Schon einmal überlegt? Was braucht es eigentlich, damit jemand auf die Straße geht: Ein gewisses Maß an Unzufriedenheit mit dem Status quo, vielleicht auch ein Erschrecken über das, was noch kommen könnte - und im Falle der Sonntagsdemos auf jeden Fall politisches Bewusstsein und Menschlichkeit. Und das übrigens bei jedem Wetter.

Eigentlich befindet man sich ja mitten im heißesten Juli seit - wer weiß wann. Außer, man macht sich auf den Weg zur 23. Auflage der Sonntagsdemo, die seit einiger Zeit von Standort zu Standort durch das Land tourt. Dieses Mal war Götzis an der Reihe. Und es regnete, was der Himmel hergab. Mit Regenmantel, Gummistiefeln und einem Regenschirm zur Sicherheit war man durchaus gut beraten. Mit dem Verdacht, dass bei strömendem Regen und mitten an einem Sonntagabend während der Urlaubszeit der Demonstrationswille vielleicht nicht überall groß ausgeprägt sein könnte, raffte man sich also auf. Los geht's, Richtung Volksschulplatz. Und siehe da, da waren sie. Pi mal Daumen geschätzte 250 bis 300 Regenschirme samt Trägerinnen und Träger. Menschlichkeit und politisches Bewusstsein sind also wetterfest. Auch eine Erkenntnis dieses Sonntagabends. Der begann übrigens mit Musik der Marke Schellinski (Bernie Weber und Walter Schuler) - wäre da nicht das ernste Thema gewesen - durchaus launig-lauschig.

Einer von vielen - Pfarrer Rainer Büchel

Drei Redner und eine Rednerin standen danach auf dem Programm. Und man war gespannt. Den Anfang machte Pfarrer Rainer Büchel, als Ortspfarrer von Götzis und Altach. Dass in Götzis in Sachen Flüchtlingshilfe und Integrationsinitiativen in den letzten Jahren einiges los war und vieles gestartet wurde, das merkte man selbst als Zaungast. Dass es so viel war, überraschte dann doch. Natürlich, Initiativen wie "Fluchtpunkt Ländle" waren da eine ständig treibende und auch herausfordernde Kraft. Dennoch überraschte bei der Götzner Sonntagsdemo immer wieder das persönliche Engagement, von dem da erzählt wurde und von dem längst nicht jede und jeder wusste.

Dass Pfarrer Rainer Büchel zum Beispiel seit guten fünf Jahren Flüchtlinge begleitete, dass er Behördengänge mit ihnen absolvierte, dass er von negativen Bescheiden ebenso getroffen und betroffen war und dann selbst nach Wien mitreiste, um von dort - nach einem positiven Bescheid wie auf Flügeln wieder zurückzusausen, das wusste nicht jede/r. Und Pfarrer Rainer Büchels Engagement ist nur ein Beispiel von vielen. Es gibt sie also wirklich, die Menschen, die Flüchtlinge nicht nur aus dem Fernsehen und den Nachrichten kennen. Menschen, die von den Lebensgeschichten und auch von den Schicksalen zu erzählen wissen und Menschen, die dennoch manchmal einfach machtlos zusehen müssen.

Eine Hilfsaktion, die als Katastrophe bezeichnet wird

In dieser Lage befindet sich aktuell auch Redner Nummer zwei: Bernd Klisch, Fachbereichsleiter der Caritas Flüchtlingshilfe. "Ich stehe heute vor der Situation, dass ich täglich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verabschieden und Flüchtlingsunterkünfte schließen muss. Und dann sehe ich am Abend in den Nachrichten, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken", fragte er sich da, wie und ob diese beiden Tatsachen miteinander vereinbar sind und in Gedanken ließ er noch einmal die Maßnahmen, die in der Politik in Sachen "Flüchtlingskrise" in den letzten Jahre gesetzt wurden, Revue passieren: Da war das Aus für die Lehre für Asylwerber, die Abschiebung von Lehrlingen, die geplante Sicherheitshaft, der Nicht-Beitritt Österreichs zum Migrationspakt, die Bundesbetreuungsagentur mit bedenklicher Rechtberatung und vieles mehr.

Da war aber auch die größte Hilfsaktion der letzten Zeit, die 2015 begonnen hat und bis heute andauert. "Es ist die größte Hilfsaktion und ich wünsche mir, dass sie endlich auch als solche gewürdigt wird", so Klisch. Aber aus der Hilfsaktion, so Klisch, wurde in der Sprache der Politik ja doch nur wieder die "Flüchtlings-Katastrophe". Dass die berufliche und soziale Integration von Geflüchteten eigentlich ja eine Erfolgsgeschichte ist, davon sprach kaum jemand. Und wenn jemand wie Bernd Klisch einen Wunschzettel schreiben dürfte, einen verfrühten Brief ans Christkind, was stünde dann da drauf? "Die Einhaltung der Menschenrechte, die Linderung der weltweiten Not der Flüchtlinge, die Aufnahme von Flüchtlingen aus Krisenländern, die Beendigung der menschenverachtenden Sprache und Hetze, die Schaffung rechtlicher Voraussetzungen für erfolgreiche Integration und eine Regelung, die sicherstellt, dass Integration im Asylverfahre gewürdigt wird und unmenschliche Abschiebungen verhindert werden." Klingt doch eigentlich alles logisch und schwer nach Selbstverständlichkeit im Europa des 21. Jahrhunderts, oder?

Abschiebung trotz Reisewarnung der Stufe 6?

Dazu passte dann einfach nur perfekt, was der dritte Redner, der Anwalt Ludwig Weh aus Bregenz da noch dazulegen konnte. Er vertrat den aus Afghanistan stammenden und erst kürzlich - trotz begonnener Lehre und trotz Zusage der GASCHT, der Gastgeberschule für Tourismusberufe - abgeschobenen Assadullah Ahmadsai. Assadullahs Schwester wurde erst vor wenigen Wochen bei einem Bombenangriff in Afghanistan getötet. Gleichzeitig warnt das österreichische Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres dringendst vor Reisen nach Afghanistan. Es gilt eine Reisewarnung der Stufe 6 auf der sechsstufigen Skala. "Im ganzen Land besteht das Risiko von gewalttätigen Auseinandersetzungen, Raketeneinschlägen, Minen, Terroranschlägen und kriminellen Übergriffen einschließlich Entführungen, Vergewaltigungen und bewaffneter Raubüberfälle. Den in Afghanistan lebenden Auslandsösterreichern sowie Österreichern, die sich aus anderen Gründen in Afghanistan aufhalten, wird dringend angeraten das Land zu verlassen. In Not geratenen Österreichern kann, solange sie sich auf afghanischem Staatsgebiet befinden, keine unmittelbare konsularische Hilfestellung geleistet werden", heißt es da auf der Website des Bundesministeriums.  Aber ein Kochlehrling kann in dieses Land trotzdem bedenkenlos abgeschoben werden. Es sei, so Ludwig Weh, übrigens nicht an allem immer "Wien" schuld. Über Wochen wäre es in Vorarlberger Händen gelegen, Assadullah das Bleiben zu ermöglichen. Die negative Nachricht aus Wien kam dann von heute auf morgen.

Die Politik nimmt alle ernst, oder?

Und zum Schluss gehörte das Wort noch der Dame: Katharina Lins, ehemalige Vorarlberger Naturschutzanwältin und engagierte Begleiterin von Menschen auf der Flucht in der Gruppe "Fluchtpunkt Ländle". Wofür sie stehen? Für ein modernes Bleiberecht, für die Unterstützung von Geflüchteten in der Lehre und gegen Abschiebungen in Kriegsgebiete. Man höre ja immer wieder, so Lins, dass die Politik die Sorgen der Menschen ernstnehmen wolle. Die Sorgen der vielen BegleiterInnen und BetreuerInnen von Menschen auf der Flucht und all derer, die sich für sie einsetzen, zählen, so Lins, da wohl nicht dazu. Deshalb werde man weiterhin Fragen an die Politik stellen, als Engagierte und auch als WählerInnen. 

Was bringt denn die Sonntagsdemo?

Nun, es hat nicht aufgehört zu regnen, während der ganzen Stunde, die so eine Sonntagsdemo dauert, nicht. Irgendwann war das aber auch egal. Denn man war da. Man hat gezeigt, dass man nicht einverstanden ist mit dem, was so vor sich geht. Was das nutzt? Vielleicht nichts, vielleicht irgendwann doch etwas. Und sei es nur, dass man sich zu fragen beginnt, was es denn ist, das seit Monaten die Menschen bei Wind und Wetter auf die Straße treibt.

Nächster Termin

Die Sonntagsdemos gehen in die Sommerpause und sind mit einem kleinen Festival unter dem Motto "Love and Peace" (Musik, Tanz, Kulinarik, Kinderprogramm) am
7. September, ab 10.30 Uhr,
im Kulturhauspark in Dornbirn zurück.

Mit: Ski-Schuh-Tennis Orchestra, Prince Moussa Cissokho's Afrofusion, Humabilu, Toni.Eberle.Band, Störungsdienst, Sapperlotta, Evon Rose, Rapper D.A.R.I.O., Sophia Juen Poetry Slam

Weitere Informationen unter: www.unsreichts.at