„Elegant, denkt man oft, wie altmodisch, überholt, überkandidelt, schlicht überflüssig. Schlimmer“, beginnt die Professorin ihren Vortrag: „Sie scheint elitär. Etwas für die, die es sich leisten können und wollen.“
Barbara Vinken, die an diesem warmen Herbstmontag selbst in ein elegantes cremefarbenes Outfit gekleidet ist, einzig durch eine Brille in orangerot akzentuiert, nimmt den Begriff Eleganz mit Wortgewandtheit und etlichen historischen Belegen unter die Lupe und erklärt dem Publikum: „Eleganz ist sehr viel mehr als eine Frage des Gekleidetseins", weiß Barbara Vinken, die sich als Modetheoretikerin intensiv mit der Welt der Mode aus verschiedenen Perspektiven beschäftigt.
„Als man anfing, über Eleganz nachzudenken, über sie zu schreiben und zu diskutieren, um sie schließlich zu dem Nonplusultra eines geglückten Umgangs mit der Welt zu erklären, ging es nicht um Kleidung, sondern um die Eleganz der Sprache, um den nicht nur angemessenen, sondern schönen Stil im Schreiben und in der geglückten Rede. Erst danach und nach diesem Vorbild bezogen sich die ungeschriebenen Regeln der Eleganz auf Umgangsformen, das gute Benehmen, die Kunst des Gastgebens, die Kleidung – kurz: darauf, sich mit der Welt aufs Angenehmste ins Benehmen zu setzen.“
Barbara Vinken erläutert, dass uns Eleganz seit der Antike begleitet und uns vor Augen führt, wer wir in den gelungenen Momenten des Lebens sein können. Nachlesen kann man diese Kunst u.a. bei Graf Baldassare Castiglione (1478-1529) in seinem Buch „Libro del Cortegiano: Das Buch vom Hofmann“. Er beschreibt in seinem Werk sowohl die Vollendung wie das Wesen der Eleganz. Es geht bei Castiglione nicht um die Eigenschaften eines Individuums, sondern um Eleganz als Höchstes Ideal des gesellschaftlichen Umgangs. Der italienische Autor entwirft ein Bild eines geglückten und beglückenden Miteinanders und schreibt: „Ohne eine elegante, gewandte, kosmopolitische, gleichberechtigte Gesellschaft, ohne gebildete, witzige schlagfertige Gesprächskultur…gibt es keine gute Regierung.“ Und auch kein gutes Miteinander, meint die Rednerin.
Barbara Vinken führt aus: „Die Lebensform der Eleganz ist gleichberichtigt. Das Gefallen der Geschlechter aneinander ist in Castigliones Buch ebenso wie das Zu-Gefallen-Seins das Herz der Eleganz. Und das elegante Leben ist darauf ausgerichtet, aus dem Unterschied der Geschlechter für beide das größte Vergnügen zu ziehen." Die Liebe im höheren Sinne sei der treibende Motor eleganten Zusammenseins. Denn wer liebt, werde ein besserer Mensch.
Im Gegensatz dazu, so die Professorin, entwirft Niccolò Machiavelli in seinem Buch "Fürst", zur gleichen Zeit verfasst wie Castigliones Buch, ein düsteres Bild des Lebens: „Ihm gebührt, die Palme des Schwarzsehens“, so Vinken: „Er beschreibt eine Gesellschaft, in der es um Machterhalt und die Machtvermehrung um jeden Preis gehe. In der alle verbissen um den eigenen Vorteil kämpfen und auf das tierischste Niveau sinken.“ Leicht ironisch ergänzt sie: „Das nennt man seither realistisch.“
Dabei schließen, aus der Sicht der Kulturhistorikerin, die Regeln eleganten Zusammenlebens vieles ein: „Die Eleganz ist als Ideal, als Vision einer glücklicheren Gesellschaft entworfen worden. Eleganz braucht Zeit und Muße. Statt so schnell und so viel wie möglich zu arbeiten und unaufhaltsam im Hamsterrad zu laufen erinnert Eleganz daran, innezuhalten, offen für Überraschungen zu sein und sich dem Moment hinzugeben“, erläutert Vinken. Dabei fordert uns die Autorin auch auf zu erkennen, wie kindisch der Effizienzglaube sei, der verdrängt, dass wir mitten im Leben vom Tod umfangen sind und sie fragt: „Wie konnte es passieren, dass ein Ideal wie das elegante Leben zu einer unangenehmen Pflicht, zu einer Last oder als Sozialstress empfunden wird?‘“
Vinken empfiehlt, dass wir uns daran erinnern, das Leben nicht so schwer zu nehmen, sich weniger um sich selbst zu drehen und unseren Mitmenschen mehr zuzuwenden. „Letzten Endes ist die Eleganz die heitere Haltung. Lebensmut der Härte und Erbarmungslosigkeit des Schicksals zum Trotz: Haltung bewahren und dabei Gefallen zu finden ist alles.