
„Wenn man vom Sterben redet, verschwinden alle“, sagte der Referent gleich zu Beginn mit einem Schmunzeln. Umso mehr freute er sich über den vollen Saal.
Zum Einstieg lud der Palliativmediziner zu einem Gang durch die Geschichte ein. Was die Menschen der Steinzeit über den Tod dachten? „Wir wissen es eigentlich nicht.“ Nur in der Antike dagegen sei es „nicht darum gegangen, möglichst alt zu werden, sondern heroisch sterben zu können“. Dann kam im Mittelalter die Pest: „Plötzlich waren alle gleich vor dem Tod.“ Der Barock prägte das „Memento mori“ – bedenke, dass du sterben wirst – und zugleich das „Carpe diem“ - nütze den Tag.
Und heute? Gehmacher beschrieb einen eigenartigen Zwiespalt: „Man möchte jung bleiben bis zum Tod.“ Gleichzeitig hätten viele Angst, nicht sterben zu dürfen, weil sie vielleicht auf der Intensivstation an Apparate gefesselt seien. Neu sei die Vorstellung, den Zeitpunkt des eigenen Todes selbst zu bestimmen: „Auch das wird planbar.“
Medizinisch unterscheidet man den klinischen Tod, den Hirntod und den biologischen Tod, der Stunden bis Tage dauern kann. „Je nachdem, welche Definition wir hernehmen, gibt es unterschiedliche Zeitpunkte.“ Was danach kommt, kann niemand beantworten. Nahtoderfahrungen gäben Hinweise, „aber letztendlich wissen wir es nicht, und das werden wir auch nie wissen“.
Auch was „Sterben“ meint, sei nicht eindeutig: für die einen der letzte Atemzug, für andere die Wochen und Monate davor. „Auch mit viel Erfahrung kann ich nicht sagen, wie lange jemand lebt“, so der Oberarzt. Er erzählte von Angehörigen, die tagelang am Bett wachen und deren Vater genau in dem Moment stirbt, in dem sie kurz Kaffee trinken gehen. Vielleicht falle das Loslassen leichter, wenn die engsten Menschen nicht im Raum sind.
„Was immer in den letzten Stunden geschieht, kann viele Wunden heilen, aber auch als unerträglich in Erinnerung bleiben.“ Darum sei es zentral, Schmerzen und Beschwerden wirksam zu lindern. Oft wünschten sich erschöpfte Angehörige, dass es endlich vorbei sei. „Einige Wochen später hören wir dann: Diese Zeit war extrem wertvoll.“
Ganz praktisch wurde der Abend beim Thema Vorsorge. In einer Patientenverfügung kann man medizinische Behandlungen ablehnen. Eine verbindliche Verfügung ist rechtlich bindend und acht Jahre gültig. Gehmacher bemerkte dazu: „Ich kann als Gesunder nicht genau vorhersehen, in welche medizinische Situation ich komme.“ Wer gesund eine Chemotherapie ausschließe, wolle als Kranker oft doch weiterbehandelt werden. Mit einer Vorsorgevollmacht kann man eine Vertrauensperson bestimmen, die für einen entscheidet.
Der Palliativmediziner plädierte für einen Vorsorgedialog: ein Gespräch, das alle drei bis sechs Monate neu geführt wird und in einen Notfallplan mündet. „Ganz wichtig ist mir, dass wir die Möglichkeit des Nichtentscheidens offenlassen. Nicht jeder will diese Entscheidung treffen.“
Nebenbei gab Gehmacher Einblick in den Alltag seiner Station in Hohenems. Im Mittelpunkt steht die Linderung von Schmerzen und Beschwerden. Junge Mütter, die sich von kleinen Kindern verabschieden müssen, werden ermutigt, ein Vermächtnis zu hinterlassen: einen Brief, ein Kissen zum Festhalten oder ein aufgezeichnetes Interview, das das Kind zum 16. Geburtstag bekommt. Das Team setzt auf „erzählende Medizin“, die neben Studiendaten auch die Geschichten der Menschen ernst nimmt. Daraus entstand ein Buchprojekt: Vorarlberger Autorinnen und Autoren führten Gespräche mit Patientinnen und Patienten und schrieben darüber. Wer sich vorbereiten will, kann einen Letzte-Hilfe-Kurs besuchen, den auch das Hospiz anbietet. „Letzte Hilfe ist genauso wichtig wie Erste Hilfe.“
„Ich glaube, das Wichtigste ist, das Leben zu lernen“, betonte Gehmacher. „Es ist in meinen Augen immer extrem traurig, wenn sich jemand Wünsche und Pläne für die Pension aufhebt.“ Sterbende bedauerten am häufigsten, nicht den Mut gehabt zu haben, das eigene Leben zu leben, zu viel gearbeitet, ihre Gefühle nicht gezeigt und Freundschaften vernachlässigt zu haben.
Und schließlich lerne man von den Patientinnen und Patienten selbst. „Ich finde es immer wieder faszinierend, mit welcher Kraft und Energie Menschen am Lebensende diesen Weg gehen. Wir können von ihnen lernen.“ Etwa von einer 101-jährigen Patientin, die als junge Frau aus Schlesien geflohen war, im Montafon unter einfachsten Verhältnissen neun Kinder großzog und noch im Alter für drei Monate nach Indonesien reiste, mit ihrer Schreibmaschine im Gepäck.