In Brasilien herrscht dieser Tage großer Erleichterung - zumindest vorübergehend - denn der Bau des drittgrößten Stausees der Welt wurde gestoppt. Ein brasilianisches Gericht entschied zugunsten der Ureinwohner bzw. eigentlich zugunsten der Zierfische, deren Lebensraum der Xingu-Fluss ist. Bischof Erwin Kräutler sind den vorläufigen Baustopp mit gebremsten Optimismus: "Es ist längst nicht alles eitel Wonne."

Die bereits aufgefahrenen Bagger stehen still. Zumindest vorübergehend, denn die geplanten gigantischen Kanäle, Dämme und Staumauern sind derzeit auf Eis gelegt. Der Grund ist das das Urteil des Bundesgericht des Bundesstaats Pará, das einen sofortigen Baustopp für alle Arbeiten, die zu einer Veränderung des Flusslaufs des Xingu-Flusses führen würden, bewirkt hat. Wenn sich das Errichtungs- und Betreiberkonsortium Norte Energia S. A. nicht daran hält, drohen hohe Strafzahlungen.

11.000 Megawatt
Und wenn wir gerade beim Thema Geld und Zahlen sind: Elf Mrd. Dollar (8,1 Mrd. Euro) kostet das Projekt, das für die  brasilianische Regierung  zentral für die nationale Energieproduktion ist. Er sollte ab 2015 bereits elf Prozent des landesweiten Strombedarfs decken. Der Staudamm wäre auf eine Stromleistung von 11.000 Megawatt ausgelegt.

Nun doch nicht
Erst im Juni hatte die brasilianische Umweltbehörde die endgültige Genehmigung für den Bau des Kraftwerks erteilt. Damals wurde erklärt, dass es es Garantien für den Erhalt des Ökosystems und der Lebensgewohnheiten der Bevölkerung am Xingu-Fluss gebe. Nun sind die Fische dazwischen gekommen. Bundesrichter Carlos Eduardo Castro Martins gab der Klage des Zierfisch-Zucht- und Exportverbands von Altamira (Acepoat) recht und setzte die Bauerlaubnis außer Kraft. Grund: die Fisch-Fauna würde sich verändern.

Sind Fische mehr "Wert" als Ureinwohner?
Im Xingu-Fluss leben etwa  viermal mehr Fischarten, als in allen Flüssen Europas zusammen. Wenn Belo Monte gebaut würde, würde viele von ihnen verschwinden. Und natürlich wäre der Bau auch für die Ureinwohner fatal, schließlich leben viele vom Fischfang. Fisch ist dort ein Grundnahrungsmittel, das 70% des Proteinbedarfs deckt. "Es ist eigentlich zynisch, dass die Bedrohung von Zierfischen nun ausschlaggebend war, aber es ist begrüßenswert, dass der Lebensraum der Indigenen nun vorläufig gesichert ist", fasst Christina Schröder von Südwind die Entwicklung zusammen.

Nicht das letzte Wort
Die Reaktionen auf den Baustopp fielen unterschiedlich aus. Während man sich in Brasilien freut, gab man sich in Österreich "sehr gelassen". Die Andritz AG, die an dem Projekt einen Auftragsanteil in dreistelliger Millionenhöhe hat, erklärte, dass es sich hier noch um keine endgültige Entscheidung handle. Die Baustelle sei noch nicht eingerichtet, und Andritz noch gar nicht an der Arbeit, erklärte ein Sprecher des Unternehmens: „Wir gehen davon aus, dass wir den Auftrag ausführen werden“. Auch Bischof Erwin Kräutler, langjähriger Verfechter der Rechte der Indios, zeigte sich gebremst optimistisch:  Es sei längst nicht alles eitel Wonne.

Es heißt abwarten
Dass es kein Grund für endgültige Freudensprünge gibt, zeigt die Entwicklung des Bauprojektes Belo Monte: Bereits Mitte Februar dieses Jahres  war von einem lokalen Gericht  ein erster Baustopp verhängt worden. Ein übergeordnetes Gericht habe diesen nach wenigen Tagen wieder aufgehoben, erklärte ein Sprecher der Andritz AG. Es habe praktisch „null Verzögerung“ gegeben. „Auch diesmal erfolgte die Anordnung zur vorläufigen Einstellung der Arbeiten auf Anordnung eines lokalen Gerichts“, so der Sprecher. Es gilt also abzuwarten.