„Face it“ lautet das Motto der diesjährigen TEDx in Dornbirn, frei übersetzt: „Begreif es endlich“. Sally Hammoud ist Kommunikationswissenschaftlerin und Aktivistin. In ihrer Heimat Libanon konfrontiert sie junge Menschen mit ihren eigenen Vorurteilen und dem, was sie für die Region, die Welt und ihre ganz persönliche Zukunft bedeuten.

Sally, in der Ankündigung zu Ihrem TED-Talk in Dornbirn heißt es etwas verklausuliert, dass Sie sich dafür einsetzten, dass „kollektive normative Werte“ überdacht werden. Das müssen Sie bitte erklären.

Sally HammoudSally Hammoud: Ich lebe im Libanon - einem Land, das in regelmäßigen Abständen von Krisen und Kriegen heimgesucht wird. „Warum ist das so?“ habe ich mich gefragt. Wieso geraten wir Menschen hier immer wieder aneinander? Eine Antwort liegt, meine ich, darin, dass viele, vor allem auch junge Menschen, ungeprüft jene Ansichten und Werte übernehmen, die sie von ihrer Familie, ihrem Stamm und ihrem sozialen Umfeld vorgelebt bekommen. Und darin steckt Zündstoff, weil sich solche Gruppen meist auch durch Abgrenzung konstituieren - „Wir“ gegen „Die“.

Ein Grundproblem der Menschheit. Kann man dagegen überhaupt ankommen?

Hammoud: Das ist natürlich nicht ganz einfach, denn die Zugehörigkeit zu einer Gruppe vermittelt Sicherheit - vor allem in Phasen wie dem Teenager- und jungen Erwachsenenalter, die per se von Unsicherheit geprägt sind. Wenn ich als Professorin oder in der Arbeit für die Organisation LOYAC, die jungen Menschen Ausbildung und Perspektiven vermittelt, mit Jugendlichen zu tun habe, bitte ich sie immer mir zu erklären, was Dinge wie „Mut“ oder „Stolz“ für sie persönlich bedeuten. Viele fangen so zum ersten Mal an, darüber nachzudenken. Da haken wir ein.

Inwiefern?

Hammoud:
Unser Ziel ist es, ihnen zu vermitteln, dass es nicht diese hergebrachten Werte und Normen sind, die uns zu einem wertvollen Menschen machen, sondern dass jede und jeder an sich wertvoll ist. Wenn ich weiß, wer ich bin und was mir wichtig ist, kann ich anderen ganz anders begegnen, weil ich nicht ständig fürchten muss, dass mein Wert- und Weltbild ins Wanken gerät.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“?

Hammoud:
Im Kern ist es genau das. Wir müssen lernen, dass „das Andere“ oder „die anderen“ keine Gefahr für uns sind, sondern eine enorme Bereicherung. Es ist doch fantastisch, dass wir alle verschieden sind und ganz unterschiedliche Erfahrungen und Talente haben! Gelegenheiten, um sich persönlich als einzigartig und selbstwirksam zu erleben, helfen natürlich dabei, diese Erkenntnis zuzulassen. In unseren Schulen ist dafür leider viel zu wenig Platz.

Zumindest hierzulande ächzen die Lehrerinnen und Lehrer unter ihrer Arbeitslast und dem, was sie alles zusätzlich zum Unterricht stemmen müssen. Wie sollen sie solche „gesellschaftliche Grundsatzarbeit“ auch noch leisten?

Hammoud:
Die Arbeitsbelastung ist bei uns nicht anders. Für mich ist das aber auch eine Frage der Prioritäten: Als Professorin weiß ich sehr genau, dass meine StudentInnen nicht die Hälfte von dem lesen und bearbeiten, was ich ihnen mitgebe. Solche grundsätzlichen Dinge bleiben aber hängen. Und auf die kommt es an. Wir setzen unsere ganzen Hoffnungen für eine bessere und friedlichere Welt auf die junge Generation. Aber wie sollen sie das schaffen, wenn sie nicht lernen, wie es anders geht? Generationen von Hoffnungsträgern vor ihnen sind ohne diese Perspektiven offensichtlich gescheitert. Sonst wäre die Welt schon heute eine andere... «

Zur Sache

Die Vorarlberger Ideenkonferenz TEDx geht in ihr drittes Jahr. Am Samstag, den 21. Juli, wird im Spielboden Dornbirn wieder über die Impulse von RednerInnen aus aller Welt diskutiert. Neben Sally Hammouds Talk geht es u. a. um die (manipulative) Körpersprache von Politikern, Schwachstellen in unserem unbedarften Umgang mit dem „Internet of Things“ und das, was wir von antiken Philosophen für die digitale Gegenwart lernen können.
Infos und Tickets: www.tedxdornbirn.com.

Bild: Robert Nwaoko, www.nflm.at, CC BY-NC 2.0, via flickr.com