In den Tagen bis Weihnachten lesen Sie an dieser Stelle Geschichten und Ansichten von Menschen zum Advent, zur "stillen Zeit", zur Weihnacht schließlich. Besondere Geschichten, kleine Ereignisse, Gedanken. Miniaturerzählungen also, formuliert von Menschen, die nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen. Menschen, die an Weihnachten arbeiten werden beispielsweise. Oder Menschen, die gerne von der Gesellschaft übersehen werden, Menschen an Schnittpunkten existenzieller Fragen. Wir werfen einen Blick in Welten, die zwischen Küachle und Glühweinromantik gerne ausgeklammert werden.
Der 2. Dezember gehört den Gedanken von Sybille Grafl, die im Sprungbrett Lädele in Bludenz arbeitet. Das Lädele feierte heuer sein 10-jähriges Bestehen und brachte in diesem Zusammenhang ein eigenes Buch heraus, in dem Texte von Menschen mit mentaler Behinderung sich mit Texten von Mitgliedern des Vorarlberger Autorenverbandes "Literatur Vorarlberg" zusammenfinden. Ein Buch, das darüber hinaus viele künstlerische Arbeiten des Sprunbrett Lädeles präsentiert. "Sonnenschein und jeden Tag ein Glas Spezi" ist im Rhätikon Verlag erschienen. Sybille Grafl liefert auch darin einige Texte und Arbeiten. Lesenswert!
Ihm meine Liebe schenken
von Sybille Grafl
Advent bedeutet für mich, dass ich auf meinen Geburtstag am 4.Dezember warte. Ich möchte wissen, wer mir alles gratuliert und ob mich jemand vergisst. Es hat mich schon manch einer vergessen, aber denen bin ich nicht bös.
Mama helfe ich Keksle backen und freue mich sehr auf den Christbaum. Ohne den Christbaum ist bei mir kein Weihnachten. Der Herrgott, Jesus, feiert praktisch, auch am 24. Dezember seinen Geburtstag.
Ich könnte ihm Liebe schenken, indem ich Mama mehr im Haushalt helfe. So hat sie mehr Zeit für sich und fürs Kreuzwort rätseln. Ich könnte ihm Liebe schenken und besser auf die Umwelt schauen und fleißig Müll trennen.
Ich könnte auch noch mehr in die Kirche gehen und beten, denn dass mache ich sonst nicht immer. In der Caritas Werkstätte Bludenz, bei Elmar Simma, gehe ich immer sehr gern in die Messe und lese Geschichten und Fürbitten vor. Da ist es feierlich und besinnlich und da gehe ich das ganze Jahr über regelmäßig.
Aber, ich glaube, es ist besser, wenn ich noch häufiger Oma im Seniorenheim besuchen gehe, denn die hat eine Gaudi, wenn ich komme und redet gerne mit mir.
Sybille Grafl
Dezember 2009
Von Rainer Juriatti veröffentlicht am 02.12.2009

