Wie viel Frau steckt eigentlich in unserer monotheistischen Vorstellung eines „Vaters im Himmel“? Ein Gang durch die Ausstellung „Die weibliche Seite Gottes“, die ab Sonntag im Jüdischen Museum in Hohenems zu sehen ist, zeigt: eine ganze Menge!

Die Frage steht ganz vorn, auf Seite 1 – also noch bevor man dieses Buch der Bücher überhaupt richtig aufgeschlagen hat. Das heißt: wirklich da steht sie nicht – der Widerspruch lauert vielmehr zwischen den Zeilen: „Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich“ lautet Vers 26 des ersten Buch Mose – und einen Vers weiter: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“

Wer ist Gott – und wenn ja: wie viele?

„Ja, was denn nun?!“, fragt Felicitas Heimann-Jelinek, eine der beiden Kuratorinnen der Ausstellung „Die weibliche Seite Gottes“, die ab Sonntag und bis zum 8. Oktober im Jüdischen Museum in Hohenems gezeigt wird. Ist Gott jetzt männlich oder weiblich, wenn er (es?) Frau UND Mann seinem Abbild schaffen kann? Oder ist es gar nicht ein Gott, sondern eine ganze Götterschar, schließlich ist beim ersten Mal von einem diffusen „uns“ die Rede?

Fragen wie diese waren der Ausgangspunkt jener Spurensuche durch die Religions-, Kunst- und Kulturgeschichte, die Heimann-Jelinek und Mit-Kuratorin Michaela Feurstein-Passer zweieinhalb Jahre lang beschäftigt hat. In Hohenems beginnt sie noch vor der Museumstür, wo eine Replik jenes Schildes aufgestellt ist, das sechs Jahre lang an der Autobahnauffahrt Kufstein provozierte. „Grüß Göttin“ hatte die Künstlerin Ursula Beiler darauf geschrieben – und damit landauf, landab für Irritation gesorgt.

(Nicht) in Stein gemeißelt

Wie die Schöpfungsgeschichte selbst stellt dieser Gruß die jüdische, muslimische und christliche Vorstellung eines männerdominierten Monotheismus infrage. Eine Vorstellung übrigens, die noch gar nicht so alt ist, wie Heimann-Jelinek beim Pressegespräch erklärt: Im alt-israelischen Götterpantheon seien noch selbstverständlich alle zuhause gewesen – männliche Götter, weibliche Götter, und Götter, von denen man das gar nicht so genau wusste (oder wissen wollte). Und wenn man genau hinschaut, finden sich Belege, dass die heutige göttliche Geschlechterzuordnung keinesfalls in Stein gemeißelt ist, in allen Zeiten. Buchstäblich: Im ersten Ausstellungsraum sind zum Beispiel Darstellungen der Gottheit Aschera zusammengetragen – aus Ton, aus Stein, aus anderen Materialien –, die ein Gegenwartsexponat der amerikanischen Künstlerin Judy Chicago kontrastiert.

Überhaupt ist die Vielfalt der Exponate beeindruckend: Ein 1483 dezidiert von einer Frau – Dorothea von Hof – verfasstes Gebetbuch aus der Stiftsbibliothek St. Gallen ist ebenso zu sehen wie eine so genannte Vierge Ouvrante, also die aufklappbare Skulptur der Gottesmutter Maria, die nicht nur den jungen Christus auf dem Arm trägt, sondern den Auferstandenen und den Heiligen Geist in sich – was für eine Idee!

Die ewige Eva-Frage

Acht Stationen ist der Rundgang durch die nun silbergetünchten Kellergewölbe (Architektur: Martin Kohlbauer / Wien) und den Vorraum des Museums insgesamt lang – beginnend bei den Göttinnen des Alten Israel, über die ewige Eva-Frage, Mutter-Göttinnen, um schließlich wieder dort zu enden, wo alles seinen Anfang nahm – bei einem Schöpfungsakt, der in vielen Erzähltraditionen durchaus so wörtlich verstanden wird, wie es der Begriff suggeriert: Ohne Mann UND Frau kein neues Leben – Punkt.

„Vielleicht müssen wir wieder lernen, diesen Widerspruch der Genesis auszuhalten“, meint Hanno Loewy, Direktor des Museums. „Wir wollen mit unserer Ausstellung jedenfalls keine Antworten geben“, ergänzt Heimann-Jelinek. Dazu ist die Frage nach der „weiblichen Seite Gottes“ auch viel zu spannend.

A propos: Und Gott? Sitzt vermutlich derweil da und rollt mit den Augen ob solcher Buchstabenklauberei. Denn wenigstens in dem Punkt ist die Sache einigermaßen klar – aller Abbildungsungewissheit zum Trotz: Augen haben sie alle – Männer, Frauen, Gott.

Die weibliche Seite Gottes
30. April bis 8. Oktober 2017 im Jüdischen Museum Hohenems
Di bis So, 10 bis 17 Uhr und an Feiertagen
www.jm-hohenems.at