
Die einleitenden Worte sprach Propst Martin Werlen, der die Ausstellung bewusst in die Gegenwart stellte: „Wir alle erleben täglich, in welchem Elend viele Menschen und die ganze Schöpfung derzeit leben“, sagte Werlen. Zugleich erinnerte er an die biblische Verheißung, die durch alles Leid hindurchtrage. Ein Wort rückte er dabei besonders in den Mittelpunkt: „Vielleicht“. Dieses „Vielleicht“ sei kein schwacher Trost, sondern ein Raum der Hoffnung – gerade dort, wo Gewissheiten zerbrechen. „Vielleicht ist irgendwo Tag“, zitierte Werlen den Theologen und Dichter Fridolin Stier.
Heilgard Bertel, die in ihrer Ansprache durch ihr Werk führte, betonte, dass es sich bei der Ausstellung nicht um eine klassische Galeriepräsentation handle. Die gezeigten Arbeiten seien über viele Jahre hinweg entstanden und bewusst für St. Gerold ausgewählt worden. „Ich habe keine Botschaft“, sagte die Künstlerin. Und doch werde sie von der Notwendigkeit getragen, auf das Weltgeschehen zu reagieren – so hilflos dies manchmal auch erscheine.
Einen markanten Auftakt bilden die großformatigen „Burnt Faces“: Verbrannte, verzerrte Gesichter, teilweise mit echter Asche gearbeitet, verweisen auf Krieg, Gewalt und Entmenschlichung. Entstanden sind diese Arbeiten vor rund zehn Jahren, im Kontext des syrischen Krieges – ihre Aktualität haben sie nicht verloren. Ihnen gegenüber stehen die „Prophecy Faces“, eine Werkgruppe, die Heilgard Bertel mit „Transfiguration“ überschreibt. Wo zuvor Asche dominierte, tritt hier Farbe an ihre Stelle. Es ist eine spannungsreiche Gegenüberstellung von Zerstörung und Verwandlung.
Charakteristisch für Heilgard Bertels Arbeiten ist das enge Zusammenspiel von Bild, Skulptur und Text. Worte sind für sie keine Erläuterung, sondern gleichwertiger Bestandteil des künstlerischen Ausdrucks. Biblische Bezüge, insbesondere aus dem Buch Jesaja, durchziehen die Ausstellung und verorten sie klar in einem spirituellen Horizont, ohne einfache Antworten zu geben.
Skulpturen wie der „Mann im Boot“ erinnern an das Schicksal von Geflüchteten, an Entwurzelung und Heimatlosigkeit. Eine abstrahierte schwangere Figur in der Mandorla steht dem gegenüber als Sinnbild unbeschriebenen Lebens und vorsichtiger Hoffnung. Zwölf Engelsgestalten, den Monaten zugeordnet, bilden kein Kalenderwerk, sondern ein „Kalendarium“, wie Bertel es nennt – eine offene Zeitordnung jenseits menschlicher Maßstäbe.
Biografisch ist die Ausstellung tief verankert. Heilgard Bertel wurde 1941 in Salzburg geboren, erlebte Bombardierungen und Angst als Kind. Diese frühen Erfahrungen prägen ihr Werk bis heute, ebenso wie eine intensive Naturerfahrung in den Bergen, die sie als Begegnung mit dem Numinosen beschreibt.
Am Ende des Rundgangs steht ein schmales Bild mit dem Titel „Kosmos“. In ihm scheint alles aufgehoben: Klage und Hoffnung, Stimmen und Schweigen. Die Ausstellung lädt ein, sich Zeit zu nehmen – zum Sehen, Lesen und zum eigenen inneren Weg zwischen Elend und Verheißung.
Die Jahresausstellung von Heilgard Bertel ist bis November 2026 im Kloster St. Gerold zu sehen.