Zeit an dieser Stelle zu wenig Fließgeschwindigkeit habe.

Wir leben in einer Zeit, in der das Motto „Je größer, umso besser“ eigentlich schon längst obsolet geworden ist. Wir wissen alle aus Erfahrung, dass Riesenprojekte in ihrer Folgewirkung meist mehr Schaden als Nutzen stiften. Solche Überlegungen scheinen für Dr. Lochschmidt keine Rolle zu spielen, da er offensichtlich nur an die Aufträge an die Turbinenhersteller in Österreich und Deutschland denkt. Es geht ihm, wie es im Untertitel heißt, nur um „beste Geschäftsaussichten für österreichische Energie-Technologiefirmen“. Eine derart einäugige Form von Profitgier ist für uns in Zeiten wie diesen ethisch mehr als fragwürdig und wir hoffen, dass das nicht die grundsätzliche Haltung der WK darstellt.

Beleidigend ist für uns auch die absolut tendenziöse Darstellung des Engagements von Bischof Kräutler, der alles andere als ein grundsätzlicher Forschrittsverweigerer ist, sondern viel besser als Herr Dr. Lochschmidt weiß, warum er sich gegen diesen Bau wendet. Die ursprüngliche Ausdrucksweise war nämlich noch viel diffamierender und verrät umso mehr die Haltung Ihres Delegierten. Noch Ende November schreibt er vom „staatlich geehrten Talarträger“, der gegen alle Industrieprojekte wettere usw. Offensichtlich hat der Autor diese absolut geschmacklose Passage bereits selber geändert, aber auch das, was bleibt, ist genug. Schon der Ausdruck „Indianer und Vorarlberger“ in der Überschrift halten wir in diesem Zusammenhang nicht dem Niveau der WKO entsprechend.

Dr. Lochschmidt hat auch nie in Brasilien mit seinem Landsmann Kontakt aufgenommen, um ihn vielleicht selber zu fragen, weshalb er gegen diesen Großbau sei.

Bischof Kräutler steht seit über zwei Jahren unter täglichem Polizeischutz. Umso ärgerlicher sind deshalb diese öffentlichen Diffamierungen durch den österreichischen Handelsdelegierten, weil sie Wasser auf die Mühlen jener sein könnten, die auf den Bischof ein Kopfgeld ausgesetzt haben.

Die Wirtschaftskammer Vorarlberg haben wir Anfang Woche um eine Stellungnahme gebeten. Wir sind gespannt, wie lange dieser Artikel noch auf der Homepage der WKO stehen wird."

20.12.2009, Selbstbesteuerungsgruppe Bischof Kräutler
Margit und Markus Hofer
Egon und Eva Fitz

 

Reaktion aus der Wirtschaftskammer (20.12.)

Auch Manfred Rein, Präsident der Vorarlberger Wirtschaftskammer, distanzierte sich von den Aussagen von Ingomar Lochschmidt. Er zeigte sich im ORF Vorarlberg-Interview empört: "Das ist eine unnötige Aussage. Vor allem steht es dem Herrn Handelsdelegierten nicht zu, dass er sich hier politisch einbringt. Das ist sogar nicht erlaubt."

Er habe dem österreichischen Wirtschaftskammer-Präsidenten Christoph Leitl einen Brief geschrieben, so Rein. Darin bitte er ihn um Aufklärung und um eine sofortige Klarstellung.

Bischof Kräutler sei ein Kämpfer für die Rechtlosen und setze sich dort ein, wo Hilfe notwendig sei, sagt Rein. Deshalb sei es für ihn unverständlich, dass sich Lochschmidt von einer gewissen Lobby vorantreiben lasse. "Das muss sofort eingestellt werden", fordert Rein. Das ORF-Interview finden Sie hier.

 

Entschuldigung von Ingomar Lochschmidt (21.12.)

In einem Mail an die Redaktion am 21. Dezember hat sich Ingomar Lochschmidt mittlerweile für seine Aussagen gegenber Bischof Kräutler entschuldigt. Seine Nennung von Dom Erwin Kräutler sei im Zusammenhang mit der Wirtschaftsmission unnötig gewesen, weshalb er sich auch bei Bischof Kräutler für diese Formulierung entschuldigt habe.

"Es war jedenfalls nicht meine Absicht, Dom Erwin oder Menschen in seiner Diözese zu diffamieren oder herabzuwürdigen", so Lochschmidt. Auf die "mehr als unglückliche Formulierung" sei er vor einer Woche aufmerksam gemacht worden und habe die Passage dann auch geändert.

"Erwin Kräutler und alle Menschen, die sich aus christlicher Nächstenliebe um das seelische und körperliche Wohlergehen der Mitmenschen bemühen, verdienen unsere Hochachtung. Daß ich durch meine unüberlegten Zeilen das Gegenteil zum Ausdruck gebracht habe, bedauere ich ihm und Ihrer Leserschaft gegenüber," schließt Ingomar Lochschmidt seine Reaktion.