Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Lernen“ hören? Vielen fällt wahrscheinlich sofort „Schule“ ein. Lernen ist aber so vielfältig wie das Leben selbst und findet quasi immer und überall statt. Die Familie ist hier ein wichtiger Ort und manchmal kann so ein Ort auch eine Lernpatin oder ein Lernpate sein.

Der Schulbeginn ist noch nicht lange her und der Zauber des Anfangs liegt noch in der Luft. Die Volksschule ist ein Ort des Lernens der wichtigsten Kulturgüter, die in unserer Gesellschaft notwendig sind: Lesen, Schreiben und Rechnen. Es ist ein Ort, wo Kinder ihren Wissensdurst stillen können. Dieser Zauber schwindet aber manchmal schneller als man denkt: „Ohne Fleiß kein Preis!“ Ein Sprichwort, das zum Ausdruck bringt, dass Leistung für unser gesellschaftliches Bestehen entscheidend ist. Was es aber nicht enthält, ist die Tatsache, dass die Talente verschieden verteilt, die Umstände in denen Kinder aufwachsen sehr unterschiedlich sind, und dass für manche Kinder trotz Fleiß vorerst nur der Trostpreis übrig bleibt. Bereits Kinder verinnerlichen dieses Leistungsdenken von klein auf – so der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort.

Ständiges Vergleichen und eingeschränktes Bildungsverständnis

Das Lernen in altersgleichen Schulklassen macht Unterschiede sehr schnell deutlich und regt Kinder wie Eltern zum Vergleichen an. „Was haben denn die anderen Kinder für eine Note bekommen?“ höre ich mich selbst fragen und versuche mich offensichtlich damit zu trösten, dass viele andere den Stoff auch nicht verstanden haben. Für den eigentlichen Bildungsprozess spielt das aber keine Rolle. Keine Rolle spielt in diesem Setting auch, dass mein Sohn mit Säge, Nagel und Hammer umgehen kann, eine eigene Baumhütte baut und dass er sonntags für die ganze Familie Rührei kocht. Lernen fürs Leben umfasst mehr als Lesen, Schreiben und Rechnen. Fakt ist, der Fokus auf schulische Leistung kann bei Kindern und Eltern Stress auslösen. Eine vom Deutschen Kinderschutzbund und des Prosoz-Instituts für Sozialforschung 2012 durchgeführte Studie unter 5000 Kindern zwischen 7 und 9 Jahren bestätigt: Bereits ein Viertel der Zweit- und Drittklässler geben an, dass sie sich oft oder sogar sehr oft gestresst fühlen. Fragt man die Kinder selbst nach der Hauptursache, nennt jedes dritte Kind „Schule“ als Stressfaktor – vor „Ärger und Streit“.

Familie als Ort der Herzensbildung

Der Rechenzettel wartet geduldig vor dem Kind, aber anstelle von Lösungen aufs Blatt, fliegen nur Radiergummibrösel herum. Wenn der tägliche Kampf um die Hausaufgabe das Familienleben schwer macht, müssen sich Eltern ernsthaft fragen: Will ich, dass die Beziehung zu meinem Kind deshalb in eine Schieflage gerät? Was ist das Wichtigste, was ich meinem Kind auf seinem Weg mitgeben kann? Ja, ich bin verantwortlich für den Bildungsprozess meines Kindes, dem kann ich mich nicht entziehen. Aber ich kann als Elternteil auch für schulfreie Zeit und schulfreie Orte sorgen und es bei Tätigkeiten fördern, die es gerne macht. Ich kann für das Kind da sein, wenn es ihm schlecht geht und einfach zuhören. Die Familie sollte für Kinder ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit sein, ein Ort, wo sie auftanken können und sich geliebt fühlen - das bildet ihr Herz.

Zeit schenken – gemeinsam lernen

Familie und Schule leisten sehr viel, aber Bildung ist eine größere Aufgabe. Deshalb braucht es weitere Bildungsorte. Die ehrenamtlichen Lernpatinnen und Lernpaten der Elternbildung der Katholischen Kirche Vorarlberg können so ein Ort sein. In Kooperation mit Volksschulen werden im Umfeld der Schule Lernpatinnen und Lernpaten gesucht. Meist sind dies Eltern anderer Kinder der Klasse oder Pensionisten (Omas und Opas). Sie betreuen das Lernpatenkind, ganz egal ob Flüchtlingskind, zugewandert oder einheimisch, beim Erlernen grundlegender Fähigkeiten. Ganz nach persönlicher Situation schenken Lernpatinnen und Lernpaten einem Volksschulkind regelmäßig ein paar Stunden Ihrer Zeit. Gemeinsam wird die Hausaufgabe erledigt, das Lesen geübt oder einfach ein lustiges Spiel gespielt und gelacht.

Die Lernpatinnen und Lernpaten sind für die Kinder aber oft viel mehr. Sie sind ein Ort der Wertschätzung, denn hier kann das Kind - ohne ausgelacht zu werden - Fragen stellen und ohne Notendruck an die Rechenaufgabe gehen. Sie sind ein Ort des offenen Ohres und auch ein Ort der sozialen Integration. Geflüchtete oder zugewanderte Kinder lernen nebenbei unsere Kultur, die Gepflogenheiten und die Sprache im Alltag einer Familie kennen. In dieser wohlwollenden Atmosphäre sammeln die Kinder kleine Erfolgserlebnisse. Das stärkt ihr Selbstvertrauen und erhöht ihre Bildungschancen - für ein gutes Leben.

Folder Lernpaten

Informationen
Katholische Kirche Vorarlberg
lernpaten@kath-kirche-vorarlberg.at