In meinen ersten beruflichen Jahren hatte ich ein Gespräch mit einer irischen Arbeitskollegin, das mein Wahrnehmen wesentlich beeinflusst hat. Nachdem ich sie nach den Beweggründen gefragt habe, warum sie ins Ländle gezogen ist, bekam ich zur Antwort: „Die vier Jahreszeiten - es ist so faszinierend, ihr habt es im Winter so kalt, dass es schneit und ihr Ski fahren könnt und im Sommer so warm, dass ihr baden könnt.“
Auch ich erlebe die vier Jahreszeiten - seit damals vielleicht noch intensiver - als eine Besonderheit. In ihnen spiegelt sich das Leben wider, sie laden uns ein, einem – wie auch im Kirchenjahr, spirituellen - wiederkehrenden Rhythmus zu folgen.
Wie freu ich mich nach einem, für mich mittlerweile fast zu langem Winter, immer wieder auf die ersten wärmeren Sonnenstrahlen, das Zwitschern der Vögel, die ein Erwachen ankünden. Die ersten bunten, zarten Blumenknospen, die sich bereits im Herbst an den Zweigen ankünden. Ein Zeichen dafür, dass nach Dunkelheit und Kälte - auch nach schweren Zeiten, wie Zeiten der Trauer, immer wieder, wenn zuerst auch zaghaft, neues, anderes Leben erwacht. Ostern.
In der „Hoch-Zeit“ im Sommer, strahlende Gesichter, motivierte Menschen, die sich treffen, in den Bergen, am See, in den Gärten. Schattenplätze suchen. Die Seelen baumeln lassen.
Und dann der beginnende Herbst, die Einladung, das Leben langsam aber sicher wieder etwas ruhiger angehen zu lassen. Stillere Abende zu Hause, Aufräumen - nicht nur im Garten, Rückzug. Erntedank.
Winter, Stille, Stillstand, Reduktion – eine Jahreszeit die uns eigentlich einlädt und bewusst machen möchte, dass weniger mehr ist. Sich Zeit nehmen zu dürfen, müde sein, dunkle Abende … Kraft zu tanken, um nach der Dunkelheit – dem nahenden Frühling, dem Leben, wieder entgegen treten zu können. Advent, warten.
Nehme ich die Einladung an, mich und mein Leben nach den Jahreszeiten zur richten?
Silvia Boch, Pfarr- und Krankenhausseelsorgerin