"Wir leben auf einer Insel. Früher hieß sie Österreich, dann Europa, heute umfasst sie die gesamte Welt", hält Caritas-Direktor Michael Landau in einem Interview fest. Er ortet in Österreich und der EU eine "Gerechtigkeitslücke", dabei solle Gerechtigkeit ein zentraler Wert der EU sein. In Zeiten der Schuldenkrise und globalen Tragödien fällt es allerdings schwer das zu glauben. "Die Zukunft ist nicht, sich zu Tode zu sparen oder sich zu Tode zu fürchten. Europa muss den Menschen eine Perspektive geben", so Landau.

Mehr Einsatz für ein soziales Europa und mehr Hilfe Österreichs im Kampf gegen Armut und Hunger in der Welt - so lauten die Forderungen des Caritas-Direktors. Gleichzeitig warnt er davor, die Ursache der Schuldenkrise im Sozialstaat zu sehen: "Die Ursache ist die Gier einzelner, unverantwortlicher Manager und Politiker." 

Obszön, kurzsichtig und nicht stabil
"Eine Logik, die daraus Gewinn zieht, dass Länder zusammenbrechen, ist sozial obszön und auch wirtschaftlich kurzsichtig. Eine Gesellschaft, in der Menschen in Verzweiflung gestürzt werden, ist auf Dauer nicht stabil." distanziert sich Landau klar von einem Menschenschlag, die zum Beispiel derzeit auf einen Staatsbankrott - Stichwort Griechenland - spekulieren.

Gerechtigkeitslücke
Weiters ortet Landau eine Gerechtigkeitslücke: Eine Marktwirtschaft, die ausschließlich den Kapitalinteressen dient, sei nicht sozial. Je größer das Gefälle zwischen Arm und Reich, desto nötiger wäre eine Umverteilung. "Soziale Gerechtigkeit ist ein zentraler Wert der EU", so der Caritasdirektor: "Die EU darf nicht nur das Finanzsystem stabilisieren, sie muss auch das Sozialsystem stärken."

Nicht zu Tode sparen
Zwar fordere eine Generationen-Gerechtigkeit Sparen, der Fokus dürfeaber nicht auf Sparen allein fixiert sein. "Um Menschen von Armut zu befreien, ist Geld nötig. Die Zukunft ist nicht, sich zu Tode zu sparen oder sich zu Tode zu fürchten. Europa muss den Menschen eine Perspektive geben", so Landau. Es sei eine "massive Hypothek auf die Zukunft" und brandgefährlich jungen Menschen zu signalisieren, dass sie nicht mehr gebraucht werden, spielt Landau auf die Situation in Spanien an.  Dort leben 26 Prozent der Jungen unter der Armutsgrenze, 52 Prozent der bis zu 25-Jährigen sind arbeitslos. "Niemand darf am Rand zurückgelassen werden, das ist ein schwerer Verstoß gegen soziale Gerechtigkeit", zitiert Landau sinngemäß die Aussage der Bischofskonferenz.

Es ist Mord
Doch nicht nur Spanien, auch Österreich muss sich an der eigenen Nase fassen: "Bei der Entwicklungszusammenarbeit rittert Österreich mit Portugal und Griechenland um die rote Laterne", kritisiert Landau. Eigentlich sollten Migration und Entwicklungszusammenarbeit aber verbunden sein, "um Menschen in ihren Heimatländern echte Perspektiven zu geben".  Es sei der  größte Skandal der Menschheit, wenn täglich 7000 Kinder an Hunger und Unterernährung sterben würden.  "Wir brauchen mehr Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit, mehr Klimaschutz, keine Landraub-Geschäfte und ein Verbot auf Lebensmittel-Spekulationen. Eine EU-Agrarreform muss Hunger bekämpfen und darf nicht zu unfairem Handel durch subventionierte Produkte führen", so der Caritas-Direktor.

Zukunft ohne Hunger
Themen wie diese sowie Hunger und nachhaltige Ernährungssicherung werden derzeit bei der internationalen Konferenz "Zukunft ohne Hunger" besprochen.  Wer sich dafür interessiert, kann die Konferenz mittels Live-Stream auf der Homepage mitverfolgen: www.zukunft-ohne-hunger.at

Ein Standard-Interview mit der Hungerhilfe-Expertin Ruth Kelly zum Thema "Wachstum sickert nicht bis nach unten durch" finden Sie hier.

Von Simone Rinner veröffentlicht am 01.06.2012

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