Es ist - im übertragenen wie auch im ganz wortwörtlichen Sinn - nicht immer so ganz einfach mit den weißen Westen. Dabei wäre es ja durchaus machbar. Im Weltladen Götzis erklärt man gerne, wie das mit der fairen Mode kein Buch mit sieben Siegeln bleibt.

Nein, für Kinderarbeit sind wir natürlich alle nicht. Und ja, natürlich sollen alle einen fairen Lohn für ihre Arbeit erhalten. Das ist doch klar und so gehört es sich ja auch für Menschen des 21. Jahrhunderts, die es gewohnt sind, die Welt als ihre Westentasche zu betrachten und - zumindest online - global unterwegs sind.

Komisch nur, dass viele noch immer keinen Gedanken daran verschwenden, wie es denn eigentlich möglich sein kann, dass Mode heute oft zu echten Dumping-Preisen angeboten wird. Jetzt einmal ehrlich. Wenn man sich nur ein bisschen die Produktionskette vor Augen hält, die so ein Kleidungsstück mindestens zu durchlaufen hat, dann muss es doch irgendwie verdächtig anmuten, dass für ein durchschnittliches T-Shirt der Griff in den Geldbeutel nicht tiefer ausfällt.

Wer schreit am lautesten?

Umdenken ist da also angesagt, oder wie es Elmar Weißenbach vom Weltladen in Götzis formulierte: "Wer ausbeutet, der wird ausgebeutet. Nur wir schreien dann sicher lauter." Die Verantwortung verlagere sich auf den Märkten nämlich zunehmend vom Produzenten zum Konsumenten, so, dass es heute vielerorts heiße: "Lieber Konsument, das ist unser Produkt. Was du aber kaufst, darauf musst du selber achten."

Um aber darauf achten zu können, muss man zuerst wissen, worauf man denn eigentlich achten soll. Und in dieser Hinsicht gab es beim Produzentengespräch des Weltladen Götzis eine kleine Nachhilfestunde. Zu Gast war Kimberley Miranda aus Indien, Mumbai um genau zu sein. Und das Projekt, für das sie steht, trägt den Titel "Creative Handicrafts". Und ja, natürlich ist "Creative Handicrafts" auch eine von vielen Initiativen, die sich um fairen Handel, faire Arbeitsbedingungen oder faire Löhne bemüht. Aber "Creative Handicrafts" ist noch mehr. "Uns geht es darum, Frauen, die in den Slums von Mumbai leben, wirtschaftlich unabhängig zu machen. Dabei geht es auch um Bildung und Ausbildung", erklärt Kimberley Miranda und blickt dabei auch immer wieder auf die Entstehungsgeschichte von "Creative Handicrafts" zurück. 

10 Jahre im Slum

Die begann nämlich mit Sr. Isabel Martin, einer spanischen Missionsschwester, die eines Tages nach Mumbai kam und dort zum ersten Mal die Slums der Großstadt mit eigenen Augen sah. Ein Erlebnis, das Sr. Isabel derart betroffen machte, dass sie für sich beschloss, die Slums nicht einfach hinter sich lassen zu können. Und aus dem kurzen Aufenthalt in Indien wurden 10 Jahre, in denen sie mit den Menschen in den Slums lebte. Sr. Isabel kannte also den Alltag dieser Menschen an der unteren Grenze des Existenzminimums - und sie wusste, dass es gerade oft die Frauen sind, die zwischen Familie, Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit zerrissen wurden. 

Also öffnete Sr. Isabel eine erste "Creative Handicrafts"-Näherei mit Frauen aus den Slums, die dort Stoffspielzeug fertigten. Und das Projekt gelang und nahm immer mehr an Formen an. So, dass Stoffspielzeug bald nicht mehr reichte. Es gesellte sich die Mode zur kleinen Produktpalette hinzu. Heute arbeiten rund 200 Frauen in einer der "Creative Handicrafts"-Einrichtungen - Tendenz steigend. 

Selbständigkeit will auch gelernt sein

Aber auch das reichte den engagierten Frauen um Sr. Isabel noch nicht, die den Laden nun auch nach dem Tod der Schwester weiterführen. Und zur Modeproduktion kam ein Ausbildungszentrum, ein Kinderbetreuungszentrum und schließlich sogar ein Catering-Unternehmen. Asli-Food - echtes Essen, heißt es und täglich werden rund 500 fixe Abnehmer/innen so mit Menüs der Marke "Creative Handicrafts" versorgt. "Die Idee des Caterings entstand aus der Tatsache, dass eben nicht alle Frauen gut nähen konnten. Aber sie hatten andere Fähigkeiten. Manche konnten gut kochen", so Kimberley Miranda. Und warum sie eine Kinderbetreuungseinrichtung auf die Beine stellten, erklärt sich auch von selbst. "Hier sind die Kinder vor und nach der Schule gut betreut, während ihre Mütter arbeiten. So arbeiten auch die Frauen beruhigter. Wichtig ist aber auch, dass die Kinderbetreuung keine Gratis-Einrichtung ist. Wer die Betreuung in Anspruch nimmt, der zahlt 10 Rupien im Monat. Das ist umgerechnet weniger als ein Euro. Es geht nicht um das Geld, es geht auch hier um Bewusstseinsbildung, die Übernahme von Verantwortung und Selbständigkeit."

Bildung heißt das Zauberwort

"Creative Handicrafts" ist ein gut geführtes Projekt. Die Frauen nähen in dem Tempo, das sie selbst wählen. Bezahlt werden sie nach gefertigten Stücken, sie sind kranken- und pensionsversichert und schon so manche hat auch innerhalb "Creative Handicrafts" Karriere gemacht. "Der Schlüssel zum Erfolg heißt aber immer ,Bildung'. Das ist uns wichtig. Wir wollen den Frauen, die bei uns arbeiten, eine gute Berufsausbildung bieten", schließt Kimberley Miranda. 

Die Crux ist

Prinzipiell ist "Creative Handicrafts" ein Fair Trade-Produzent. Als solcher wird auch in der Produktionskette auf Fair Trade-Partner geachtet. Das beginnt bei der fairen Produktion der Baumwolle und endet beim Vertrieb z. B. durch die Weltläden. Allein, das reicht nicht aus. Denn um die Näherinnen ganzjährig beschäftigen und so auch deren Einkommen sichern zu können, musste mit Monoprix auch ein Partner aus der konventionellen Modeindustrie akzeptiert werden. Konkret heißt das, ein Produkt, das aus fair produzierter Baumwolle unter fairen Arbeitsbedingungen und Löhnen gefertigt wurde, landet zu einem bedeutend niedrigeren Preis auch im konventionellen Handel.

Jetzt sind wir an der Reihe

Und was bedeutet das jetzt für den oder die durchschnittlichen mitteleuropäischen Modekonsumenten? Bewusst kaufen, immer öfter dem (fast) geschenkten (Mode)Gaul ins Maul schauen und entdecken, was hinter den Produkten steckt und dem Trend der schnelllebigen Mode einfach den des Qualitätsbewusstsein entgegenstellen. Klingt leichter als es sich manchmal anfühlt. Aber ein Tipp für den Anfang: ein Besuch im nächsten Weltladen ist ein guter Ausgangspunkt für den bewussten Einkauf.