
Von Katharina Körber, Mitarbeiterin im Archiv der Diözese Feldkirch
Als die 14-jährige Bernadette Soubirous im Jahr 1858 von ihren Visionen in einer abgelegenen Grotte bei Lourdes berichtete, löste dies eine Welle der Marienverehrung aus.
Ein sichtbares Erbe dieser Zeit sind die zahllosen Lourdes-Grotten, die als Nachbildungen in vielen europäischen Ländern entstanden. Diese Andachtsstätten unterliegen einer einheitlichen Gestaltungssprache. Um die originale Felsgrotte zu imitieren, wurden Nischen aus Bruchstein, Schlacke oder Tuffstein gemauert. Im Zentrum steht stets dasselbe Bildnis, die Madonna in strahlendem Weiß, um die Taille ein blaues Band und die Hände andächtig zum Gebet gefaltet. Dieses Erscheinungsbild verdanken wir dem Bildhauer Joseph-Hugues Fabisch aus Lyon. Er schuf 1864 die erste Statue und versuchte dabei, die persönlichen Schilderungen von Bernadette Soubirous so detailgetreu wie möglich in Stein zu fassen.
Doch was kaum jemand weiß, diese Statue steht nicht in Frankreich, sondern hat ihre Heimat in Bregenz gefunden.

Der Grund dafür war ein schlichter Messfehler. Nach der Fertigstellung stellte sich heraus, dass Fabischs Entwurf für die Felsnische in Lourdes zu klein geraten war. Während für die französische Grotte eine neue, imposantere Statue angefertigt wurde, trat das Erstlingswerk eine ungewöhnliche Reise an. Zunächst gelangte es als Geschenk an Papst Pius IX. in den Vatikan. Dessen Nachfolger, Leo XIII., übergab die Statue an Gräfin Karoline Therse Raczynski, die damals in ihrer Villa in Bregenz (heute Teil der Schulen Marienberg) lebte.
Vorerst fand die Madonna in der privaten Hauskapelle ihren Platz. Als die Gräfin an Typhus erkrankte, versprach ihr Ehemann Graf Karl Eduard Raczynski bei ihrer Genesung die Errichtung einer Kapelle. Die Gräfin wurde gesund und der Graf hielt Wort. Er ließ die Lourdes-Kapelle auf dem Vorplatz des Bregenzer Kapuzinerklosters erbauen. Im September 1888 wurde die Marienstatue in einer feierlichen Prozession in die neue Kapelle übertragen. Zahlreiche Menschen säumten die Straßen, als vier Kapuzinerpatres die Statue auf ihren Schultern zu ihrem neuen Bestimmungsort trugen. 1913 erhielt sie durch Bischof Waitz ihre Krone.

Wer heute vor der Madonna in der Bregenzer Lourdes-Kapelle inne hält, blickt also auf jenes Werk, das den Schilderungen der Bernadette Soubirous am nächsten kommt. Ein stilles Zeugnis europäischer Glaubensgeschichte im Herzen der Stadt Bregenz.
Lourdes-Kapelle, Gallusstraße 3, 6900 Bregenz (ehemaliges Kapuzinerkloster, heute Niederlassung der Schwestern der Hl. Klara)
Lit.: Die Lourdes-Kapelle bei der Kapuzinerkirche und die vormalige Hauskapelle auf Villa Raczynski. Andreas Ulmer, 1942. In: Bregenz - Manuskript der Pfarrgeschichte (im Diözesanarchiv).
Die mehrteilige Serie "Ans Licht gebracht" des Diözesanarchivs Feldkirch macht verborgene Schätze sichtbar.
Teil 1: Fasching vor 200 Jahren
Teil 2: Das Fastentuch im Marianum