
Was ist der Anlass für diese Initiative der Caritas?
Walter Schmolly: Es sind drei Motive, die hier zusammenfinden. Erstens die Sorge darüber, wie der Anzahl der Menschen, die von Armut betroffen sind, in Vorarlberg wächst. Wir sehen das als eine kritische Entwicklung, die man nicht einfach geschehen lassen kann. Zweitens mangelt es der politischen Auseinandersetzung mit der Armutsthematik oftmals an Sachlichkeit und Fairness. Und drittens sind wir im Gesamten der Überzeugung, dass die Zivilgesellschaft in den aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen eine stärkere Rolle haben sollte.
Woran kann man die Armutsentwicklung in Vorarlberg festmachen?
Walter Schmolly: Sowohl der aktuelle Armutsbericht der Statistik Austria als auch die Erfahrungen an der Caritas-Beratungsstelle „Existenz und Wohnen“ machen deutlich, dass die soziale Schere in unserer Gesellschaft sich aktuell weiter öffnet und zunehmend mehr Menschen, insbesondere auch Kinder und Jugendliche, gefährdet sind, den Anschluss zu verlieren.
Was hat das für Auswirkungen?
Walter Schmolly: Armut ist ein großer Stolperstein auf dem Lebensweg der Betroffenen, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Für viele bleiben die Startbedingungen in ihrem Leben sehr lange prägend. Die sich weiter öffnende soziale Schere kann aber darüber hinaus auch zu einem großen Hinkelstein für die gesamte gesellschaftliche Entwicklung werden. Wenn die soziale Frage entgleitet, verliert eine Gesellschaft die Fähigkeit, große Veränderungsthemen in einer demokratischen Weise gemeinsam zu gestalten.
Ein Bürger*innenrat bringt zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger eineinhalb Tage zusammen, um Empfehlungen für die Landespolitik zu erarbeiten. Was erwarten Sie sich von diesem Rat?
Walter Schmolly: Die Grundfrage für den Bürger*innenrat lautet: „Wie können wir als Gesellschaft die Armutsentwicklung wieder drehen und Vorarlberg als solidarische Gesellschaft stärken?“ Es gibt in diesem Thema eine Reihe von Fragestellungen, in denen jede und jeder kompetent ist, und um die soll es gehen: Was verstehen wir unter einer solidarischen Gesellschaft? Auf welche Werthaltungen kommt es da an? Wie kann es gelingen, dass die Armutsentwicklung breiter wahrgenommen wird und mehr Energie entsteht, etwas dagegen zu unternehmen? Wie gelingt der Schritt ins Tun? Wer muss sich dabei beteiligen? Was muss die Sozialhilfe als das unterste soziale Netz leisten? Usw.
Werden die Beteiligten bei ihren Beratungen unterstützt?
Walter Schmolly: Ja, sowohl die Landesverwaltung als auch andere Expert*innen arbeiten den Beteiligten zu. Es ist ja überhaupt ein Anliegen des Instruments Bürger*innenrat, dass ein kooperatives und lösungsorientiertes Miteinander zwischen einer aktiven Zivilgesellschaft, politisch Verantwortlichen und Fachleuten gefördert wird. Das ist wohl ein wesentlicher Grund, warum der Bürger*innenrat in Vorarlberg in der Landesverfassung verankert worden ist.
Der Bürger*innenrat braucht 1.000 Unterstützungserklärungen. Ist das zu schaffen?
Walter Schmolly: Davon gehen wir aus. Wir hoffen sogar, dass es deutlich mehr werden. Es wäre schön, wenn schon zu Beginn viele Vorarlbergerinnen und Vorarlberger durch die Unterstützungserklärung ein Zeichen setzen, dass es ihnen ein Anliegen ist, Vorarlberg als eine solidarische Gesellschaft zu stärken, in der niemand abgehängt wird und kein Kind seine Chancen verliert.




