2012 scheint - religiös gesehen - ein Jahr der Jubiläen zu sein. Neben dem 50jährigen Bestehen des Zweiten Vatikanischen Konzils gibt es nämlich auch auf muslimischer Seite etwas zu feiern: 100 Jahre Islamgesetz in Österreich. "Christen und Muslime inspirieren sich gegenseitig und geben einander Hoffnung", erklärte Kardinal Christoph Schönborn anlässlich dieses Ereignisses und auch Bundespräsident Heinz Fischer ortet ein Abflachen der "Islamophobie-Kurve" in Österreich.
Rund eine halbe Million Menschen islamischen Glaubens leben laut Integrationsfonds in Österreich. Das bedeutet einen beträchtlichen Anstieg, denn als die muslimische Wohnbevölkerung im Jahr 1981 zum ersten Mal gesondert erhoben wurde, waren es "nur" 77.000. Zehn Jahre später, 1991 bereits 159.000 und 2001 schon 339.000. Dennoch zeigt sich Bundespräsident Heinz Fischer zuversichtlich, dass die seit dem Zuzug muslimischer Gastarbeiter angestiegene "Islamophobie-Kurve" wieder flacher wird. Warum? "Einerseits, weil die Zuwanderungsrate flacher wird, und andererseits, weil wir lernen, mit unterschiedlichen religiösen Bekenntnissen unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger besser umzugehen".
Anerkannt seit 1912
Die rechtliche Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft durch Kaiser Franz Joseph am 15. Juli 1912 zeige, "dass bereits zu dieser Zeit der Donaumonarchie in Österreich Menschen unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher kultureller Traditionen sowie eine Vielzahl von Völkern und Volksgruppen zusammengelebt haben, und dass sich der Staat bemüht hat, Rahmenbedingungen für ein harmonisches Zusammenleben aller Bürgerinnen und Bürger zu schaffen". Dazu seien die heutigen Bewohner Österreichs ungeachtet stark geänderter Rahmenbedingungen "selbstverständlich erst recht verpflichtet", betonte der Bundespräsident. Ein respektvoller interreligiöser Dialog könne hier wichtige Impulse geben.
Im Namen Gottes - Bismillah er-Rahman er-Rahim
In seinen Segenswünsche anlässlich des Jubiläums 100 Jahre Islamgesetz in Österreich wünscht Christoph Schönborn Österreich vor allem eines: Es soll in Europa in Bezug auf christlich-muslimische Verständigung Vorbild sein. "Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind mit dem nunmehr 100-jährigen Islamgesetz gegeben. Viele Organisationen sind um ein konstruktives Miteinander bemüht! Viele engagierte Menschen, Christen und Muslime, inspirieren sich gegenseitig und geben einander Hoffnung", so Schönborn wörtlich.
Gott sei Dank, oder "El ham du li llah"
Als Positivbeispiele nannte Schönborn eine Reise junger Muslime und Christen anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums nach Bosnien oder auch miteinander Fußball spielende Imame und Priester."Diese Initiativen geben Hoffnung, Gott sei Dank! Oder wie Sie sagen würden: El ham du li llah!"
Integration - auch in Vorarlberg
Auch in Vorarlberg gibt es viele Initiativen für ein "gutes Miteinander". Die Veranstaltungsreihe „Muslime und Christen im Gespräch“ will beispielsweise Einblicke geben und das gegenseitige Verstehen und Kennen auf lustvolle Art und Weise ermöglichen. Bei der Lernhilfeaktion der Diözese Feldkirch können Volksschulkinder mit migrantischem Hintergrund zu sogenannten Lernpatinnen und Lernpaten kommen, wo sie nicht nur schulisches Wissen vermittelt bekommen, sondern quasi nebenbei auch "besser integriert" werden. Mit "eltern.chat" der Diözese Feldkirch haben Eltern die Möglichkeit in ihrer Muttersprache, bei sich zu Hause, gemeinsam mit befreundeten Eltern bzw. Müttern, über ein Erziehungsthema intensiver ins Gespräch zu kommen. Ein Projekt, das heuer sogar mit der "SozialMarie" ausgezeichnet wurde.
Eine Überlebensfrage
Kardinal Schönborn erinnerte an die Überzeugung Papst Benedikts XVI., das Miteinander von Christen und Muslimen sei "eine Überlebensfrage der Menschheit". Von Muhammed sei das Wort überliefert: "Der beste Mensch ist derjenige, der dem Anderen hilft!" Und Jesus Christus habe aufgetragen: "Liebt einander und verzeiht!" Der Kardinal dazu: "Es gibt genug gute Worte, lasst sie uns gemeinsam in die Tat umsetzen!"
Anerkennung der Religionsfreiheit - ein langer Weg
Weiters erinnerte Schönborn an die im Zweiten Vatikanischen Konzil verabschiedeten Dokumente, die auch das Verhältnis der Religionen betrafen. Er erwähnte als wesentliche Aussagen des Konzilsdokuments über die Religionsfreiheit das Recht jedes Menschen auf religiöse Freiheit - "niemand darf in religiösen Dingen gezwungen werden gegen sein Gewissen zu handeln" - sowie das Recht, seinen Glauben öffentlich und in Gemeinschaft zu leben. Darum habe jede religiöse Gemeinschaft auch das Recht auf entsprechende "ordentliche Gebäude", so Schönborn.
Der Weg zur Anerkennung der Religionsfreiheit "war in der Kirche ein langer Weg", erklärte er. "Obwohl wir doch das Wort Gottes vorliegen haben, bleibt uns die tägliche Aufgabe nicht erspart, dieses Wort zu interpretieren." Auch der Islam stehe vor dieser Aufgabe "und ist schon mitten drin". (red/kahtpress/standard)
Von Simone Rinner veröffentlicht am 27.06.2012

