
Professor Gabriel strukturierte seine Ausführungen in drei Teile: Was ist der Mensch? – Was sind Gut und Böse? – Welche Rolle spielt die Freiheit?
Zu Beginn stellte Gabriel die grundlegende Frage der Philosophie: „Was ist der Mensch?“ Dabei griff er auf Immanuel Kant zurück, der vier Leitfragen formuliert habe: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? – und die wichtigste: Was ist der Mensch?“
Klassische Definitionen, so Gabriel, seien jedoch problematisch. Die antike Bestimmung des Menschen als „federloser Zweibeiner“ – eine Definition von Plato – illustriere die Schwierigkeit philosophischer Begriffsbildung. Gabriel zitierte dazu eine bekannte Anekdote: Nachdem ein gerupftes Huhn als Gegenbeispiel präsentiert worden war, sei deutlich geworden, dass diese Definition nicht ausreiche.
Der Philosoph kritisierte allgemein den Versuch, den Menschen schlicht als „Tier plus X“ zu definieren. Denn daraus folge umgekehrt: Tiere seien „Menschen minus X“. Dieses Denken führe in ein begriffliches Paradox. Entscheidend sei vielmehr eine andere Perspektive:„Menschen sind diejenigen Lebewesen, die ein Leben führen im Lichte einer Vorstellung ihrer selbst.“
Der Mensch sei daher ein geistiges Wesen, das sich ständig selbst interpretiere. Jeder Mensch gebe – bewusst oder unbewusst – eine Antwort darauf, was Menschsein bedeute. Diese Selbstdeutung steuere Handlungen, Werte und gesellschaftliche Strukturen.
Mit ironischem Tonfall formulierte Gabriel:„Der Mensch ist die Antwort auf die Frage, was der Mensch ist.“
Im zweiten Teil wandte sich Gabriel der Ethik zu. In der Philosophie werde das Gute als das bezeichnet, was unter allen Umständen getan werden soll, wenn man es tun kann.
Zur Veranschaulichung wählte er ein humorvoll zugespitztes Beispiel:„Sie sitzen im Sommer mit einem Aperol Spritz. Ein Kind droht im flachen Wasser zu ertrinken. Retten Sie das Kind oder trinken Sie erst den Aperol? Natürlich retten Sie das Kind.“ Wer in dieser Situation erst lange überlege, habe bereits „einen Gedanken zu viel“, bemerkte Gabriel augenzwinkernd.
Solche Fälle bezeichnete er als offensichtliche moralische Tatsachen. Dazu gehörten grundlegende Normen wie Hilfeleistung oder das Verbot von Gewalt. Moderne Gesellschaften hätten diese moralischen Erkenntnisse in Institutionen, Gesetzen und kulturellen Traditionen gespeichert.
Gabriel widersprach zugleich der verbreiteten Annahme, Moral sei bloß relativ oder kulturell beliebig. Zwar existierten unterschiedliche Wertvorstellungen, doch in zentralen Fragen seien sich Menschen weltweit weit stärker einig, als oft behauptet werde.„Die menschliche Lebensform basiert auf der Anerkennung von unzähligen moralischen Tatsachen.“
Ethik dürfe zudem nicht allein der Politik überlassen werden. Moralische Verantwortung beginne beim Einzelnen und in der gesellschaftlichen Debatte.
Zwischen Gut und Böse liege ein großer Bereich moralischer Neutralität. Nicht jede Handlung sei moralisch relevant – etwa die Entscheidung, auf welcher Straßenseite man spazieren gehe. Wo jedoch moralische Fragen berührt seien, existiere ein objektives Spektrum von richtig bis falsch.
Für Gabriel bedeutet menschliche Freiheit daher nicht Beliebigkeit, sondern die Fähigkeit, sich im Bewusstsein moralischer Maßstäbe zu entscheiden. Der Mensch stehe ständig vor der Aufgabe, das Gute zu erkennen und zu verwirklichen.
Sein Fazit formulierte der Philosoph pointiert:
Die Menschheit befinde sich heute in einer „Denkzeit“, in der es darum gehe, moralische Orientierung neu zu reflektieren.
Über den Referenten: Markus Gabriel wurde am 6. April 1980 in Remagen (Deutschland) geboren und zählt zu den international bekanntesten deutschsprachigen Philosophen der Gegenwart. Nach seinem Studium der Philosophie, Klassischen Philologie und Literaturwissenschaft in Hagen, Bonn und Heidelberg promovierte er 2005 mit einer Arbeit über die Spätphilosophie von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling.
Bereits in jungen Jahren machte Gabriel international Karriere. Nach Forschungsaufenthalten in Lissabon und New York erhielt er 2008 seine erste Professur an der The New School for Social Research. Seit 2009 ist er Professor für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn. Dort leitet er seit 2012 das Internationale Zentrum für Philosophie sowie seit 2017 das interdisziplinäre Center for Science and Thought.
International ist Gabriel regelmäßig als Gastprofessor tätig, unter anderem an der Sorbonne Université sowie erneut an der New School in New York. Seit 2024 wirkt er außerdem als Senior Global Advisor am Kyoto Institute of Philosophy.
Bekannt wurde Gabriel vor allem durch seine Bücher zum sogenannten Neuen Realismus, darunter „Warum es die Welt nicht gibt“, „Ich ist nicht Gehirn“ oder „Der Sinn des Denkens“. In seinen jüngeren Arbeiten beschäftigt er sich verstärkt mit Ethik, moralischem Fortschritt und der Rolle von Philosophie in Politik, Wirtschaft und Technologie.
Mit seiner Fähigkeit, komplexe philosophische Fragen verständlich und pointiert zu formulieren, gilt Gabriel heute als einer der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.