'Wohnstraße' ist eine Wortschöpfung, die eine Form der Verkehrsberuhigung bezeichnet. In vielen Metropolen bedeutet der Begriff, was er bezeichnet: wohnen auf der Straße. Das Don Bosco Hilfswerk 'Jugend Eine Welt' hat deshalb den 31. Jänner zum Tag der Straßenkinder ausgerufen. Ein Ruf, der betroffen macht.
Kind und Straße. Zwei Lebenswelten, die bei uns so gut wie möglich voneinander getrennt werden. Weltweit verschmelzen sie aber für viele Heranwachsende zu einem Lebens- und Wohnraum, zum einzigen. Bis zu 100 Millionen Kinder leben - zumindest zeitweise - auf der Straße. Die Gründe dafür sind vielfältig: Eltern, die für ihre Kinder nicht mehr sorgen können, Eltern, die ihren Kindern mit Gewalt begegnen oder fehlende Eltern, an Aids gestorben oder von Waffen getötet.
Die Straße bedeutet für Kinder nicht nur der Verlust von einem Dach über dem Kopf und damit von Sicherheit und Geborgenheit. Sie ist Bühne für den täglichen Kampf ums Überleben. Betteln, arbeiten, stehlen, auf den Strich gehen - das sind die Möglichkeiten, die vor dem Hungertod bewahren. Geschlafen wird auf Gehsteigen, in leerstehenden Gebäuden, U-Bahn-Stationen und unter Brücken. Je nach Klimaverhältnissen gehören Hitze oder Kälte dazu.
Das internationale Hilfswerk Jugend Eine Welt ruft zur Auseinandersetzung mit dieser Situation auf. Der 31. Jänner ist Gedenktag des Heiligen Johannes Bosco, Gründer der Don Bosco Familie. Auch er begegnete vor rund 150 Jahren Jugendlichen, die im Zuge der Industrialisierung vom Land in die Stadt kamen und dort mit den Folgen ihrer 'Nicht-Beheimatung' zu kämpfen hatten. Dem Priester gelang es damals, den jungen Menschen einen Ort zu geben, an dem sie sich zu Hause fühlten. Sein Anliegen war nicht nur die berufliche Ausbildung der Heranwachsenden, sondern auch deren Persönlichkeitsbildung und Verankerung im christlichen Glauben.
Don Bosco's pädagogische Leitsätze sind heute für viele Pädagogen und Pädagoginnen weltweit maßgeblich. Da-Sein und Dabei-Sein, mit Güte 'strafen' und der Fröhlichkeit und dem Spiel Raum geben - das sind die zentralen Inhalte dieser Pädagogik. Damit wird sie quasi zu einem Präventivsystem, das Jugendliche vor der Straße bewahrt.
Nachdem die Wohnstraßen bei uns im Land nicht als Schlafstätten für Kinder dienen, stellt sich die Frage, welche Bedeutung dieser Gedenktag für uns haben könnte. Dabei tut sich so manche Denkspur auf: der Umgang mit erwachsenen Obdachlosen, der vielfach nicht von Mitgefühl sondern Verachtung geprägt ist. Das vielfältige Engagement für Straßenkinder, das vom Konzert des Männerchores in Nüziders über Schulprojekte bis hin zum Schuhe-Sammeln des Landestheaters reicht. Oder die Entscheidung, wie Peter Rinderer Salesianer zu werden und selbst Hand und Herz anzulegen in der Jugendarbeit.
Von Patricia Begle veröffentlicht am 30.01.2012

