Antisemitismus ist wohl jedem ein Begriff und wird meist mit den Gräueltaten während des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Heutzutage gibt es keinen Antisemitismus mehr, oder? Weit gefehlt. Über 135 antisemitische Übergriffe waren im Jahr 2012 in Österreich zu verzeichnen - doppelt so viele wie im Jahr zuvor. "Der Judenhass wird stärker", zeigt sich Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde besorgt.

Jude oder Jüdin zu sein und das auch offen zu  zeigen, kann sehr gefährlich sein - so die traurige Realität. Und - was fast noch schlimmer ist: Es wird so gut wie nichts dagegen unternommen. Weder politische Verantwortungsträger noch die Polizei beziehen klar Stellung, kritisiert der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch.

Mehr Antisemitismus
Wer nun denkt, dass Antisemitismus nur in "anderen" Ländern als Österreich bzw. außerhalb der EU stattfindet, liegt falsch. Über 71 Fälle von antisemitischen Übergriffen dokumentierte die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) im Jahr 2011. Letztes Jahr waren es mit 135 Übergriffen sogar doppelt so viele. Doch auch in anderen Ländern Europas wie Ungarn, Schweden, Norwegen, Finnland, Frankreich und Griechenland ist ein signifikanter Anstieg des Antisemitismus zu vermerken. 

Aufschreien!
Um einen weiteren Anstieg zu vermeiden und auf die Problematik hinzuweisen, appellierte der IKG-Präsident an politische Verantwortungsträger klar Stellung gegen jede Form von Judenhass zu beziehen. Die EU müsse sich aktiver gegen Antisemitismus einsetzen. „Wenn die Leute merken, es schreit niemand auf, wird es von Mal zu Mal einfacher“, so Deutsch. Deshalb fordert er: "Die Bevölkerung gehört aufgeklärt. Es muss gesagt werden, wo die Grenzen liegen."

Antisemitismus wird scheinbar salonfähig
Die Politik reagiere viel zu zögerlich auf Antisemitismus, erklärt Deutsch und führt das Beispiel der „antisemitische Karikatur auf Straches Facebook-Seite“ an. Diese zeigt eine als fettleibig und gierig karikierte Cartoonfigur eines Bankers, die Stereotype aus dem antisemitischen Diffamierungsrepertoire wie Hakennase und Davidsstern auf den Manschettenknöpfen aufwies. "Antisemitismus wird scheinbar salonfähig", erklärt Deutsch.

Doch nicht nur Politiker und Polizei nimmt der Präsident ins "Gebet". Auch an die Führung der muslimischen Glaubensgemeinschaft ergeht der Appell, stärker gegen Antisemitismus aufzutreten. Als grundlegendes Ziel der IKG erklärt er, dass „Juden weiter ihr jüdisches Leben in Österreich leben können“ und die Kultusgemeinde ihr Wachstum fortsetze.

Wer hat Schuld?
Deutsch gibt gleich drei Gruppen die Schuld an der Zunahme des Antisemitismus: die „Rechten“ sowie die „radikalen Islamisten und Linksextremen“. Besonders schockierende Zustände herrschen in Ungarn, wo Minderheiten, Roma und Juden, physisch attackiert werden. Zudem verwies Deutsch auf einen Abgeordneten der rechtsextremen und im Parlament als drittgrößte Fraktion vertretenen Jobbik-Partei, der verlangt hatte, dass „jüdische Politiker in Ungarn gelistet werden. Darauf antwortete die EU mit einem Dreizeiler“, kritisierte Deutsch. Die Folge: viele Familien fühlen sich nicht mehr sicher und wandern aus - nach Wien zum Beispiel.

Und was nun?
Deutsch fordert. dass die EU koordiniert dagegen vorgeht und die EU-Grundrechte-Agentur in Wien ihren Auftrag erfüllt. EU-Vertreter und die Politiker müssen klar sagen, „Antisemitismus darf nicht sein“. Denn, "es begann, wie wir alle wissen, mit Worten, in Ungarn ist schon viel mehr. Wird das nicht im Keim erstickt, dann weiß ich nicht, wohin Antisemitismus, Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit führen". Bislang sehe Deutsch aber keine Taten.