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Merkwürdige Zeiten

Der Titel des neuen Buches von Willibald Feinig lässt aufhorchen. Leben wir doch gerade in solchen Zeiten. Im Interview erklärt der Autor Beweg- und Hintergründe seines Werkes.

Von Patricia Begle

 

Herr Feinig, in ihrem neuen Buch lassen Sie das Leben in der DDR anhand von unterschiedlichen Szenen lebendig werden. Was hat Sie dazu bewegt, gerade diese Zeit bzw. dieses Land unter die Lupe zu nehmen?

 

Willibald Feinig: In den Jahren nach der sogenannten Wende - die bei uns keine war, im Gegenteil, wir im „Westen“ haben erst recht weitergetan wie vorher - traf ich oft Christinnen und Christen aus Osteuropa, besonders aus Ungarn und der damaligen Tschechoslowakei, die im Untergrund unter schwerer Bedrückung und Drangsal, auch Lebensgefahr ihr Christentum gelebt und erneuert hatten. Basisgemeinden, neue Formen des Kircheseins hatten sich während der jahrzehntelangen Verfolgung durch betont atheistische Regimes gebildet. Nun wurden diese Frauen und Männer, die z.B. die (verbotenen) Konzilstexte eigenhändig abgeschrieben und heimlich weiterverbreitet hatten, wegen ihrer selbstständigen Jesus- und Kirchentreue auch noch vom Vatikan verfolgt; nicht bedankt, sondern zum Schweigen gebracht: Es war die erste Welle der katholischen Reaktion - dabei wären die Erfahrungen eines Bulányi oder Zahradnik oder des Aktionskreises Halle und der Gemeinden in ihrem Umfeld ein Schatz, eine Inspirationsquelle für die Gesamtkirche gewesen - und sind es. Das war ein Motiv, das mich bewegt hat.

Zur Herausforderung wurde die Sache, als die Habilitation des Kirchenhistorikers Sebastian Holzbrecher, damals Erfurt, mit dem Titel „Der Aktionskreis Halle - Postkonziliare Konflikte im Katholizismus der DDR“ 2013 erschien, mit Vorwort von +Joachim Wanke - ein kirchenhistorischer Meilenstein, Riesenwerk, anschaulich geschrieben, genauest recherchiert und dabei „unaufgeregt“ (um Elfriede Jelineks Wort zu verwenden). Und da spürte ich auch, dass ich eine neue Form finden musste, nichts Theologisches, auch nichts Erzählerisches, um derart schwierigen Verhältnisssen – „merkwürdigen Zeiten“ - gerecht zu werden.

 

Sie haben sich für die literarische Form „Schauspiel“ entschieden und 25 Szenen - Sie nennen diese „Bilder“ - gezeichnet. Es sind Alltagssituationen mit unterschiedlichen Personen, die in irgendeiner Weise mit der Kirche in Berührung kommen. Welche Möglichkeiten eröffnet ein Schauspiel?

 

Willibald Feinig: Es geht um einen losen Zusammmenhang, um Einblicke, nicht um tragische (oder tragikomische) Einzelschicksale. Einblicke übrigens auch in andere als kirchliche Lebenswelten, Jugendlicher nicht zuletzt. „Theater“ kommt von griechisch theáomai, schauen - es galt einen Schauplatz zu schaffen für das böse (oder gut gemeinte oder hilf- und ahnungslose) Spiel, das da gespielt wurde, jahrzehntelang, dem Nachdenken, der Einsicht Raum zu geben, statt dem Vor-Urteil, wie der Erfurter Philosoph Holger Zaborowski in seinem Vorwort schreibt. Dass dabei der gewohnte Theaterrahmen gesprengt wird, ist mir je länger, je mehr klar geworden: Die damalige Technik (Abhörtechnik z.B.) - heute vorsintflutlich anmutend, spielt eine Rolle, aber auch die Natur - Vögel etwa, geradezu tröstlich und verheißungsvoll, wenn die Luft voller Misstrauen ist, der Grund doppelbödig, auf dem man sich bewegt.

 

Was machte diese Untergrundkirche aus? Wie würden Sie sie kurz charakterisieren?

 

Willibald Feinig: Katholischsein heißt in Mitteldeutschland seit Luthers Zeiten eine Minderheitskirche sein, außer am Eichsfeld, das lang zu Mainz gehörte. Lange waren ganze Regionen jenseits des „Eisernen Vorhangs“ Teil der großen Diözese Paderborn, hatten also - verdächtige - West-Kontakte. Auf der anderen Seite füllten zunächst aus Schlesien Vertriebene leere Bänke. Schikanen, Spott, schwere berufliche und soziale Benachteiligung und Schlimmeres waren Alltag für kirchlich fühlende, gemeinschafts- und Jesus-verbundene Menschen: Christen hingen im Land des wissenschaftlichen Sozialismus einem überholten und geschichtlich kompromittierten Aberglauben an.
In dieser Lage mieden die einen, die Hierarchie vor allem, Kritik am Staat, an der allgemeinen Entwicklung, in Schule, Wirtschaft, wo immer, und beschränkten sich auf Sakramente, Brauchtum und Privatfrömmigkeit - um zu retten, was zu retten war. Andere widersetzten sich solcher Bunker-Mentalität und versuchten, ermutigt durch das ferne Konzil, aus der Kirche einen Ort der freien Rede und des Aufatmens zu machen; der Aktionskreis Halle, lose Vereinigung von Priestern und Laien, widersetzte sich z.B. der Militarisierung, bot Bildung an, die der Klassenkampf-Ideologie zum Opfer gefallen war, fand aber auch nicht alles am DDR-System schlecht, z.B. das Grundrecht auf Wohnen, das heute völlig zu Recht die Kommunisten in österreichischen Großstädten einmahnen.
Beide Richtungen des Minderheits-Katholizismus im totalen Staat hatten eines gemein: Sie waren durchsetzt von einer schier unglaublichen Zahl von Spitzeln; niemand konnte niemand ganz trauen.

 

Diese beiden christlichen Haltungen – die „Zurückgezogenen“ und die „Widerständigen“ – finden wir heute auch bei uns. Gibt es etwas, das wir als Christ:innen bzw. als Kirche im Rückblick von der DDR-Zeit lernen können?

 

Willibald Feinig: Wobei die Sich-Zurückziehenden (nämlich von Weltverantwortung und Vielfalt) hier und heute alles andere als „zurückgezogen“ sind, vielmehr auf neuestem technischem und medialem Stand und an finanziellen Schalthebeln. Und „Widerständige“ fehlen sowohl an der Spitze wie an der Basis.

„Merkwürdige Zeiten“ ist kein Lehrstück für Christen und Christinnen. Es handelt von der Liebe, von Leben und Denken im „Zeitalter des Misstrauens“ (Sarraute); Kirchen-Leute, die nicht einzig auf eigene Gescheitheit und Tradition, auf Linientreue und Obrigkeit angewiesen wären und sind, stehen allerdings besonders im Licht. Da ist z.B. ein Pfarrer, der sich freiwillig für die „Zone“ meldet, das Risiko eingeht, als Nestbeschmutzer im Dienst des Gegners hingestellt zu werden, weil er Mauschelei aufdeckt vor der Wahl eines Bischofs, Waffendienstverweigerern bei den Verhören beisteht, ein Waisenkind adoptiert. Die „Bilder“ sind erfunden, aber Willi Verstege hat es wirklich gegeben. In Nienburg, 60 Kilometer von Wittenberg, nutzte der Pfarrer die Kirche gemeinsam mit der lutherischen Gemeinde; nach der „Wende“ wurde er angesichts der Entwicklungen Stadtrat („Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf“).

Was wir lernen können? Eigenständig denken, Selbstständigkeit der Geschlechter, Unterscheidung statt Vorurteil, ein Gottvertrauen, das nicht blind ist, Menschlichkeit weckt, bei sich selbst zuerst: Welche anderen Lehren könnte es geben nach 60 Jahren Diktatur, die eine noch schlimmere ablöste? Vielleicht auch, dass die Folgen verabsolutierter Staats- und Parteimacht (was auf dasselbe hinausläuft) und verordneter - ursprünglich bedenkenswerter - Ideologie nicht weniger gefährlich sind für Mensch und Welt als unser Tanz um das goldene Kalb von Gewinn und Konkurrenz.

 

Verlag Bibliothek der Provinz

 Willibald Feinig: Merkwürdige Zeiten. Schauspiel. Mit einem Vorwort von Holger Zaborowski. Verlag Bibliothek der Provinz 2026, 138 Seiten, Hardcover € 18,00. Eine Leseprobe finden sie hier.


Buchpräsentation im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Urszula Pfister (Gemeindeleiterin in St. Gallen, gebürtige Polin), Harald Walser (Historiker, Germanist, Autor), Jürgen Thaler (Moderation) und Willibald Feinig.


Donnerstag, 2. Juli 2026, 19.30 Uhr, Theater Kosmos, Bregenz.
 

Veröffentlicht am 26.06.2026
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