Reinhard Domig schlug einen Mann. Mit Liebe. “Weil Liebe ist stärker als der Tod”, sagt er. Den, den er schlug, der war dabei, ihn zu schlagen. Mit einem Messer. Mit 28 gezählten Stichen. Beim letzten sagte Domig zu seinem Peiniger: “Ich verzeihe dir”. Darauf folgte kein weitere Attacke mehr.

Von Walter Buder, CR Vorarlberger KirchenBlatt

Das Wichtigste immer zuerst und sich an die Fakten halten: „Seit 1994 bin ich Focolar und meine Frau seit 1975. Bis 1994 hat sie mir nie davon erzählt.“ Es sprudelt nur so aus ihm heraus. Der Mann sitzt in seinem Rollstuhl, frisch frisiert, mit entgegenstrahlenden Zufriedenheit ist er auf uns zugeschoben worden. Fixiert die Räder legt so richtig los: „Für mich war das ein Schlüsselerlebnis“, sagt er, legt eine Spur und man ahnt die Diretissima: „Ich war leidenschaftlicher Jasser. Gehockt bis Mitternacht und noch länger. Und wenn ich heimgekommen bin, habe ich Gulasch und Salat bekommen.“ Die Liebe, sagt Apostel Paulus, ist geduldig,  langmütig, ausdauernd - und Reinhard Domig hat gelernt, dass es diese Liebe gewesen sein muss, die ihn in der Seele so „fertig gemacht“ hat. Und „1994 hat meine Frau mir dann gesagt, sie kennt die Focolare“. Das war Reinhard Domigs Schlüsselerlebnis, der erste Geistesblitz, der sein Leben durchzuckte. Es hatte „eingeschlagen“, es hatte ihn „gepackt“ und er sah ganz klar: „... wenn ihr alles dem Feuer übergebt, den ganzen Körper und alles und ihr hättet die Liebe nicht, alles wäre umsonst ...“.

Heuer im Sommer, am 22. August, da geschah es: „In meiner Postfiliale, drei Minuten vor Zwölf, ein Kunde wollte Infos über ein Handy, ich stand vor der geöffneten Vitrine - und schon spürte ich das Messer im Rücken“. Ein Mann war in den Raum gestürzt, mit einem Messer in der Hand. Stach zu. Achtungszwanzig Mal. „In diesem Moment habe ich ihn gebeten, er möge von mir ablassen - und das hat nichts genützt - und dann ich habe gebetet: Das, was du an mir tust, ich verzeihe dir alles, Gott rechnet dir das nicht an.“ Reinhard Domig kämpft mit den Waffen des Geistes. „Ich habe ihn mit Liebe geschlagen, denn die Liebe ist stärker als der Tod.“ So einfach ist das. Reinhard Domig erzählt exakt, gradlinig. Faktisch. Aber nicht gefühllos dabei. Ein eigenartig leichter Ernst hängt in der Luft, auf dem Flur vor seinem Krankenzimmer. Elf Stunden haben sie ihn operiert. „Zusammengeflickt” auf dem OP-Tisch. Während seine Seele schon unterwegs in andere Welten ist, da sieht er „ein Licht, zehn Mal stärker als die Sonne, blendend und wunderschön. Dann eine Infektion, Blutvergiftung, 42,5 Grad, die Entscheidung: Der Wille Gottes gilt. Ganz und gar. Vertrauen. Hingabe. Wunder sind unglaublich unspektakulär.

„Der Glaube ist noch viel wichtiger geworden“ resümiert Herr Domig. „Unheimlich Kraft“ habe er bekommen. Er sieht in jedem anderen immer Jesus, ganz wörtlich. Das gebe Kraft, die Heilung. Bevor man fragen kann, die Antwort: „Wenn wir Christen uns begegen, sind wir Brüder und Schwestern“. Das unsichtbare Band wird sichtbar. Alle Menschen sind Geschwister, denn Gott ist ihr Vater. Sieben Mal ist Reinhard Domig Chiara Lubich, der Gründerin der Focolare begegnet. „Ihr verdanke ich mein Leben“ sagt er und geht einen Moment zu sich, in sich. Wo du bist, will auch ich sein. Das sind Worte der Liebe, beschreiben seine geistliche Heimat, wo die Seele wie zu Hause ist. Ihr Name ist Geschwisterlichkeit. Selten in dieser Welt, wie gutes Geld und abgasfreie Autos.

Achtundzwanzig Messerstiche, das kann keiner vergessen. Das steckt man nicht einfach so weg. Auch nicht nach Jahren. Kann man vergessen, dass jemand dich ermorden wollte? Kann  man vergeben?  Herr Domig vergibt. Gnade vor Recht. „Was mich wirklich sehr gefreut hat: die Muslime haben mich besucht, sie haben mich eingeladen in ihre Moschee zu kommen und die Geschichte zu erzählen. Sie möchten sich entschuldigen für ihren Landsmann, der Türke ist - und das, das habe ich ganz großartig gefunden.“ Reinhard Domig ist offen wie ein Buch, klar wie frisches Wasser, vollkommen geerdet, während er weiterspricht: „Ein Türke hat drei Tage für mich gebetet“ -  und es wird irgendwie ernst am Ende des Korridors der Neuro.  Alle Menschen sind Brüder bei Herrn Domig.

Bei diesem Mann wird die Wahrheit zum Zustand und er will das so. Da sitzt kein Träumer. Er sucht die Realität. „Ich war immer beim multikulturellen Gebet in Frastanz“ sagt er und: „Wo Menschen guten Willens sind da ist Friede, das habe ich verspürt.“ Und diesem Gespür folgt er in Treue. Er will bei der Verhandlung vor Gericht dabei sein, wenn es geht. „Ich schau mir das Überwachungsvideo nicht an, aber ich möchte ihm noch in die Augen sehen.“ Ohne Hass, es gebe einfach keinen, nicht die geringste Spur. „Aber vielleicht ist es auch Gnade gewesen, dass ich den Gedanken bekommen habe, ich könnte ihm verzeihen, weil ich hatte mit dem Leben schon abgeschlossen. Das Verzeihen war ja die letzte mögliche Tat für mich“.

Reinhard Domig hat auch um diese Gnade gekämpft. Seinen Beitrag geleistet. Tagtäglich. „Jeden Morgen die guten Gedanken fassen”, sagt er. „Sie durchtragen durch die Höhen und Tiefen eines Tages.” Das Handwerk, hatte Simone Weil beobachtet, dringe dem Handwerker in den Leib. Reinhard Domig hat vermutlich die Gesellenprüfung geschafft. Nur, um im Bild zu bleiben. „Und wenn es schwer wird, dann denke ich an Jesus den Verlassenen - das Schwere daran trage ich, und da gibt es genug Schweres, was da kommt, dabei bleibe ich, das ist die Radikalität des Evangeliums...“. Das wolle er leben. Das will er leben. Ja, er lebt das.

Verzeihen also. „Einfach weitergegeben, ich habe nicht viel daran getan”, sagt er. “Aber würden wir Christen konsequent und radikal so leben, wir wären im Paradies.“ Nun aber zur Abschlußfrage: Weihnachten? Ist Weihnachten heuer anders für Sie?  „Es unterscheidet sich heuer von keinem Weihnachtsfest. Weil für mich ist jeden Tag Weihnachten. Jeden Tag kommt Christus auf die Welt. Also bin auch ich von neuem geboren, jeden Tag. Daher ist 365 Tage Weihnachten. Als Christ habe ich jeden der 365 Tage zu leben und nicht nur einen im Jahr.“ Punctum. Oder war da doch noch etwas ? 

Freunde wissen zwar mehr von einander, aber längst nicht alles. So fragt der Seelsorger Edgar Ferchel-Blum, ob denn das heurige Jahr nicht doch herausfordernder war als andere? Herr Domig zögert nicht einen Wimpernschlag: „Das kann man nicht sagen, weil es gab ja das Licht. Das war ein vor-weihnachtliches Geschenk. Allein dieses Licht ist es Wert, hier zu sein. Es ändert sich bei mir nichts. Christbaum und Glitzerzeug sind nicht wichtig. Das innere Leben ist Weihnachten. Wie gehe ich mit den Menschen um ? Und natürlich denkt man an die Not, die Hilfsbedürftigen, heuer besonders, weil die Krise ist, das tut mir weh, und ich bitte Gott, dass wir Christen zueinander stehen. Gott hat mich noch einmal zum Leben gebracht und ich kann das jetzt nocheinmal mit aller Konsequenz versuchen. Ich wünsche mir zu Weihnachten, eine christliche Familie auf der ganzen Welt, dass wir wie Geschwister umgehen miteinander - das ist es, das sollten Sie hineinschreiben ins KirchenBlatt.“ Haben wir versucht, lieber Herr Domig. Mit Freude und mit Dankbarkeit im Herzen.