Kirchenräume sind eine starke pastorale Ressource, davon ist Dr. Markus Hofer, der Leiter der Fachstelle Glaubensästhetik überzeugt.

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Keine gute Zeit für Kirchenräume?
Verfolgt man aktuelle pastorale Mainstreams, könnte man leicht zum Schluss kommen: Es ist keine gute Zeit für Kirchenräume!
Die „Geh-hin-Kirche“ ist angesagt. Die alten Kirchen rufen aber immer noch: „Komm her!“ Sind die Kirchenraum-Liebhaber die letzten Museumswärter einer überholten Pastoral?
Da fällt einem auch die viel propagierte Mission-Bewegung ein, die zumindest nach den vermittelten Vorbildern formal nichts Anderes macht, als die moderne Unterhaltungsindustrie zu imitieren. Einzig christliche Texte werden den Songs unterlegt, ansonsten bleibt die Masche Kopie. Dabei war das Christentum über 1500 Jahre DIE kulturstiftende Kraft im Westen wie im Osten Europas.

Haben die Kirchen nun wirklich ausgedient? Sind sie endgültig reif für den Abbruch? Versuchen sie das einmal! Schlagartig wird aus dem verschlafendsten Nest ein gallisches Dorf, das sich mit allen Mitteln schon gegen eine Renovierung wehrt. Menschen von nah und fern, die über das Jahr liturgisch kaum etwas beanspruchen, stehen plötzlich in aller Vehemenz da, wenn man ihrer Kirche scheinbar an den Kragen will.

Kirchenräume haben eine starke Lobby!
Kirchen sind das letzte Unhinterfragte
Kirchen sind gebauter Glaube
Kirchen sind Identifikationsorte des Christentums
Kirchen sind kulturelles Zeugnis
Kirchen sind Kunst und Schönheit
Kirchen sind Orte der Selbsttranszendenz
Kirchen sind mystische Orte
Kirchen als „Religion für Atheisten“
Fazit

Kirchenräume haben eine starke Lobby!

Drei Beispiele: In unserer Mini-Diözese Feldkirch gibt es gezählte 600 Kirchen und Kapellen. Wenn man nur bedenkt, wie viele Menschen tagein tagaus diese Kirchen auf- und zusperren, pflegen und hegen, dann sind das vermutlich namenlose Hundertschaften, die Großteils ungenannt und kaum geehrt ihr Herzblut in ‚ihren‘ Kirchenraum stecken.
Heuer (2019) nahmen an der Langen Nacht der Kirchen 73 Kirchen und Kapellen teil, eine Rekordbeteiligung, wie es sie in unserem kleinen Ländle noch nie gab – und die großartigsten Programme kommen von den Ehrenamtlichen. Die Beteiligung an der Langen Nacht der Kirchen ist bei uns vielleicht das einzige, was steigt, außer den Austrittszahlen.
Unsere Lehrgänge für Kirchenraumpädagogik (Vorarlberg) begannen als zaghafter Versuch und schlugen voll ein. Heuer läuft der sechste ausgebuchte Kurs in sieben Jahren und der größere Teil der Teilnehmenden stammt nicht einmal aus dem innerkirchlichen Bereich.
Was ist das besondere an unseren Kirchen?

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Kirchen sind das letzte Unhinterfragte

Wenn es etwas gibt, das an unserer Katholischen Kirche gesellschaftlich noch unhinterfragt ist, dann sind es die Kirchenräume. Sie sind vermutlich das einzige, das noch nicht kritisiert wird, sei es berechtigt oder unberechtigt, das einzige, das noch nicht medial veräppelt wird. Unsere Kirchen sind - zumindest noch - so etwas wie der steinerne Respekt für das, was die Institution kulturell geschaffen hat, für das, was trotz aller kommerzieller Heilsversprechungen unserer Zeit an Spirituellem fehlt. Sie stehen unbestritten für die transzendente Dimension des Lebens.

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Kirchen sind gebauter Glaube

Die Kirchen sind gebauter Glaube und im katholischen wie orthodoxen Verständnis auch Haus Gottes. Ich möchte provokant fragen: Trauen wir Gott in seinem Haus noch etwas zu? Oder trauen wir nur unserer eigenen Predigt, unseren eigenen Ideen, Projekten und Aktivitäten? Wir würden gerne Menschen für Gott öffnen. Vielleicht müssen wir für viele moderne Menschen dazu einen Schritt zurückgehen, etwas behutsamer und unaufdringlicher werden und zuerst das Haus Gottes für die Menschen öffnen, es ihnen zugänglich machen. Gott wirkt auch selbst in seinem Hause.
Für den Theologen Rainer Bucher sind die Kirchen „konkrete Orte unaufdringlicher Antreffbarkeit für die reale Gegenwart des Christlichen heute“.

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Kirchen sind Identifikationsorte des Christentums

Kirchen in ihrer ausgeprägten Gestalt sind Identifikationsort des Christentums, vielleicht für die sog. treuen Kirchenfernen noch mehr als für die pfarrlich Engagierten. Sie stehen für etwas, das in aller vagen Diffusität für viele Menschen doch noch wichtig ist. Für manche ist es ein sehr numinoser Bezug zum Glauben, der sich aber in den Kirchenräumen verortet, sich mit ihnen identifiziert. Man merkt es manchmal wirklich erst, wenn man eine Kirche abreißen oder umbauen will. Es sind Orte des Heiligen, die damit auch den Menschen heilig wurden.

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Kirchen sind kulturelles Zeugnis

In einer Zeit, in der alles ständigem Wandel unterworfen ist, sind die Kirchenräume wohltuend unveränderliche, steinerne Zeugen unserer Geschichte und Kultur. Umso mehr Kultur droht zum Teil der austauschbaren Unterhaltungsindustrie zu werden, sind solche Denkmäler für eine Gesellschaft unverzichtbar. Manchmal merken das wenig religiöse Menschen noch stärker als die kirchlich Hauptamtlichen, die ihre steinernen Zeugen gelegentlich eher als Klotz am Bein empfinden mögen.

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Kirchen sind Kunst und Schönheit

Christliche Kunst war immer auch Verkündigung, hat immer schon unserem Glauben Gestalt gegeben, veränderbar und immer wieder anders, wie das Leben eben ist. Für Papst Franziskus ist Kunst der zweitwichtigste Weg, Christus zu bezeugen - nach dem persönlichen Lebenszeugnis. "Kunst war und ist ein Königsweg zum Glauben, mehr als viele Worte und Ideen es sind, weil sie mit dem Glauben den Sinn für Schönheit teilt“. Große Kunst als Ausdruck des Glaubens zu betrachten, helfe den Menschen, "das wiederzuentdecken, was im Leben zählt". Christliche Kunst "führe jemanden in sich hinein und erhebe ihn gleichzeitig über sich hinaus", so Franziskus. Wenn das kein Auftrag ist?!

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Kirchen sind Orte der Selbsttranszendenz

Kirchen an sich sind Gegenwelten. Sie sind eine Gegenwelt zur Hektik im Alltag, die Stille eine Gegenwelt zum Lärm im Alltag, ein Stück sinnvolle Gegenwelt zur ständigen Unterhaltung und oberflächlichen Berieselung, auch eine Gegenwelt, in der die Echtheit des Lebens Platz hat, wo Gefühle und Probleme einen, sei es auch stummen Ort haben können, einen Ort, an dem man damit gut aufgehoben ist; sogar, wenn man nicht einmal eine Kerze anzündet. Befragt man Touristen, was sie in Kirchen suchen, kreuzen bis zu 80% an: Ort der Ruhe und Kraft tanken!
Kirchen sind Haus Gottes. Und das kann man auch anders formulieren: Sie sind Orte der Selbsttranszendenz, in denen die alltägliche Lebenswelt überschritten wird und das Dasein sich weitet. Und darum haben wir auch die Pflicht, diese Räume für alle zugänglich zu halten. Vielleicht müssten wir noch lauter sagen, dass man zur Gastfreundschaft im Haus Gottes nicht einmal ein religiöser Mensch sein muss.

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Kirchen sind mystische Orte

Es gibt ein wachsendes Bedürfnis nach Spiritualität und Mystik - und sei es noch so diffus. Mystik beginnt nicht erst bei den Mystikern. Mystische Orte sind vielleicht zuerst einfach Orte, wo es einem die Schuhe auszieht (wie Moses), Orte, an denen ‚das Heilige‘ spürbar wird, das nicht nur Profane oder Subjektive. In diesem Sinne können Kirchenräume für moderne Menschen auch heilsame Räume sein. Heilsam als nicht-kommerzielle Refugien, heilsam in ihrer Stille und Ruhe, heilsam in der Geborgenheit, in der Gelassenheit, der angemessenen Perspektive, in der ich auch einmal klein sein darf. Heilsam in der Schönheit und nicht zuletzt heilsam in der Verbindung von Himmel und Erde.

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Kirchen als „Religion für Atheisten“

Der poetische Rebell und erklärte Atheist Wolf Wondratschek sagte einmal über Kirchen:
„Ich bete nicht, auch in Kirchen nicht, zu Gott. Ich habe nicht das, was die Kirche einen Glauben nennt. Mein Glaube ist mein Schweigen - und ein guter Ort dafür ist eine Kirche, am besten eine leere, menschenleere Kirche. Nicht reden müssen, nicht glauben müssen, nichts sein müssen. …
Mir gefällt das Unbewohnbare von Kirchen. In einer Kirche bin ich allein. Nicht mit Gott allein, sondern mit mir, im besten Fall mit dem wenigen, was ich bin. Ich spüre Erleichterung. Ich höre auf, ein modernes Individuum zu sein. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass alles schon da war, vor mir. Nichts gleicht hier einer Kleinigkeit. Nichts hier hat, obwohl überdacht, eine Grenze. Das Unsichtbare, eingefasst in hohe Bögen, in Überwölbungen, Kuppeln, in Architektur, Architektur als Kunstwerk, als Ereignis.“

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Fazit

Vielleicht muss es uns erst wieder bewusst werden: Unsere Kirchenräume sind eine große pastorale Chance!

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