
„Woher soll ich das wissen? Ich bin für das Ende zuständig.“ So antwortet die Todin, als die Lebende von ihr wissen möchte, was sie denn tun solle. Eine überraschend nüchterne Auskunft von einer Figur, die seit Jahrhunderten als letzte Instanz auftritt. Doch diese Todin weiß offenbar auch nicht alles. Schon gar nicht, wie man richtig lebt.
Am 11. November wird auf dem Rankweiler Liebfrauenberg der Totentanz „Alles ist hin“ uraufgeführt. Stephanie Gräve führt Regie und verkörpert die Todin. Ihr gegenüber steht Elke Maria Riedmann als die Lebende. Zwischen ihnen entfaltet sich ein ungewöhnlicher Theaterabend, der Literatur aus mehreren Jahrhunderten miteinander ins Gespräch bringt.
Was der Tod durcheinanderbringt
In den mittelalterlichen Totentänzen ging es ausgesprochen unstandesgemäß zu. Papst und Kaiser mussten ebenso mit dem Tod gehen wie Kaufmann, Bauer oder Bettler. Alle Unterschiede, auf denen die gesellschaftliche Ordnung beruhte, waren plötzlich belanglos.
Heute trifft der Tod auf eine andere Ordnung. Unser Leben ist durchgetaktet, auf Fortsetzung angelegt und voller Vorhaben, die möglichst keinen Aufschub dulden. Goethes Faust wäre darin vermutlich bestens zurechtgekommen. Immer weiter, immer mehr. Selbst der erfüllte Augenblick genügt ihm nicht.
Fünf literarische Kreise erkunden unterschiedliche Seiten dieser menschlichen Unruhe. Heinrich von Kleists Beschäftigung mit Freiheit und Selbstbestimmung bildet eine Klammer. Bei Carlos Ruiz Zafón geht es um das Verschwinden aus der Erinnerung, bei Michail Bulgakow um die trügerische Gewissheit, das eigene Leben im Griff zu haben. José Saramago lässt schließlich den Tod ganz ausfallen und beobachtet, wie eine Gesellschaft daran scheitert, dass niemand mehr stirbt.
Dazwischen gibt es Komik, groteske Wendungen und eine Todin, die gelegentlich erstaunlich höflich auftritt.
Einen eigenen Kreis nimmt Carl Lampert ein. Seine Geschichte führt in eine Wirklichkeit, in der der Tod bewusst als Instrument politischer Herrschaft eingesetzt wurde.
Überwachung, Verhaftungen, Verhöre und schließlich das Todesurteil bestimmten die letzten Jahre seines Lebens. Je enger sein äußerer Handlungsspielraum wurde, desto deutlicher tritt in seinen Briefen ein Gedanke hervor: die „Kraft und Größe innerer Freiheit“.
Lampert wusste um die Macht seiner Verfolger. Er hatte erfahren, wie weit sie reichte. Dennoch blieb ihm die Möglichkeit, sich ihren Forderungen zu verweigern. Sein Widerstand war keine abstrakte Haltung. Er bestand aus Entscheidungen, die konkrete Folgen hatten.
Der Totentanz stellt Lampert neben andere Menschen, die sich der Gewalt eines politischen Systems widersetzten. Dabei geht es auch um eine unbequeme Frage: Wie viel Macht hat ein Regime tatsächlich über einen Menschen, wenn es dessen Leben auslöschen, seine Überzeugungen aber nicht vollständig beherrschen kann?
Elisabeth Heidinger hat den Totentanz eigens für den Rankweiler Liebfrauenberg geschrieben. Die Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgen das Geschehen vom geschützten Wehrgang der Basilika aus. Unter ihnen liegt der Friedhof, auf dem sich die Figuren begegnen. Die vorhandene Architektur, die Grabsteine und die Dunkelheit des Novemberabends gehören zur Inszenierung.
Die Violine von Yashar Noroozi, die Orgel von Gérard Mariani und die Stimmen eines Bürger erweitern diesen ungewöhnlichen Bühnenraum.
„Alles ist hin“ erzählt keine fortlaufende Geschichte. Die literarischen Kreise lassen unterschiedliche Gedanken über Sterblichkeit, Erinnerung, Freiheit und das menschliche Verlangen nach immer mehr aufeinandertreffen. Manche widersprechen einander. Andere bleiben unaufgelöst.
Und die Todin? Sie lässt sich auf diese Fragen ein, ohne sich zur Expertin für das Leben erklären zu lassen.
„Alles ist hin“. Totentanz auf dem Liebfrauenberg
Aufführungen: 11., 12. und 13. November 2026, jeweils 19.30 Uhr
Ort: Wehrgang und Friedhof der Basilika Rankweil
Regie und Todin: Stephanie Gräve
Die Lebende: Elke Maria Riedmann
Text und Dramaturgie: Elisabeth Heidinger
Musik: Gérard Mariani (Orgel), Yashar Noroozi (Violine)
Mitwirkende: Bürger
Eine Veranstaltung des Mesnerstüble Rankweil in Zusammenarbeit mit der Pfarre Rankweil und dem Carl Lampert Forum im Rahmen der Carl-Lampert-Wochen 2026.