Bischof Erwin Kräutler braucht in Vorarlberg nicht mehr vorgestellt zu werden. Seit 44 Jahren ist er Priester und hat den Großteil seines Lebens in der Territorialprälatur Xingu verbracht. Seit 28 Jahren ist er als Nachfolger seines Onkels Erich Kräutler dort Bischof. Sein Bischofssitz ist in Altamira. Bischof Kräutler sprach vergangene Woche vor den Dekanatskonferenzen der Diözese.

Zum Abschluss des Arbeitsjahres und als Impuls vor der Sommerpause, nicht zuletzt auch in zeitlicher Nähe zum 70. Geburtstag von Bischof Erwin am 12. Juli, kamen zahlreiche Priester, Diakone und Pastoralassistenten ins Diözesanhaus (siehe Bilder-Galerie rechts). Erwin Kräutler sprach über die theologischen Grundlagen seiner Arbeit, Gedanken, die sich auch in seinem neuen Buch "Rot wie Blut die Blumen" (Otto-Müller-Verlag 2009, 184 S. ISBN 978-3-7013-1163-7. € 18,-) finden.

Ausgangspunkt für Bischof Kräutler ist die Bibelstelle Exodus 3,14, aus der er den Gottesnahmen Jahwe mit den Worten "Ich bin, der mit euch ist." übersetzt. Für Erwin Kräutler ist der "Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, nicht der Gott der Philosophen" (Blaise Pascal) ein persönlich erfahrbarer Gott, der seinen Bund immer wieder mit den Menschen schließt: "Gott geht mit, er hilft, er befreit," Angesichts der ungerechten Strukturen, hier wie auch am von einem megalomanischen Staudammprojekt bedrohten Fluss Xingu in Brasilien, habe der Mensch nur eine Frage: Wie finde ich einen gnädigen Gott? Das habe Luther ebenso beschäftigt wie den biblischen Zöllner ganz hinten im Tempel. Die ganze Menschheit rufe nach Gott, so der aus Koblach gebürtige Bischof. Die innerste Sehnsucht des Menschen ziele auf Gott.

Dabei versteht Erwin Kräutler Mystik nicht als Entschweben ins Transzendente, sondern als Gottes-Erfahrung gerade im Mitmenschen: "Das Handeln in der Gemeinde, die samaritanische und prophetische Dimension zu leben, also das politische und soziale Handeln, das ist  nicht möglich ohne spirituellen und mystischen Hintergrund," so Kräutler. Bereits Ende der 60er Jahre formulierten die Lateinamerikanischen Bischöfe die viel zitierte "Option für die Armen", die dann - zwar nicht ausschließlich, aber dennoch vorrangig - zu einer Leitidee der Katholischen Kirche auf diesem Kontinent wurde: Die Kirche als eine Kirche der Armen. Die Ausrichtung auf die Armen begründete Bischof Erwin auch theologisch: Gott ermahne sein Volk immer wieder zum Schutz besonders der Fremden, Witwen und Weisen, "... denn fremd bist du selbst gewesen im Land Ägypten." (Exodus 22). Und auch das Leben Jesu sei - besonders im Blick auf Geburt und Sterben - das Leben eines Armen gewesen.

Als theologie- und kirchengeschichtlich bedeutsam wertete Erwin Kräutler die Generalversammlungen der Lateinamerikanischen Bischöfe (CELAM). Was 1955 in Rio de Janeiro begann, setzte sich 1968 in Medellin fort. Diese Konferenz, die das Zweite Vatikanische Konzil für Lateinamerika umsetzen wollte, prägte vor allem im Schlussdokument - wenn auch nicht wortwörtlich, sondern dem Sinne nach - den Begriff der "Option für die Armen": Immer klarer wurde Armut als Folge ungerechter Strukturen angeprangert. Die 3. Vollversammlung 1979 in Puelba rezipierte - nach einem besonders von der Gewalt geprägten Jahrzehnt - die Enzyklika "Evangelii Nuntiandi" von Papst Paul IV und formulierte auch das Bekenntnis zur Kirche der Armen als Traum Gottes. Auf der Versammlung 1992 in Santo Domingo, an der Erwin Kräutler bereits selbst als Bischof teilnahm, kam die Frage nach einer "inkulturierten Evangelisation" zu Sprache. Von der 5. Vollversammlung in Aparecida 2007 nahm Bischof Kräutler den Impuls mit, dass die Option für die Armen nicht nur ein theologisches Bekenntnis sei, sondern auch ganz konkret zu einer Änderung der Strukturen führen müsse.

Diesem Bemühen entspricht ein großer Teil des Wirkens von Dom Erwin. Im Anschluss an den theologischen Teil erzählt Bischof Kräutler anhand vieler Beispiele, was sein Leben am Xingu prägt. Freude und Trauer sind dabei oft nahe beieinander. Über die Ermordungen seiner Mitarbeiter Hubert Mattle (1995) und Dorothy Stang (2005) berichtete Erwin Kräutler ebenso wie über die Entstehung unzähliger Basisgemeinden. Diese kleinen christlichen Gemeinschaften vor Ort können lediglich 2-3 mal pro Jahr von einem Priester besucht werden. Denn die Pälatur Xingu hat beinahe 300.000 Katholiken, 840 Gemeinden und ... 30 Priester. Dennoch versammeln sich in den Basisgemeinden jeden Sonntag die Menschen zum Gottesdienst und lesen das Evangelium. Beim Anblick dieser Zahlen wird Bischof Kräutler nachdenklich: "Was sollen sie am Sonntag tun in der Gemeinde: Wortgottesdienst? Eucharistie? Wir müssen mehr Mut haben in unserer Kirche, wir müssen neue Wege finden. Der Geist Gottes ist mit uns, hundertprozentig! Aber wir dürfen nicht diese Angst haben, dies wahnsinnige Angst, was da herauskommen wird. Es kommt sicher etwas Gutes heraus!"

Auf die Frage aus dem Publikum, wie das nun mit den großen Erfolgen der Sekten und christlichen Freikirchen in Brasilien sei, antwortet Erwin Kräutler mit dem Hinweis gerade auf die Basisgemeinden. Dort, wo es sie gebe, hätten Freikirchen keinen Erfolg. Er persönlich kenne nur ganz wenige Übertritte von Katholiken.

Sein Einsatz gegen ein Staudammprojekt am Xingu sowie sein Eintreten für Opfer von sexueller Gewalt und Kinderprostitution brachten Bischof Kräutler zahlreiche Morddrohungen ein. Seit zwei Jahren lebt er unter Polizeischutz.

Am 12. Juli feiert Erwin Kräutler seinen 70. Geburtstag. Der Unterstützungsverein "Koblach am Xingu" gestaltet in diesem Zusammenhang eine Geburtstags-Strauß-Aktion für den Vorarlberger in Brasilien.