Die Großkonzerne entziehen sich ihrer Verantwortung, die Indios lassen sich kaufen, die Stimmen der Kritik werden immer weniger. Bischof Erwin Kräutler erzählt im ORF-Interview von den Folgen des Megastaudammprojektes Belo Monte. Ein Bild schreiender Ungerechtigkeit.

Im Konflikt um die umweltzerstörenden Kraftwerksbauten sind Brasiliens Bischofskonferenz (CNBB) und der Indianermissionsrat (CIMI) zwei der wenigen verbliebenen regionalen Nichtregierungsorganisationen, die es wagen, frei Kritik an der staatlichen Energiepolitik zu äußern: Das hat Bischof Erwin Kräutler am Freitagabend im ORF-Vorarlberg festgestellt. CNBB und CIMI seien nämlich - anders als viele andere NGOs - nicht von finanziellen Zuwendungen des Staates abhängig.

Verantwortung der Andritz AG

Kräutler, der dem CIMI als Präsident vorsteht, erneuerte in der Sendung seine Kritik am Megastaudammprojekt Belo Monte, das am Xingu-Fluss entsteht. Daran beteiligt ist u.a. der österreichische "Andritz"-Konzern. Der Staudammbau bringe Massenabsiedlungen, Zerbrechen gewachsener Gemeinschaften, Arbeitslosigkeit von Kleinbauern und Fischern sowie Tausende künftige Sozialfälle mit sich.

Die "Andritz AG", die Turbinen liefern wolle, erkläre im Blick auf das Projekt immer nur, Brasilien sei ja ein Rechtsstaat, und alle Maßnahmen liefen gesetzeskonform ab, kritisierte der Bischof von Altamira-Xingu: "Es ist aber noch nie ein Vertreter des Konzerns hierher gekommen, um sich selbst ein Bild zu machen. Denn das könnte gefährlich werden. Er würde sehen, dass Menschen aus ihrer Heimat regelrecht rausgeschmissen werden. Man könnte mitschuldig an Unrecht werden."

Profitmaximierung

Der austro-brasilianische Bischof verwies auf die globale wirtschaftliche Problematik der Profitmaximierung. Europäische und asiatische Konzerne bemühten sich, in Entwicklungs- und Schwellenländer zu gehen, um dort mit wenig Aufwand möglichst viel herauszuholen. Das gelte eben auch für das Belo Monte-Projekt, das einmal das drittgrößte Hydrokraftwerk der Welt sein soll.

In europäischen Ländern sei oft die Rede vom aufstrebenden Schwellenland Brasilien, das keine Auslandshilfe mehr nötig habe - was zu einem gewissen Grad auch stimme, so Kräutler: "Es gibt die Meinung: Brasilien hat genug Geld und die Möglichkeit, für alles zu sorgen und den Armen und Ausgegrenzten ein schönes Heim und einen guten Unterhalt zu bieten." Doch die Rechnung gehe nicht auf; das Geld wäre zwar vorhanden, dass aber alles "schön aufgeteilt wird", funktioniere nicht: "Der Kuchen ist groß, aber nur wenige haben das Recht, sich etwas von diesem Kuchen abzuschneiden."

Unmenschliche Arbeitsbedingungen

In Belo Monte, 50 Kilometer vom Bischofssitz Altamira entfernt, hätten die Konzerne vor mehreren Monaten "wie eine Furie" mit den Bauarbeiten begonnen. Das Projekt werde rücksichtslos vorangetrieben - "rund um die Uhr, es gibt keinen Sonn- und Feiertag". Tausende Arbeiter würden früh am Morgen mit Bussen aus Altamira zur Baustelle gekarrt; "man kann sich nicht vorstellen, wie die Arbeiter, die bereits für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt hatten, finanziell und sozial durchkommen". Nur alle sechs Monate sei es möglich für sie, zu ihren Familien zu kommen.

In Altamira sei die vor dem Bau versprochene Infrastruktur nicht geschaffen worden. Von 40 von der Regierung festgelegten Auflagen zur Schaffung der Infrastruktur sei keine einzige gänzlich erfüllt worden. Die Sicherheitslage in Altamira sei sehr gefährlich; jeden Tag gebe es einen Mord.

Käfige anstelle von Häusern

An der Schleife, die der Rio Xingu in Altamira mache, wo für das Kraftwerksprojekt Flächen benötigt werden, seien Häuser von Menschen, die dort seit jeher lebten, ohne Entschädigung abgerissen worden. Große Farmer und Landbesitzer hätten eine Entschädigung erhalten, sagte Erwin Kräutler: "Die kleinen Farmer werden jetzt als Eindringlinge abqualifiziert, obwohl sie dort ihre Anbauflächen hatten. Jetzt können sie verschwinden und niemand sagt ihnen, wohin", beklagte Kräutler die Vorgangsweise der Betreiberfirma "Norte Energia".

Die diesen Siedlern versprochenen Häuschen seien "Käfige". "Das ist der Preis, den es für den Fortschritt zu zahlen gilt", so Dom Erwin. Mindestens 40.000 Menschen müssten umgesiedelt werden.

Indios werden "taub und stumm"

Die Indios seien nicht für Belo Monte, sie seien aber bereit, wegen der Geldgeschenke und der Vorteile, die man ihnen von Seiten der Betreiber verspreche, "taub und stumm" zu werden. Der Betreiberfirma von Belo Monte sei nämlich alles daran gelegen, zu beweisen, wie "indiofreundlich" sie sei.

Indios erhielten Schnellboote, "der Sprit wird bezahlt, sie fahren in die Stadt, und sie kaufen ein, was sie nicht brauchen". In einem einzigen Jahr seien umgerechnet rund sechs Millionen Euro ausgegeben worden, "man weiß nicht, wohin dieses Geld genau gegangen ist".

Die Indios glaubten deshalb derzeit den Mahnern - zu denen sich Bischof Kräutler zählt - nicht: "Dieses Geld ist ein Dolchstoß - hinterrücks -, weil die Kultur und die kulturellen Ausdrucksformen der Indios damit zerschlagen werden. Früher sind sie jagen und fischen gegangen. Heute warten sie, bis der Geschenkkorb zu ihnen kommt."

(kathpress)