In den kommenden 24 Tagen bis Weihnachten lesen Sie an dieser Stelle Geschichten und Ansichten von Menschen zum Advent, zur "stillen Zeit", zur Weihnacht schließlich. Besondere Geschichten, kleine Ereignisse, Gedanken. Miniaturerzählungen also, formuliert von Menschen, die nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen. Menschen, die an Weihnachten arbeiten werden beispielsweise. Oder Menschen, die gerne von der Gesellschaft übersehen werden, Menschen an Schnittpunkten existenzieller Fragen. Wir werfen einen Blick in Welten, die zwischen Küachle und Glühweinromantik gerne ausgeklammert werden.

Der 1. Dezember gehört der Weihnachtsgeschichte von Pater Christoph, der die Gemeinde Blons im Walsertal seelsorglich betreut. Demnächst erscheint das Buch "Bete, arbeite und brich auf" von Pater Christoph mit renommierten Tyrolia Verlag und beschreibt Geschichten und Gedanken, die der Benediktiner auf dem Weg nach Santiago die Compostela gesammelt hat.

Mein Weihnachten

von Pater Christoph

Mein Vater und wir vier Kinder feierten Weihnachten ohne Mutter. Sie war früh gestorben, und an ihre Stelle trat niemand. So war es eher ein nüchternes Fest.
Mein Vater las die Weihnachtsgeschichte vor, und wir beteten miteinander ein "Gegrüßt seist du" - die einzige Gebetstradition meiner Familie im Laufe des Jahres.
Dann stiegen wir in die nächtliche Zürcher Altstadt hinunter, wo die andere Seite von Weihnachten sichtbar war: Prostituierte standen da herum, Alkoholiker überquerten die Gassen und stolperten mit der Klinke in der Hand ins nächste Lokal hinein.

Als ich ins Kloster Einsiedeln eintrat, war der Weihnachtsabend geprägt vom feierlichen Chorgebet und der Mitternachtsmesse.
Die liturgischen Feiern gehörten auch für mich zum Fest, ohne Zweifel. Aber ich fühlte das Geheimnis von Weihnachten am ehesten in den stillen Momenten dazwischen, wenn ich ganz allein im Dunkel meiner Zelle saß.
Nur dann und nur so war für mich die Leere und Armut der Krippe zu erahnen.

Als Pater war ich dann jahrzehntelang in verschiedensten Pfarren zur Weihnachtsaushilfe. Da ich in der Nacht oft bis zu drei Mal predigen musste und von priesterloser Pfarre zu priesterloser Pfarre chauffiert wurde, blieb für eine besinnliche Feier kaum Zeit. Jene Nacht war jeweils von Stress geprägt - was ich als eine andere Form von Armut erfuhr. Armut mit der Hl. Familie, die in dieser Nacht gestresst war, und solidarische Armut mit anderen an Weihnachten Gestressten.

Unvergesslich bleibt mir das Weihnachtsfest bei einem Pfarrer, der allein in einem kalten Pfarrhaus aus Beton wohnte. Er rief mich an und fragte mich, ob es mir egal wäre, wenn er zum Weihnachtsessen eine einsame, etwas schwierige Frau zum Essen einlade.

Klar war es mir recht, weil alle davon reden, solches zu tun. Im Stillen aber fragte ich mich doch, ob das jetzt unbedingt in dieser Nacht sein müsste, wo sonst schon so viel los war und man am Tisch etwas Ruhe brauchte.

Sie kam, und tatsächlich konnte ich mit dem Pfarrer kein normales Wort sprechen. Sie war schlichtweg unmöglich.

Es wunderte mich nicht, dass sie in dieser Nacht von niemandem eingeladen wurde. Außer vom Pfarrer.

Wenige Monate später erhielt ich eine Todesanzeige.
Der Pfarrer war gestorben. Er hatte sich das Leben genommen.
Es hieß, er hätte immer wieder an Depressionen und Einsamkeit gelitten.
Das war wohl  der Grund, warum er diese mühsame Frau eingeladen hatte.
Er wusste selber, wie schwer es ist, in dieser Nacht allein zu sein.
Nicht nur in dieser Nacht.

Von Rainer Juriatti veröffentlicht am 01.12.2009

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