
Zwischen Sehnsucht und Widerstand
Im Anschluss rückte Regina Laudage-Kleeberg, Autorin des Buches „Obdachlos katholisch“, noch einmal die Frage nach Zugehörigkeit in den Mittelpunkt. Sehr persönlich beschrieb sie am Beispiel des Kölner Doms einen Ort, der für sie gleichzeitig spirituelle Heimat und Ort der Entfremdung ist. Diese Spannung kennt sie auch mit Blick auf die Kirche insgesamt: auf der einen Seite die Sehnsucht, mit dem Glauben, seinen Werten und der Hoffnung auf Erlösung und Auferstehung verbunden zu bleiben – auf der anderen Seite Wut und Widerstand angesichts institutionellen Versagens und insbesondere des Umgangs mit Missbrauch. Diese „Zerrissenheit“, so Laudage-Kleeberg, erleben viele Menschen, die katholisch bleiben möchten und zugleich mit ihrer Kirche ringen. Kritik muss deshalb nicht das Gegenteil von Zugehörigkeit sein, sondern kann gerade Ausdruck tiefer Verbundenheit sein.
Angebot statt Gesetz
Was bedeutet das für eine Kirche, die Menschen Heimat geben möchte? Laudage-Kleeberg plädierte dafür, weniger darauf zu warten, dass Menschen zur Kirche kommen, und sich stattdessen stärker dorthin zu bewegen, wo sie leben. Zugehörigkeit kann dabei schon durch kleine Gesten entstehen: Menschen an der Kirchentür willkommen heißen, Gebete so zugänglich machen, dass sich niemand schämen muss, oder ihnen schlicht das Gefühl vermitteln, gesehen und angenommen zu sein. Ihr Leitgedanke: „Angebot statt Gesetz“. Der Auftrag von Kirche sei nicht Mitgliederwerbung. Vielmehr gehe es darum, als Christ glaubwürdig anzubieten, was einen selbst trägt, ohne es anderen aufzudrängen. Denn jeder Mensch ist von Gott bedingungslos bejaht und geliebt – unabhängig davon, ob er Teil der Kirche ist oder wird.
Für Begeisterung sorgte bei Laudage-Kleeberg auch ein digitales Angebot der Diözese: der KI-Chatbot Antonius. Mehrfach bezog sie ihn spielerisch in ihren Vortrag ein, ließ ihn Begriffe wie Ambivalenz und Zugehörigkeit aufgreifen und zeigte sich beeindruckt davon, wie selbstverständlich die Diözese mit dieser neuen Technologie experimentiert. Dahinter steckt für sie eine größere Frage: Wie kann Kirche in einer Lebenswelt präsent sein, in der Künstliche Intelligenz längst zum Alltag vieler Menschen gehört? Laudage-Kleeberg sieht darin auch eine Chance für die Pastoral. Wenn KI bei Sachinformationen, Strukturen und Routinen unterstützt, könne für Seelsorger mehr Zeit für das bleiben, was Technologie nicht ersetzen soll: Empathie, Wärme, persönliche Begegnungen und tiefgehende Gespräche. Zum Abschluss ermutigte sie deshalb dazu, diese neue Realität aktiv aufzugreifen – nicht als Selbstzweck, sondern um Freiräume zu gewinnen: für einen Besuch, einen handgeschriebenen Kondolenzbrief oder ein Gespräch, das über „Tür und Angel“ hinausgeht.
Vielleicht liegt darin eine Antwort dieses Tages: Kirche gibt Heimat nicht allein dadurch, dass sie Räume besitzt. Heimat entsteht dort, wo Menschen Raum bekommen – wo ihre Stimme zählt, wo ihnen zugehört wird, wo sie fragen und zweifeln dürfen und wo sie erfahren, dass sie willkommen sind. Mit der Sendungsfeier und dem Gottesdienst mit Bischof Benno Elbs bekam dieser Gedanke am Ende des Herbstsymposions noch einmal eine konkrete Richtung: hinauszugehen, Menschen zu begleiten und ihnen dort zu begegnen, wo sie sind.



