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Andreas Haller - Katholische Kirche Vorarlberg
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Das Du, das bleibt

Vor hundert Jahren suchten Martin Buber und Franz Rosenzweig in ihrer Bibelübersetzung nach einer Sprache, die das göttliche Du greifbar werden lässt. An dieses dialogische Erbe knüpft Tom Sojer in seinem Buch "Lichtdurchlässig" an. Darin führt er biblische Begegnungen literarisch in die Gegenwart.

Von Andreas Haller

 

Im Jahr 1925 begannen die jüdischen Philosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig unter schwierigsten Bedingungen ein außergewöhnliches Übersetzungsprojekt – geprägt von der schweren Krankheit Rosenzweigs sowie der zunehmenden politischen Bedrohung. Ihr Anliegen war es damals, die Bibel nicht zu modernisieren, sondern eine deutsche Sprache zu finden, die den Klang und Rhythmus des Hebräischen trägt. Vertraute Verse sollten so neue Tiefe gewinnen. Wo die Einheitsübersetzung beispielsweise in Genesis 1 beim hebräischen "Tohuwabohu " von "wüst und wirr" spricht, heißt es bei Buber und Rosenzweig: "Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal."

 

Diese Herangehensweise spiegelt Bubers dialogisches Denken wider: Sprache soll nicht erklären, sondern ansprechen – sie soll das Du hörbar machen. Damit wird sie mehr als ein Mittel der Vermittlung; sie wird zum Raum der Begegnung, zwischen Menschen sowie zwischen Mensch und Gott. Die Nähe zur hebräischen Ausdrucksweise erschließt dabei einen Deutungsraum, der nicht festlegt, sondern Beziehung stiftet.

 

Zwischenräume der Gegenwart

An diese Frage knüpft der Theologe Tom Sojer in seinem Buch "Lichtdurchlässig" an. Mit literarischen Erzählungen und Reflexionen überträgt er biblische Begegnungsszenen in die heutige Lebenswelt: Was passiert, wenn Menschen einander begegnen – und was, wenn es Gott ist, der uns begegnet? Diese Frage hat Martin Buber ein Leben lang beschäftigt, und sie prägt auch Sojers Werk.

 

Das Buch ist in 17 Kapitel gegliedert, die jeweils aus einem Bibeltext, einer literarischen Erzählung und einem Impuls bestehen. Die Geschichten verpflanzen uralte Motive in moderne Kontexte: in schlaflose Nächte in der Ringbahn, in sterile Krankenhäuser oder in flüchtige digitale Räume. Hier treffen Menschen aufeinander – verletzlich und suchend. Sojer zeigt, wie die Begegnungen Abrahams, Hagars, Hannas oder Hiobs in heutigen Situationen nachklingen können.

 

Vertiefung der Wirklichkeit

Sojers Stil lässt sich dem magischen Realismus zuordnen – nicht als Flucht in das Wunderbare, sondern als Verfeinerung der Wahrnehmung. Die Realität bleibt dieselbe und offenbart doch Schichten, die sich dem ersten Blick entziehen. Diese Erzählweise steht in der Tradition der chassidischen Geschichten, die Martin Buber gesammelt hat: Auch sie erschließen keine Gegenwelt, sondern vertiefen das Gegebene.

 

Magischer Realismus widerspricht der Wirklichkeit nicht – er lotet ihre Ränder aus. In diesem Sinn sind Sojers Texte kein Aufruf zur Flucht aus der Gegenwart, sondern ein Appell, genauer hinzusehen: auf Sprache, auf Begegnungen, auf das Geheimnisvolle im Alltäglichen.

 

„Lichtdurchlässig“ ist kein theologisches Lehrbuch – es öffnet vielmehr einen Raum, um offen zu bleiben für das Du, das uns begegnet: im Alltag, im Wort, im anderen Menschen. Und so jene Tiefe wiederzuentdecken, die Sprache als Begegnung erst erschließt.

 


 

Tom Sojer, Jahrgang 1988, ist Leiter der Bücherei Hohenems, Religionslehrer und Mitbegründer der Forschungsstelle Sprachkunst und Religion an der Universität Erfurt.

 

 

TVZ

Tom Sojer: Lichtdurchlässig.

 

Moderne Erzählungen zu biblischen Begegnungen

 

ISBN 978-3-290-18750-7 | EUR 22,00

 

Leseprobe

Veröffentlicht am 17.12.2025
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