Am 7. Mai 2009 wurden die Zeugen Jehovas als Religionsgemeinschaft vom Staat anerkannt. Zusammenarbeit mit den übrigen christlichen Kirchen, auch in Teilbereichen, ist weiterhin nicht zu erwarten. Der Sekten- und Weltanschauungsbeauftragte der Diözese, Br. Franz Schönberger, skizziert die relevanten Zusammenhänge.

Trounce/Wikimedia CommonsDie Zeugen Jehovas haben ihr seit über dreißig Jahren angestrebtes Ziel, die Anerkennung als Religionsgemeinschaft durch den österreichischen Staat, erreicht. Der lange Weg bis zur Anerkennung führte über nicht bearbeitete Anträge der Zeugen Jehovas, über Klagen beim Verwaltungsgerichtshof und Verfassungsgerichtshof, über Klagen beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Verfahren können in Österreich lange – mitunter zu lange – dauern. Es scheint von staatlicher Seite keinen Willen zur Anerkennung gegeben zu haben, bzw. man hat auf Zeit gesetzt und letztlich verloren. Die Zeugen Jehovas haben die Anerkennung durch Gerichtsurteile erzwungen, das ist erstmalig in der Geschichte der Anerkennungen.

Die Anerkennung bringt den Zeugen Jehovas die Gleichstellung mit den schon anerkannten 13 Kirchen und Religionsgemeinschaften. Durch die Anerkennung erhält eine Gemeinschaft das Recht, Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen zu erteilen, die Geistlichen sind vom Militärdienst befreit, die Gemeinschaft darf Kirchensteuer einheben und noch einige andere Rechte sind an die Anerkennung gebunden.

Die Zeugen Jehovas sind eine internationale, nicht unumstrittene Glaubensgemeinschaft, sie hat weltweit über 7 Millionen Mitglieder. Viele Menschen kennen die Zeugen Jehovas von den missionarischen Hausbesuchen, manchmal wegen dieses Eifers bewundert, aber auch als lästig und aufdringlich empfunden. Die Geschichte der Zeugen Jehovas beginnt mit Charles T. Russel (1852-1916), der um 1870 mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter begann, die Bibel zu „studieren“. „Ernste Bibelforscher“ war der ursprüngliche Name. Charles T. Russel entwickelte enormen Eifer in der Verkündigung durch Wort und Schrift. „Der Wachtturm“, noch heute das publizistische Aushängeschild der Zeugen Jehovas, ist von Russel gegründet und redigiert worden. Bis heute nennen sich die Zeugen Jehovas auch „Wachtturmgesellschaft“.

Für 1914 hatte Ch. Russel eine entscheidende Zeitenwende (Anbruch eines tausendjährigen Friedensreiches) erwartet. Nach dem Tod Ch. Russels (1916) übernahm Joseph Rutherford (1879-1942) die Leitung der Gemeinschaft, er gab der Gemeinschaft die neue Selbstbezeichnung „Zeugen Jehovas“. Mit der Namensänderung kam auch eine neue zentralistische Leitung. Die starke missionarische Ausrichtung (Haus zu Haus-Besuche) und eine feindselige Haltung gegenüber den anderen Religionen, insbesondere gegenüber dem Katholizismus, stammen aus dieser Zeit.

Nathan H. Knorr (1905-1977), der Nachfolger von J. Rutherford, setzte den zentralistischen, autoritären Kurs fort, die Missionstätigkeit wurde weiter intensiviert und erreichte den Höhepunkt. Frederic Franz (1893-1992) wurde der Nachfolger von N. Knorr, z. Z. ist Milton G. Henschel der Präsident der Wachtturmgesellschaft. Die uneingeschränkte Autorität in der Wachtturmgesellschaft hat aber die „Leitende Körperschaft“, sie versteht sich als die Regierung Jehovas auf Erden, als Kanal für Gottes Offenbarung, die Monat für Monat durch den „Wachtturm“ weitergeleitet wird. Die „Leitende Körperschaft“ verkörpert eine Theokratie.

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