Marko Feingold kennt man - bis zu seinem 107. Lebensjahr war der Holocaustüberlebende ein unermüdlicher Zeitzeuge. Die posthume Dokumentation „Ein jüdisches Leben“ erzählt seine Geschichte - und weit darüber hinaus.

„Ich bin heute 105 Jahre alt und immer noch am Leben obwohl ich in meinem Leben schon viele Male gestorben bin. Ich habe vier KZs überlebt. 6 Jahre lang. Ich erzähle meine Geschichte jetzt schon über 70 Jahre und ich bin immer noch nicht fertig. Ich bin so lange nicht fertig, solange es Menschen gibt, die das, was mir passiert ist, leugnen.“ Mit diesen Worten eröffnet Marko Feingold „seinen Film“. Einen Film gegen das Vergessen, gegen Antisemitismus, gegen  Hass, das Schweigen und Verleugnen - für ein „Niemals wieder“.

Feingold: Kein Mensch mehr, nur eine Nummer

Er erzählt vom Brot seiner Kindheit, in das Sägespäne eingebacken waren, vom antisemitischen Lehrer, davon, dass er nicht gerne in die Schule ging und lieber ein „Prater-Kind“ war, vom Schmuggeln mit seinem Vater und von seiner Religion, die er „elastisch“ nennt: „Da steht nur ‚du sollst‘, nicht ‚du musst‘“, grinst er in die Kamera. Er beschreibt seine heißgeliebten Raulederschuhe und italienischen Anzüge, die damals eine Rarität waren und gibt zu „sehr sehr eitel“ gewesen zu sein. Da habe man aufpassen müssen, dass einem die Frauen beim Tanzen nicht auf die Schuhe "trampeln".

Marko Feingold nimmt die ZuschauerInnen mit auf die Reise in die Vergangenheit zu einem unbeschwerten jungen Juden, der mit seinem Bruder Ernst Italien bereiste und aufgrund eines abgelaufenen Passes 1938 nach Wien kommt. Ein schicksalhaftes Ereignis, denn kurz nach dem "Anschluss" werden die Feingolds von den Nazis verhaftet. Gemeinsam mit seinem Bruder Ernst kommt er nach Auschwitz , wo man ihnen ihr Geld abnahm und ruhig erklärte, dass ihre Lebensdauer maximal bei drei Monaten liege. „Innerhalb einer Stunde war man kein Mensch mehr, sondern eine Nummer“, schüttelt Feingold den Kopf.

Vom Hunger und den "Saujuden"

Vier KZs hat Marko Feingold überlebt. "Ich hab mich erschrocken, dass ich mich selbst nicht erkannt habe nach einem Jahr", berichtet Feingold von seinem Spiegelbild im KZ Neuengamme. Und erzählt, wie es war im Lager zu sein, vom Dauerbegleiter Hunger, dass man kurz nach dem Einmarsch 1938 plötzlich ein „Saujud“ war, wie er durch "eine unheimliche Aneinanderreihung von Wundern" überleben konnte und wie er vom Tod seines Bruders Ernst erfuhr. "Na", schüttelt er immer wieder den Kopf.

Marko Feingold in schwarz-weiß

114 Minuten tauchen die ZuschauerInnen (nicht nur bei der Premiere) mit in die Vergangenheit ein  - leiden und lachen mit Feingold, schütteln den Kopf und spüren, wie es kalt den Rücken runter läuft. Marko Feingold in schwarz-weiß. Frontal und im Profil. Grinsend und kopfschüttelnd. Auf jeden Fall aber packend. Interviews, historische Aufnahmen sowie Ausschnitte aus Dokumentationen des Zweiten Weltkriegs unterbrechen Feingolds Worte. Noch heute wache er manchmal schweißgebadet auf und denke er sei im Lager. Umso weniger kann er verstehen, dass viele Menschen diese Zeit verleugnen. „Ist es wirklich möglich, dass so viele Leute so  schnell verdauen oder vergessen oder verdrängen?“, fragt er.

Das "Buchenwald- Lied" - rezitiert und gesungen - begleitet die ZuschauerInnen am Ende mit nach Hause. Die Fertigstellung der Dokumentation konnte Marko Feingold leider nicht mehr erleben, vier Monate nach seinem 106. Geburtstag starb er - im Film kämpft er weiter.

O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen,
weil du mein Schicksal bist.
Wer dich verließ, der kann es erst ermessen,
wie wundervoll die Freiheit ist!
O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen,
und was auch unser Schicksal sei,
wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen,
denn einmal kommt der Tag: dann sind wir frei!

Marko Feingold – Ein jüdisches Leben

AUT 2021 | 114 Minuten | Originalfassung
Regie: Christian Krönes, Florian Weigensamer, Christian Kermer, Roland Schrotthofer

22. und 28. Oktober, 19.30 Uhr, Spielboden Dornbirn; Eintritt 10 € / 8 €
www.spielboden.at, T 05572 21933
28. Oktober: 20.30 Uhr sowie
29. und 30. Oktober: 22 Uhr, jeweils Theater am Saumarkt, Feldkirch; T 05522 72895,
www.saumarkt.at