Genau ein halbes Jahr ist es heute, am 24. Oktober her, dass beim Gebäudeeinsturz von Rana Plaza über 1.100 NäherInnen starben. Ebenso verheerend: das Feuer in der Tazreen-Fabrik, das sich am 24. November jährt und bei dem über hundert ArbeiterInnen verbrannten. Grund genug für Südwind und die Clean Clothes Kampagne um in einer Aktionswoche darauf hinzuweisen, dass ein existenzsichernder Lohn ein Menschenrecht ist.

„Ich habe immer noch Angst, wieder in eine Fabrik arbeiten zu gehen. Ich habe Angst bei Geräuschen“, erzählt die 25jährige Yasmin, die damals in Rana Plaza Bekleidung für europäische Unternehmen genäht und sich mit schweren Verletzungen am Arm aus den Trümmern von Rana Plaza befreit hatte. Jemals wieder in einer Fabrik zu arbeiten? Für Yasmin unmöglich. Mit den 160 Euro, die sie als eine der wenigen als Entschädigung erhalten hat, kann sie einen Teil der Arztkosten zahlen. Kranken,-unfall- oder sozialversichert war sie nicht, 48 Euro hatte sie im Monat verdient: für 11 Stunden Arbeit pro Tag, an sieben Tagen die Woche.

Der Existenzgrundlage beraubt
Ein Schicksal wie dieses teilen viele NäherInnen. „Nur mangelhaft medizinisch behandelt und mit schweren psychischen Beeinträchtigungen, wurden und werden immer wieder von einen Tag auf den anderen tausende NäherInnen und ihre Angehörige ihrer Existenzgrundlage beraubt – das sind keine Unfälle, sondern das Resultat von Ausbeutungsmechanismen, von denen Fabrikbesitzer in Bangladesch, die Regierung sowie vor allem europäische Unternehmen profitieren", kritisiert Südwind-Mitarbeiterin Ines Zanella bei einem Lokalaugenschein in Bangladesch.

Verhandelt, unterschrieben, aber nicht umgesetzt
Nach den Katastrophen von Rana Plaza und Tazreen haben nun über 100 Unternehmen ein rechtlich bindendes Sicherheitsabkommen mit der bangladeschischen Regierung, Gewerkschaften und Unternehmerverband verhandelt und unterschrieben. Dieses sieht eine systematische Erfassung, Kontrolle und Verbesserung der Textilfabriken vor. „Das Sicherheitsabkommen wartet allerdings noch auf seine Umsetzung und es beinhaltet nicht die nun so dringenden und noch immer ausstehenden angemessenen Entschädigungszahlungen- außerdem bieten die Hungerlöhne keinerlei Existenzsicherheit“,so Zanella. 

Ein Mindestlohn unter der Armutsgrenze
Nirgends auf der Welt sind die Mindestlöhne in der Bekleidungsindustrie so niedrig wie in Bangladesch. Mit ca. 30 Euro liegt er sogar weit unter der Armutsgrenze. Außerdem profitieren Unternehmen, von H&M bis Zara und C&A bis KiK von der zollfreien Einfuhr von Textilien in die EU, die der Status Bangladeschs als LDC-Land, also eines von der UN deklarierten „am wenigsten entwickelten Länder“, ermöglicht.

Existenzlohn für alle!
Bangladesch ist aber nicht das einzige Land, in dem NäherInnen ausgebeutet werden. Unter dem Slogan „NäherInnen verdienen mehr. Existenzlohn für alle!“ startet die Clean Clothes Kampagne (CCK), die sich für faire Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsproduktion weltweit einsetzt, eine europaweite Aktionswoche. „Ein existenzsichernder Lohn ermöglicht es einer Näherin, sich selbst und ihre Familie zu ernähren, die Miete zu zahlen, für Gesundheits-, Kleidungs-, Mobilitäts- und Bildungskosten aufzukommen sowie für unerwartete Ereignisse oder Notfälle ein wenig Geld zu Seite zu legen“ , erklärt Michaela Königshofer, Koordinatorin der CCK den Begriff Existenzlohn.

Menschenrecht darf nicht an 27 Cent scheitern
In der internationalen Bekleidungsindustrie liegt der Lohnanteil bei T-Shirts im Schnitt bei ca. 1 Prozent. „Würden die Lohnkosten pro produziertem T-Shirt bei spielsweise in Indien um 27 Cent angehoben werden, könnten die Arbeiterinnen und Arbeiter ein menschenwürdiges Leben führen. Ein existenzsichernder Lohn ist ein Menschenrecht und darf nicht an 27 Cent scheitern!“ , zeigt sich Königshofer überzeugt und verweist auf die Petition unter www.cleanclothes.at/existenzlohn , mit der KonsumentInnen sich der Forderung nach einem existenzsichernden Lohn für NäherInnen anschließen können. 

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