
Mit einem humorvollen Seitenhieb auf die kulturellen Herausforderungen der Digitalisierung merkte er an: „Es zählt zu meinen schlimmsten Schüler-Albträumen, eines Tages mit Rechenmaschinen vor hunderten Menschen auf einer Bühne zu stehen.“ Diese Mischung aus Ironie und Ernsthaftigkeit zog sich durch den gesamten Vortrag, wobei Reichl die historischen Wurzeln der Digitalisierung bis zu Pythagoras und den Mechanismus von Antikythera zurückverfolgte. „Digitalisierung ist eine uralte Idee,“ erklärte er, „die im Grunde schon in der Antike begann, als man die Welt in zählbare Einheiten zu zerlegen begann – von den Zahlenverhältnissen der Pythagoreer über die ersten mechanischen Rechenmaschinen wie den Mechanismus von Antikythera bis zu den binären Systemen eines Leibniz. Diese Systeme, die das komplexe Chaos der Natur in einfache, logische Schritte zerlegen, bilden die Grundlage für unsere heutige digitale Welt."
Ein zentraler Punkt des Vortrags war auch die Frage nach der Verantwortung der Entwickler und Nutzer von KI. „Es geht nicht nur darum, was wir technisch möglich machen können, sondern auch darum, was wir moralisch vertreten können. Die Technik darf nicht zum Selbstzweck werden.“ Und er formulierte, was sicherlich viele der Zuhörer:innen im Raum interessierte: „ChatGPT halluziniert immer. Was Sie glauben, das ist entscheidend. Es spricht ja nichts gegen Halluzinieren. Viele große Kunstwerke sind unter Drogen entstanden. Absolut kein Problem. Wenn man es als Kunstwerk betrachtet. Deswegen habe ich angefangen, KI als Kunstwerk, als Kunstprojekt zu verstehen."
In diesem Zusammenhang erklärte Reichl auch das Thema Quantencomputing: „Quantenrechner beruhen auf einer anderen Art von Physik, der Quantenmechanik,“ erklärte er. „Während herkömmliche Computer auf klaren Einheiten von ‚0‘ und ‚1‘ basieren – Elektronen, die entweder links oder rechts sausen – funktioniert ein Quantenrechner fundamental anders. Dort können Elektronen quasi gleichzeitig durch zwei Türen gehen. Diese besondere Form der Superposition und Verschränkung ermöglicht es Quantencomputern, bestimmte Aufgaben unglaublich effizient zu lösen, die für herkömmliche Computer praktisch unmöglich wären.“ Reichl fügte jedoch auch kritisch hinzu: „Man kann Quantenrechner nicht einfach so programmieren wie elektronische Rechner, und viele Probleme, die sie lösen können, sind schlicht sinnlos oder extrem spezifisch.“
Der Professor ergänzte: „Trotzdem könnten die Quantencomputer die Sicherheit heutiger Verschlüsselungssysteme gefährden, weil sie in der Lage sind, mathematisch komplexe Probleme wie die Primfaktorisierung großer Zahlen extrem schnell zu lösen. Das könnte die Grundlagen unserer Internetsicherheit grundlegend erschüttern."
Reichl betonte dabei erneut, dass die fundamentale Herausforderung von uns sei, die digitale Welt sinnvoll zu gestalten: „Wir haben uns daran gewöhnt, in diesen ganzen digitalen Diskursen immer die digitale Welt als etwas zu sehen, das Chancen hat und auch Risiken. Aber was, wenn wir dabei das Eigentliche übersehen? Wenn das Wirkliche unter dem Deckmantel digitaler Renditen verschwindet?“ Dann habe ich Chancen und unabweislich damit auch Risiken. Und ich kriege das eine nicht ohne das andere.“
Rosa Andrea Martin
Prof. Dr. Peter Reichl ist ein angesehener Informatiker, der sich seit Jahrzehnten mit den Grundlagen und der Zukunft der digitalen Welt auseinandersetzt. Er studierte an der Technischen Universität Wien und promovierte an der Universität Aachen. Heute forscht er unter anderem an der Universität Wien und ist international für seine Arbeiten im Bereich Netzwerktheorie, Internetarchitektur und Kommunikationssysteme bekannt. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit hat er auch mehrere Bücher verfasst, die sich kritisch mit den technologischen Herausforderungen unserer Zeit auseinandersetzen.