Zwei Jahre ist es her, seit hunderttausende Flüchtlinge über die Balkanroute bei uns ankamen und niemand mehr ignorieren konnte, dass die Konflikte dieser Welt auch unser friedliches Mitteleuropa betreffen. Dass die Ursachen dafür viel älter sind und die „Flüchtlingsfrage“ eigentlich auch, erklären mir kurz vor dem Weltflüchtlingstag Bernd Klisch, Fachbereichsleiter Flüchtlingshilfe bei der Caritas, und Eva Fahlbusch, Geschäftsführerin von Vindex – Schutz & Asyl e. V. in Bregenz.

Ich möchte meine Frage zurücknehmen – im selben Moment, als ich sie gestellt habe und mich Eva Fahlbusch, Geschäftsführerin von Vindex e. V., so fragend ansieht. Was genau ich eigentlich wissen will, will ihr Blick wissen. Und ich ahne, dass mein Textprojekt „Wie geht es Asylsuchenden in Vorarlberg – jetzt, im zweiten Sommer nach der großen ‚Flüchtlingskrise‘?“ vor allem eines ist: wahnsinnig naiv.

Zwei Jahre sind vergangen, seit die, die man sonst nur aus den Nachrichten kannte, plötzlich vor einem standen: In der einen Hand eine Plastiktüte, an der anderen ein kleines Kind, irgendwo in einem Zug in Mitteleuropa. Fahrkarte: keine – zumindest keine gültige. Das, was ein lächelnder Mitmensch aus dem Automaten gezogen hatte und gegen Bezahlung weitergereicht, war nicht mehr als eine kostenlose Fahrplanauskunft.

Ein paar Kleider-, Sach- und Geldspenden später ist es ruhig geworden auf den Bahnhöfen, in den Zügen, Nachrichten. Wenn im Mittelmeer doch mal wieder eine der Nussschalen kentert, ist das keinen Aufmacher mehr wert.

In Sicherheit... oder?

„Man kann einfach nicht alle zwei Wochen an die Zeitung schreiben“, meint Fahlbusch – dabei hätte sie „Geschichten“ genug. Die von einem jungen Iraker zum Beispiel, dessen Bruder Frau und Kinder in genau so einer gekenterten Nussschale verloren hat – irgendwo vor Griechenland oder Italien, wer weiß das schon so genau. Die Trauer: So groß, dass der Bruder seine tote Familie für die Bestattung lieber zurück in den Irak begleitet hat als allein in der Sicherheit Europas zu bleiben. Seitdem: kein Lebenszeichen mehr von ihm, keine Spur. Der junge Iraker in Vorarlberg ist verzweifelt: Alles, was ihm wichtig war, ist nicht mehr. Und er weiß: Wenn er selbst zurückgeschickt wird, wird es auch von ihm kein Lebenszeichen mehr geben.

Dabei gehe es den meisten, die hier sind, inzwischen relativ gut, berichtet Bernd Klisch, Fachbereichsleiter Flüchtlingshilfe bei der Caritas Vorarlberg: „Die Flüchtlinge sind angekommen. Sie wissen, wo man einkauft und wie sie sich selbst versorgen können, sie werden medizinisch betreut und sind – zumindest physisch – wieder gesund. Sie leben inmitten unserer Gesellschaft, können bereits ein wenig Deutsch und wollen nun Land, Leute und Kultur kennen lernen.“

Das Problem sei vor allem die Dauer vieler Asylverfahren: „Mehr als die Hälfte der in der Grundversorgung lebenden Menschen warten schon länger als anderthalb Jahre auf den Ausgang ihres Asylantrags“, so Klisch. Zumal es heuer bereits weit mehr Abschiebungen gegeben hat als im letzten Jahr: „Es ist eine große Herausforderung, diesen Menschen ohne klare Perspektiven menschlich zur Seite zu stehen, sie zu ermutigen und ihnen Hoffnung zu geben, wie immer das Asylverfahren für sie ausgeht“, erzählt er. So viel zur „Sicherheit“ in Europa.

Asyl ist nicht gleich Asyl

Eva Fahlbusch erklärt mir den Unterschied zwischen Konventionspass (= „echtes“ Asyl, Familiennachzug schnell möglich) und subsidiärem Schutz (= gilt so lange, wie die Bedrohungslage besteht; Familiennachzug frühestens nach drei Jahren), warum viele Syrer das Glück haben, ersteren zu erhalten und andere – Iraker, Afghanen – nicht.

Sie und ihre KollegInnen vom Verein Vindex kennen sich mit diesen vielen Feinheiten und Unterschieden so gut aus, weil Beratung von Menschen im österreichischen Asylverfahren nicht nur von der Flüchtlingshilfe der Caritas gehört, sondern auch zum Kerngeschäft des kleinen Büros in Bregenz. 333 Menschen aus 25 Nationen nahmen das kostenlose Angebot von Vindex 2016 in Anspruch – ein Großteil aus Syrien, dem Irak und Afghanistan.

Dass es nach wie vor auch viele Tschetschenen sind, die die Geschäftsstelle aufsuchen, liegt an der Geschichte des Vereins: Vor fünf Jahren, damals arbeite Fahlbusch noch in der betrieblichen Sozialarbeit, waren es zwei Abschiebungen nach Tschetschenien, die ihr so nahe gingen, dass sie nicht länger tatenlos zusehen wollte. Fahlbusch kündigte ihren Job: „Mir war klar: wenn ein Verein für die Belange solcher Menschen erfolgreich sein soll, reicht es nicht, sich nach Feierabend und am Wochenende zu kümmern.“ Vindex, der Name des Vereins, bedeutet: „sich kämpferisch für eine gute Sache einsetzen.“

Erste Erfolge

Es hat sich gelohnt: Neben den vielen traurigen, erschütternden, beängstigenden Geschichten, die Fahlbusch erzählen kann, gibt es auch echte Erfolgsmeldungen. Die von jenen 14 Menschen zum Beispiel, die Dank der Initiative und des Netzwerks eines Vereinsmitglieds in Praktika, Lehrstellen und Festanstellungen vermittelt werden konnten. Die von der Nähwerkstatt, einer Qualifizierungsmaßnahme vor allem für Frauen, deren Erzeugnisse unter dem eigenen Label „Dary Mode“ regional vertrieben werden. Das kaum einwöchige Neugeborene, das während unseres Gesprächs hereingetragen wird – jüngster Sohn einer glücklichen Vindex-Klientin. Die erstmalige Förderung für Integrationsprojekte durch das Land Vorarlberg.

„Integration“ ist auch ein Zauberwort, das bei Klisch immer wieder fällt: Integration durch Sprache, Integration durch Wohnraum, Integration durch Arbeit. Vor kurzem habe ihm eine Deutschlehrerin erzählt, dass ihre Schützlinge die Hausaufgaben grundsätzlich zweimal erledigten – aus purer Motivation. Und er sei immer wieder beeindruckt davon, wie viele Vorarlbergerinnen und Vorarlberger sich privat für Flüchtlinge engagierten – zum Beispiel, indem sie Beschäftigungsmöglichkeiten bieten.

Neben den offensichtlichen „benefits“ geht es bei vielen dieser Angebote subkutan auch um Hilfe zur Selbsthilfe. Unterstützung, die Caritas und Vindex nur anbieten können, weil man sie auch unterstützt – seitens der Politik, seitens der Gesellschaft.

Einander begegnen

Alles hängt mit allem zusammen – mal wieder. Ein Termin, der das deutlich machen will, ist der jährliche Umbrella March zum Weltflüchtlingstag. Der junge Iraker mit dem verschwundenen Bruder gehört zu denen, die sich am Wochenende in der Vindex-Geschäftsstelle getroffen haben, um dafür Transparente zu bemalen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ steht auf einem. Darunter sind Fotos zu sehen – aus Mossul, Kabul, Babel. Zertrümmerte Häuser, brennende Straßen, Leichen – Kriegsalltag im Irak.

Dass die österreichische Bundesregierung ihre Bürger zwar eindringlich vor Reisen dorthin warnt, die Botschaft in Kabul bis auf weiteres geschlossen hat, aber nur 29 Prozent der Flüchtlinge aus dem Irak Asyl erhalten, ist schwer zu vermitteln.

Es kann jeden treffen

Auch darum wird marschiert. Um die Fluchtursachen wieder sichtbar zu machen, jetzt, da es auf den Bahnhöfen, in den Nachrichten so still geworden ist. Um Begegnung zu schaffen – von Irakern, Afghanen, Vorarlbergern, Tschetschenen. Um zu zeigen, dass diese Labels genau das sind: Labels. Heute mögen es Iraker und Afghanen sein, die um ihr Leben fürchten, gestern waren es Tschetschenen und Syrer. Aber morgen?

Vindex spannt den schützenden Regenschirm über die, die ihn besonders brauchen. Bernd Klisch und seine Kollegen bei der Caritas tun alles, damit die 2.300 Frauen, Männer und Kinder in den 203 Unterkünften im ganzen Land so gut leben können, wie das in so einer Unterkunft und in der Ungewissheit über den Ausgang des Asylverfahrens eben möglich ist.

Und Du und ich – wir können das auch. Indem wir am 23. Juni beim Umbrella March durch Bregenz mitmarschieren. Oder indem wir Flüchtlingen Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Indem wir freien Wohnraum zur Verfügung stellen – oder einfach Mensch sind: „Ich wünsche mir mehr Gelassenheit, Offenheit und Humor in der Begegnung mit Menschen mit Fluchterfahrung“, sagt Klisch zum Abschluss. Eine gute Idee – und vielleicht helfen für den Anfang so grundnaive Fragen wie „Wie geht's...?“

Termine

Workshop anlässlich des Weltflüchtlingstags
16. Juni 2017, 14 Uhr
FH Dornbirn | Raum W2 11/12
CAMPUS V, Hochschulstraße 1, 6850 Dornbirn
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Abend der Begegnung auf Einladung von Caritas und Stadt Bregenz
20. Juni 2017, 19:30 Uhr
Bar & Restaurant Kesselhaus, Mariahilfstraße 29, 6900 Bregenz
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Umbrella March von Vindex e. V.
23. Juni 2017
14 bis 17 Uhr
Startpunkt: Bregenz, Hafen
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