Zeig mir, wie du stirbst und ich sage dir, wer du bist – ganz so einfach ging es bei der ersten Hohenemser Friedhofswanderung dann schon nicht, aber der Grundgedanke stimmt schon. Denn im Abschreiten der Friedhöfe zeigte sich, dass die Religionen um einiges mehr verbindet als Trennendes vorhanden ist.

Was rund 60 Frauen und Männer an einem Samstagvormittag auf den Hohenemser Stadtfriedhof treibt – die Friedhofswanderung der Arbeitsgruppe Religion der Stadt Hohenems. Nachdem im vergangenen Frühjahr die Hohenemser Gebetsräume durchstreift wurden, waren nun die Friedhöfe an der Reihe. Die Orte wechselten also, das Prinzip blieb: Berührungsängste mit Unbekanntem baut man am besten ab, indem man darüber redet. Deshalb stellten sich mit Johannes und Elisabeth Reis, mit Pfarrer Michael Meyer, Doris Banzer und Ali Can Fachleute den Fragen der Friedhofswanderer und versuchten, Rituale und Symbole rund um den Tod und das Sterben zu erklären. 

Ein Mehr, das verbindet

Gestartet wurde auf dem Hohenemser Stadtfriedhof, wo Johannes und Elisabeth Reis z. B. erklärten, dass das Weihwasser, mit dem man das Grab benetzt, an die Taufe erinnert oder dass die Kränze, mit denen man die Särge schmückt und die keinen Anfang und kein Ende haben, Zeichen dafür das Leben und die Auferstehung sind. Es wurde aber auch ganz konkret über die Sterbesakramente, die Abläufe bei einer Beerdigung, die prinzipielle Möglichkeit einer Erd- bzw. Urnenbestattung und die Funktion des Totenmahles gesprochen. Nahtlos ging das Wort dann über an Pfarrer Michael Meyer, der zum Beispiel darüber sprach, dass die evangelische Kirche keine Totenwachen in Form eines Rosenkranzes kennt, der aber vor allem auch das Viele aufzeigte, das die katholische und die evangelische Kirche miteinander verbindet. 

Grabesruhe

Einen Friedhof weiter führte Doris Banzer vom Jüdischen Museum unter anderem aus, welchen Grabsteinformen man auf jüdischen Friedhöfen begegnen kann, was Verzierungen und Symbole über das Leben eines Verstorbenen erzählen können und welchen Modeströmungen auch das Judentum unterworfen war, was die Friedhofsgestaltung betrifft. So werden jüdische Gräber in der Regel nicht mit Blumen geschmückt – wobei eben auch hier der Satz von der Ausnahme gilt, die die Regel bestätigt – sondern kleine Steine, die auf dem Grabstein niedergelegt werden, erinnern an den Besuch von Angehörigen, Freunden und Trauernden.
Die Grabesruhe der Verstorbenen ist dabei das Zentrum im jüdischen Glauben was das Sterben und den Tod betrifft. Es ist die Grabesruhe, die nicht gestört werden soll. Das ist auch der Grund (um ein banales Beispiel zu nennen), warum am Hohenemser Friedhof nur zweimal im Jahr das Gras geschnitten wird. Übrigens, am Sabbat ist auch der Friedhof geschlossen.
Weiter ging es dann dem Waldrand entlang bis zum Islamischen Friedhof, der in Altach gelegen sich zwischen Hohenems und Götzis befindet. 

Wissen auf- und Ängste abbauen

Ali Can, islamischer Bestatter, war wohl der, der sich den meisten Fragen stellen musste, was auch Zeichen dafür ist, wie groß hier das Bedürfnis ist, Wissenslücken zu schließen. So führte Ali Can durch den Aufbahrungsraum, in den Raum, in dem die rituellen Waschungen durchgeführt werden bis hin zu den Gräbern. Er erklärte, dass der islamische Friedhof allen Richtungen des Islams offen steht, dass ein Moslem nach seinem Tod so schnell als möglich bestattet werden muss, dass es auch zu seinen Aufgaben gehört, den Angehörigen eines Verstorbenen zum Beispiel bei der Überführung des Leichnams in die Türkei zu helfen und warum sich auf dem Friedhof auch ein Gebetsraum befindet. Den gibt es nämlich wegen der Gebetszeiten. Fünfmal am Tag muss zu bestimmten Zeiten gebeten werden. Dauert eine Beerdigung etwas länger und kommt es dadurch zu Überschneidungen mit der Gebetszeit, so können die Trauernden kurz die Beerdigung unterbrechen, ihr Gebet verrichten und dann wieder zur Beerdigung zurückkehren.
Interessant auch, dass es auf islamischen Friedhöfen nur Einzelgräber bzw. maximal Doppelgräber gibt. Das klassische Familiengrab, wie es auf christlichen Friedhöfen oft gesehen wird, ist im Islam nicht vorgesehen.
All das und noch mehr erfuhr man im Gespräch, durch Fragen und Antworten und baute so Berührungsängste ab und Wissen auf. 

Das Leben ist vielgesichtig

Überhaupt ist die Friedhofswanderung und auch die Gebetsraumwanderung wie es sie im kommenden Frühjahr wieder geben soll, eine perfekte Gelegenheit sich mir Menschen über Glauben, das Leben und Sterben auszutauschen und die Bindeglieder innerhalb einer vielgesichtigen Gesellschaft zu entdecken.