Impression von der Villar-Rojas-Ausstellung im KUB Bregenz

Sie fasziniert, die neue Ausstellung im Kunsthaus. Die mehr als raumgreifenden Arbeiten, die der junge argentinische Künstler Adrián Villar Rojas in das Bregenzer KUB gestemmt hat, sind wohl das aufwändigste, was hier je zu sehen war. Der Aufwand lohnt, auch wenn sich am Ende vielleicht gerade dadurch zeigt, dass er nicht reichen wird. 

Es ist ein großes sinnliches Erleben, was die vier Stockwerke bieten. Jeder Stock fast wie eine Kathedrale aus Raum und Licht, in die man eintauchen kann, in die es einen hineinzieht und in der man fast geborgen sein kann; aber nur fast. Wenn mittelalterliche Menschen aus dem stinkigen Grauschwarz ihres Alltags heraus in eine gotische Kathedrale traten, muss es ein überwältigendes Erlebnis gewesen sein, das alle Sinne in Beschlag nahm. Ein Erlebnis, das transformiert, das alles übersteigt, was gewohnt ist, das eine neue Welt eröffnet, die auch ein Versprechen war. Bis auf das Versprechen sind die Stockwerke des KUB solchen Kathedralen vergleichbar. Ein sinnliches Erlebnis, in das man eintaucht und das auch medienverwöhnte Menschen noch berauschen oder zum Staunen bringen kann. In den ersten medialen Reaktionen war fast ein Erstarren in Ehrfurcht spürbar, vielleicht auch ein Zeugnis für das eher schon verschollene Bedürfnis nach Ehrfurcht, das den mittelalterlichen Menschen noch alltäglich war.

Der Künstler Villar Jojas spielte schon im Vorfeld mit solchen Assoziationen, wenn er das Kunsthaus mit einer Kirche verglich und die darin werkenden Menschen als Mönche bezeichnete, die diese Kirche hüten und pflegen. Auch das Thema, dem sich der Künstler mit der aktuellen Schau stellt, hat kathedrale Ausmaße. Es geht um nichts weniger als die Geschichte der Menschheit in vier Stockwerken. 

Die Assoziationen zu einer gotischen Kathedrale drängen sich im Erdgeschoss zwingend auf. Schon der Abgang zur Kasse, die diesmal im Keller platziert ist, geht vorbei an den großen Fenstern, die mit farbiger Folie verklebt sind und das Licht ähnlich verzaubern wie die leuchtenden Bilder in den Glasfenstern der Gotik. Die Inhalte sind zwar weg, aber der Zauber, das Leuchten, das verwandelte Licht, die sinnliche Farbigkeit sind wieder da. Das Erdgeschoss widmet sich nichts weniger als der Geburt der Menschheit, dem Beginn. Der Beginn jedenfalls ist leuchtend farbig. Vielleicht ist das auch schon der Blick des Embryos durch die schillernden Hautwände der Mutter. Die Mutter liegt hier am Boden. Eine überdimensionale Reproduktion der schwangeren Madonna von Piero della Francesco aus dem 15. Jahrhundert ist über das ganze Erdgeschoss ausgelegt. Man scheut sich fast, Gesicht, Bauch und Kleiderfalte mit den Füßen zu betreten, auch wenn das Material so beschaffen ist, als wäre es schon tausendfach betreten worden. Da ist sie wieder die Ehrfurcht, vielleicht auch der Zauber des Anfangs; der Raum jedenfalls wirkt. 

Nach der Geburt folgt im ersten Stock die Urgeschichte der Erde, in der vereinzelte Vorfahren erst marginale Spuren hinterlassen haben. Atmosphärisch ist es ein Urwald, unter dem wuchernden Efeu scheint sich die Decke zu wölben. Ausgelegt sind über die ganze Fläche unzählige braune Marmorplatten mit faszinierenden Versteinerungen. Ammoniten, Belemniten, Turmschnecken, fossile Reste verschiedener Urtiere. Es ist wie im Urwald, man muss auf den Weg achten. Wie halb trunken stolpert man fast durch diese Frühgeschichte unter dem gebrochenen Halbdunkel des Urwalddaches. Es ist ein Erlebnis schon allein deshalb, weil da nichts billig nur gemacht ist. Zwischendurch, schon unten warnen Schilder, dass man auf den Boden achten müsse, befinden sich große Steine, rechteckig geschlagen mit primitiven Auswölbungen. Einfache Mühlen mit Grube und Mahlstein? Urgeschichtliche Kultplätze einer Vorstufe des Menschen? Unsere Geschichte schon bald nach der Geburt. 

Überraschend, als ob es nicht weitergehe mit unserer Geschichte, geht es im zweiten Stock ins Dunkel. Dunkel und warm. In der Mitte, die Stühle sind zwar aus Marmor, aber sie könnten auch aus Baumstrünken geschnitzt sein, der Stammplatz unserer Ahnen. Um einen Urbaum, man denkt unwillkürlich an Wagners Weltesche, sind sie versammelt auf weiten Thronsesseln. Ein Metallkorb, der von der Decke hängt, scheint den heiligen Platz abzuschirmen. Alles ist dunkel, nur an einer Wand brennt Feuer. Links und rechts, bewegt man sich durch den Raum und haben sich die Augen an das Dunkel gewöhnt, sieht man Dinosaurier und das fast beängstigende Bild eines bärtigen, urzeitlichen Jägers. Davor brennt im Kunsthaus tatsächlich Feuer, eine lange Reihe kleiner, züngelnder Flammen. Das was sie beleuchten könnten, verdecken sie eher. Das riesige Bild darüber erleuchten sie nur schwach, verdunkeln es auch, weil das Licht der Flammen gleichzeitig die Augen blendet. Und was sehen unsere behaarten Ahnen, wenn sie um ihren Baum versammelt sind und zum Feuer blicken. Es ist im vermutlich kolossalen Ausmaß des Originals Pablo Picassos „Guernica“, das unsere Augen anstrengt und im Fastdunkel immer wieder schemenhaft und grausam wahrnehmbar wird. Es ist jenes Bild, das Picasso als Reaktion auf ein grausames Bombardement deutscher Fliegertruppen im Spanischen Bürgerkrieg gemalt hat. Schreiende Münder, Körperteile, eine trauernde Mutter und das getötete Kind, vom Schmerz gespreizte Finger und Zehen, ein legendäres Bild, das die mögliche Grausamkeit des Menschen mahnend aufzeigt. Dahinter die riesigen Dinosaurier, vor denen es sich zu schützen gilt, auf der anderen Seite der bärtige Jäger, der damit auch die Seinen ernähren möchte und in der Mitte die grausame Gewalt, zu der der Mensch fähig ist und die nichts mehr mit Schutz und Nahrung zu tun hat. Das zuerst einmal wohlig-warme Dunkel des Raums lässt letztlich nicht viele Möglichkeiten des Entkommens offen. Und doch, da muss noch etwas kommen; schließlich gibt es im KUB ja noch einen vierten Stock. 

Und der lässt kalt! Der sinnliche Kontrast könnte kaum größer sein. Es geht tatsächlich in die Kälte. Nach dem vom Feuer erwärmten dritten Stock ist es oben spürbar kühl. Auch das kalkweiße, gleißende Licht, gespiegelt von den nackten, glänzend weißen Böden und die hygienische Leere des Raumes wärmen nicht. Der ganze Raum besteht aus vier weißen, spiegelglatten Rampen, die auf ein Podest in der Mitte zuführen, auf dem in hellen Marmor gemeißelt die Füße des Davids von Michelangelo stehen. Und sonst nichts. Von der finsteren Frühzeit geht es in die helle Neuzeit, doch die vermag nicht mehr zu wärmen. 

Die Hochrenaissance, aus der Davids Füße stammen, gilt als der Beginn des neuen Denkens. Klarheit und Rationalität sollen die finsteren Mythen überwunden haben. Gewalttätig war die Zeit deshalb um keinen Deut weniger, so viel wissen wir heute. Die Religion galt als überwunden, der Mensch allein wurde zu Maß und Ziel allen Strebens. Helle Klarheit, ästhetisches Ebenmaß, Rationalität und Wissenschaft, Autonomie und Humanismus, die Machbarkeit des menschlichen Geistes – und wohin führen sie? Im Kunsthaus ist es die Decke. Einen fünften Stock gibt es hier keinen mehr. 

Gingen mittelalterliche Menschen in eine gotische Kathedrale, so wurde ihnen darin nicht nur etwas erzählt, sondern auch etwas versprochen, die Verheißung des Heils trotz aller Mühen des Lebens, Trost, auch wenn manchmal schwer daran zu glauben war. Zwischen den Beinen Davids tummeln sich zwei kleine Kätzchen, die irgendwie an Romulus und Remus erinnern. Doch es wird keine kapitolinische Wölfin mehr geben, die sie nährt und aus ihnen die Gründer Roms macht. Die nährenden Mythen sind abgeschafft, ersetzt durch das kalt gleißende Licht rationaler Erklärung. Ihre Zukunft ist das einzige, was hier am Ende noch offen scheint. Werden sie verhungern? Woher könnte noch etwas Rettendes kommen? 

Gingen Menschen der Barockzeit in ihre Dome, eröffnete sich ihnen ein ähnlich großes Spektakel wie derzeit im Kunsthaus in Bregenz. Über Wanddraperien kommt eine Galerie von bewegten Heiligenfiguren und dann geht es über biblische Szenerien hinauf an die Decke und die ist nicht das Ende, sondern da geht es direkt in den Himmel. Das eigene Bemühen ist zwar gefordert, versprochen ist aber noch viel mehr. Von solchen Versprechungen hält der aufgeklärte Mensch nicht mehr viel, Mythos und Religion gelten als überwunden. Doch wohin führt dann diese gewaltige Geschichte der Menschheit? Die Antwort im KUB ist eindeutig: an die Decke! Allein das mit derart sinnlicher Wucht erfahrbar werden zu lassen, ist große Kunst. Adrián Villar Rojas ist ehrlich und konsequent. Seine gewaltige Installation nennt er das „Theater des Verschwindens“. Die Hoffnung muss von wo anders her kommen. 

Dr. Markus Hofer