Zum W'ortwechseln findet man sich normalerweise bei Freunden zu Hause ein. Aber was ist derzeit schon normal? Deshalb entdeckte der W'ortwechsel heuer das Jugend- und Bildungshaus St. Arbogast für sich. Und siehe da: Es passte, als hätten die W'ortwechsel nie anderswo stattgefunden.

Okay, da ist etwas los in St. Arbogast. Wenn die Parkplätze Mangelware werden, dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass im Jugend- und Bildungshaus über Götzis etwas Größeres stattfindet. So wie am vergangenen Wochenende. Nur war man den vertrauen Anblick gar nicht mehr so richtig gewohnt und man musste es sich immer wieder selbst in Erinnerung rufen: Ja, man darf ja wieder. Die "3 Gs" - eine Selbstverständlichkeit - und schon fand man Einlass ins kleine W'ortwechsel-"Festivaldorf" in St. Arbogast.

Thema: Alles, was der Rede wert ist

Kurz zur Erklärung: Der W'ortwechsel entstand aus dem Wunsch heraus, den Kontakt zu Menschen, die man am Sonntag gerade nicht in den Kirchenbänken antrifft, zu suchen, zu finden und zu etalieren. Der W'ortwechsel sollte Menschen zusammenbringen, zu Hause, in den eigenen vier Wänden, in kleinen Gesprächsrunden mit je einem "special guest", also einer bekannten und interessanten Persönlichkeit, die etwas zu sagen hat. Aus dieser Mischung konnten Gespräche entstehen. Die Themen waren von Anfang an frei wählbar. Wenn Glaube, Kirche und was weiß Gott alles eine Rolle spielen, gut. Wenn nicht, auch gut. 

Nun war das mit den "Hausbesuchen" in den letzten Monaten ja eher schwierig. Also machte sich das W'ortwechsel-Team rund um Simone Fürnschuß-Hofer auf die Suche nach alternativen Möglichkeiten. Fündig wurden sie in und rund um St. Arbogast.

Freiluft-Wohnzimmer mal zehn

Hier schlugen sie am vergangenen Wochenende zehn kleine Freiluft-Wohnzimmer auf - und los ging die Diskussion. Auf einer Wiese hinter dem Gästehaus drei, knapp vor dem Waldesrand traf man da beispielsweise auf Philipp Ling. Mit den "Holstuonarn" gelang ihm der große Durchbruch. Und als der Erfolg so richtig an Fahrt aufnahm, traten die "Holstuonar" auf die Bremse. Heute ist Philipp Lingg immer noch Musiker und Texter. Über den Unterschied von damals und heute und warum es gut war, eine Vollbremsung zu wagen, darüber diskutierte man da beispielsweise. Nebenbei erfuhr man übrigens auch, dass Philipp Lingg einst Mesner war und während seiner Zeit in Wien anfangs in einem gut katholisch geführten Männerwohnheim unterkam. Ein Jahr lang ca. Dann sahen sowohl das "gut Katholische" als auch Philipp Lingg ein, dass sie nicht so ganz zueinander passten.

Eine Stufe weiter unten, auf der Terrasse vor Gästehaus drei, saß da Edith Klinger in interessierter Runde. Ihres Zeichens Unternehmerin waren da die Themen nicht etwa Gewinnmaximierung oder die Senkung der Personalkosten, sondern die Verantwortung der Unternehmenden für die Produktionskette, die Umwelt, den arbeitenden Menschen.

Du lügst, wenn du sagst: "Ich verstehe dich"

Auf den Schriftsteller Robert Schneider traf man unweit davon entfernt vor der Kapelle des W'ortwechsel-Dorfs. Was er aus der Pandemie für sich gelernt habe? Dass gerade die Stillen, die die es nicht wagten, ihre Stimmen zu erheben, der Rede wert sind. Und, dass es doch immer nur eine gut gemeinte "Lüge" sein könne, wenn man jemandem zuspricht "Ich verstehe dich". "Nein, man kann einen anderen nie ganz verstehen. Das war auch etwas, das ich in dieser Pandemie gelernt habe, dass ich sogar Menschen, die mir sehr nahe sind, nicht in ihrer Angst ,bergen' konnte", erzählt Robert Schneider da. 

Im Schatten eines großen Baumzeltes hört man schließlich Propst Martin Werlen aus St. Gerold von seinen Erfahrungen mit Corona erzählen. Davon, dass unterschiedliche Meinungen dazu derzeit sogar Familien gespalten haben und davon, dass Dummheit (die nicht mit dem IQ gleichzusetzen sei) gefährlicher ist, als Boshaftigkeit. Was er aus Corona gelernt habe. Vielleicht das, dass es nicht gut ist, wenn sich Meinungen in Lager abspalten und es zwischen diesen Lagern keine Gesprächsbasis mehr gebe.

Wo liegt das Problem von "Gast" und "Gästin"?

Bei Matthias Neustädter, ORF-Redakteur und Talk-Master der Call-in-Sendung "Neues bei Neustädter", ging es dann um Gender, um geschlechtergerechte Sprache und darum, wo denn die Hebel zu finden sein könnten, mit denen man zum Beispiel für mehr Gerechtigkeit unter den Geschlechtern sorgen könnte. Hilft es da, dem "Gast" die "Gästin" entgegenzustellen, gibt es nicht "größere Baustellen" oder ist die Sprache nicht doch eben auch der Ort, der Realitäten sichtbar werden lässt?

Wie zerbrechlich Sicherheit ist, wie ganz und gar nicht normal es ist, dass wir so ganz "normal" leben können und wie schnell auch ein Leben zu Ende sein kann, das waren einige der Themen, über die Bischof Benn Elbs mit seinen GesprächspartnerInnen philosophierte. Zwei Steinwürfe weiter, nahe dem Arbogaster Tipi, war da Sabine Klotz. Seit Jahren engagiert sie sich in Nepal für Bildung und dafür, dass Kinder dort zumindest eine Chance auf Schulbildung und damit auf Zukunft haben. Und noch zweimal um die Ecke und schon war man mitten im Gespräch mit der Kabarettistin Maria Neuschmid. Die erzählte von ihrem harten Start als hauptberufliche Kabarettistin, vom Druck der Verantwortung, der da plötzlich auf den Schultern spürbar wird und von Publikumsreaktionen, die nicht immer ganz so ausfielen, wie erwartet. Woher sie ihre Themen denn eigentlich nehme? Von den Leuten. Man müsse nur gut zuhören können.

Grenz-Erfahrungen von Menschen und Natur

Am Fuße des Bildungshauses, zwischen Wassertrete und Wasserhaus, begegnete man schließlich den letzten beiden Gesprächen. Naturschutzanwältin Katharina Lins berichtete da von ihren täglichen Aufgaben, die sie immer wieder in den Grenzbereich von Natur- und Klimaschutz führten. Bei Clownfrau und Schauspielerin Elke Maria Riedmann ging es dann auch um Grenzen, allerdings um jene, die gerade auch heute vielen Menschen verschlossen bleiben. Als Mitglied der "Clowns ohne Grenzen" spielte Elke Maria Riedmann nämlich auch in Flüchtlingslagern, wo Menschen wieder zu lachen und zu leben lernen mussten nach all den (Grenz)Erfahrungen, die hinter ihnen lagen.

Ciao W'ortwechsel und Hallo Sommerkirche

10 W'ortwechsel-Grüppchen fanden sich also in St. Arbogast zusammen. Kein Gespräch glich dem anderen. Keines war mit dem anderen vergleichbar- und jedes war unverzichtbar. Übrigens, der W'ortwechsel in St. Arbogast lief heuer auch unter der Flagge der "Sommerkirche". Das Ziel der Sommerkirche deckt sich nämlich in vielen Dingen mit dem des W'ortwechsels: Es geht darum, Kirche anders, vielleicht auch ungewohnt erfahrbar werden zu lassen. Und es geht um Kontakt, Kontakt zu und mit Menschen: bei Alp- und Bergmessen, bei Kirchenführungen, mit der PopUpChurch, mit einer Selfie-Aktion in der Fußgängerzone oder eben auch mit einem W'ortwechsel. Der ist für heuer gelaufen. Die Sommerkirche aber hat gerade erst so richtig an Fahrt aufgenommen.

Alle laufende Aktionen und Termine im Rahmen der Sommerkirche finden Sie unter: sommerkirche.at