
Was passiert, wenn Menschen einander wirklich zuhören? Welche Kraft entfaltet die eigene Stimme, wenn sie gehört wird? Und wie können Stimmen dazu beitragen, Gesellschaft mitzugestalten? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der frauenSalon im Bildungshaus Batschuns. Durch den Abend führten Stefanie Sturn und Gertraud Burtscher, die mit ihren Fragen die unterschiedlichen Perspektiven der Gäste miteinander verbanden. Auf dem Podium sprachen die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin Anne-Marie Felder, die Redakteurin der Straßenzeitung Marie Simone Fürnschuß-Hofer sowie die Musikerin und Volksmusikforscherin Evelyn Fink-Mennel über die vielfältige Bedeutung von Stimme – persönlich, gesellschaftlich und politisch.
Für Evelyn Fink-Mennel beginnt Stimme oft dort, wo Worte noch gar nicht notwendig sind. Mit einer gemeinsamen Singaktion machte sie gleich zu Beginn erlebbar, wie Musik Menschen verbindet. Als Ethnomusikologin beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit Liedern unterschiedlicher Kulturen und ihren verbindenden Kräften.
„Mit Musik, der sozialsten aller Künste, kommst du unmittelbar mit jemandem aus einer anderen Kultur in Berührung“, sagte sie. Oft brauche es keine gemeinsame Sprache. Ein Lied, ein Rhythmus oder eine Melodie könnten Brücken bauen, wo Worte an Grenzen stoßen.
Anhand zahlreicher Beispiele aus ihrer Arbeit mit Kindern, Studierenden und Menschen unterschiedlicher Herkunft zeigte sie, wie gemeinsames Musizieren Integration und Teilhabe fördern kann. Besonders wichtig sei ihr dabei, dass jede Stimme ihren Platz habe. „Jede Stimme zählt“, betonte sie mehrfach. Musik dürfe nicht allein als Leistung verstanden werden, sondern als Möglichkeit, sich auszudrücken, Gemeinschaft zu erleben und Selbstvertrauen zu entwickeln.
Mit Sorge blickt sie auf die Stellung musikalischer Bildung in Schulen. „Stimme hat ganz viel mit Menschenbildung, mit Auftreten, mit Selbstsicherheit und Selbstermächtigung zu tun“, sagte Fink-Mennel. Musik sei kein Luxus, sondern ein wichtiger Beitrag für gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratisches Miteinander.
Auch für Simone Fürnschuß-Hofer spielt das Gehörtwerden eine zentrale Rolle. Als Redakteurin der Straßenzeitung Marie gibt sie Menschen eine Stimme, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft übersehen werden. Dabei interessieren sie weniger Schlagzeilen als die Geschichten hinter den Menschen.
Prägend seien für sie jene Momente gewesen, in denen sie selbst erlebt habe, ernst genommen zu werden. „Es sind diese kleinen Räume, wo man sich das erste Mal wirksam wahrnimmt und die eigene Stimme hört“, erzählte sie. Solche Erfahrungen seien besonders für Kinder und Jugendliche wichtig.
Zugleich gehöre zum Erheben der eigenen Stimme auch die Bereitschaft, andere Meinungen auszuhalten. „Wenn man sich traut, Stimme zu geben, muss man aushalten lernen, dass Gegenstimme kommt“, sagte Fürnschuß-Hofer. Gerade in einer Zeit zunehmender Polarisierung sei es wichtig, respektvolle Diskussionen zu ermöglichen und unterschiedliche Perspektiven gelten zu lassen.
Viele ihrer Themen seien unmittelbar aus ihrem Leben entstanden. Besonders die Erfahrungen als Mutter eines Sohnes mit Down-Syndrom hätten ihren Blick auf Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe geschärft. „Bei mir müssen die Themen von innen kommen“, sagte sie. Authentisches Engagement entstehe dort, wo Menschen persönlich berührt werden.
Anne-Marie Felder beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Bürgerbeteiligung und demokratischen Prozessen. Für sie beginnt gesellschaftliche Veränderung mit Interesse am Gegenüber und der Bereitschaft zuzuhören.
Rückblickend beschreibt sie ihre Kindheit und Jugend als prägend. Sie erinnert sich an Gesprächsrunden, Diskussionen und Begegnungen, bei denen Menschen unterschiedliche Sichtweisen einbrachten. Daraus sei die Überzeugung gewachsen, dass Vielfalt eine Stärke sei. „Dieses Aufeinander-Zugehen, sich interessieren für andere Menschen, Verbündete finden und gemeinsam wirksam werden – das hat mich geprägt“, sagte Felder.
In Beteiligungsprozessen erlebe sie immer wieder, wie Menschen zunächst über Sachthemen sprechen, letztlich aber bei grundlegenden Fragen landen: Welche Werte sind uns wichtig? Was macht eine lebenswerte Gesellschaft aus? Dabei gehe es nicht nur um Leistung und Erfolg, sondern auch um Zugehörigkeit, Anerkennung und Mitgestaltung.
Der frauenSalon machte deutlich, dass Stimme weit mehr ist als ein Mittel zur Verständigung. Sie kann Menschen verbinden, Mut machen und Veränderungen anstoßen. Voraussetzung dafür ist jedoch das Zuhören. Denn erst dort, wo Menschen sich gehört fühlen, entsteht die Möglichkeit, die eigene Stimme einzubringen. Oder, wie Evelyn Fink-Mennel es formulierte: „Jede Stimme zählt.“