Der große Bogen der vier „Gespräche auf dem Weg“ findet seinen Abschluss. Zuletzt geht der Blick, wie so oft, explizit nach außen: Wo kann und muss die Kirche dafür sorgen, den Menschen das Evangelium gegenwärtig zu setzen? Genauer gefragt: Wo sind so genannte „Zwischenräume“, in die die Kirche die Botschaft des „Fürchte dich nicht!“ hineinträgt?

Von Dietmar Steinmair

Das Gespräch zur vierten Orientierung für die „Wege der Pfarrgemeinden“  kehrte zurück zum Urauftrag der Kirche:  Mission. Das Thema lautete: Wie kann die Kirche für eine missionarische Präsenz des Evangeliums in den „Zwischenräumen” sorgen? An dem Gespräch beteiligten sich Pfarrer Edwin Matt, Krankenhausseelsorger Edgar Ferchl-Blum, Jugend- und Jungscharseelsorger Dominik Toplek und Gemeindeberater Herbert Nussbaumer. Auch dieses letzte „Gespräch auf dem Weg“ wurde  von Pastoralamtsleiter Walter Schmolly moderiert. Hier finden Sie das Gespräch im Gesamtwortlaut als Pdf-Download.

"Zwischenraum"?

Walter Schmolly: Es gibt viele Lebens- und Gesellschaftsbereiche, in denen Kirche heute keine deutende oder dominierende Rolle mehr spielt. Ist die Kategorie der „Zwischenräume“ hilfreich, um wahrzunehmen, was uns da an Wirklichkeit umgibt?

Toplek DominikDominik Toplek: Der erste Zwischenraum, der mir einfällt, ist Facebook, das Internet. Die Jugendlichen reden da miteinander und zeigen, was sie den ganzen Tag so tun. Da sind wir als Kirche aber wenig präsent.

Edgar Ferchl-Blum: Mir gefällt der Begriff „Zwischenräume“ gut, aber ich habe einen anderen Zugang. „Zwischenraum“ heißt ja: „zwischen etwas“. Sonst wäre es ein Hauptraum. Wenn ich die Gesellschaft so anschaue, in der ich mich bewege, so ist eigentlich die Kirche ein Zwischenraum. Zwischen dem ganzen Getriebe, das es auf dieser Welt gibt, gibt es diese kleinen Orte, wo man sich als Christ findet.

Edwin Matt: In Andelsbuch ist vieles noch dörflich strukturiert, aber doch ist es nicht so, dass Kirche alles durchdringt und umfasst. Für mich hat dieses „Dazwischen“ große Anklänge an die dritte Orientierung - die Gastfreundschaft. Für viele sind nämlich die kirchlichen, pfarrgemeindlichen, persönlichen Begegnungspunkte etwas, das völlig dazwischen ist. Manches ist nur eine einmalige Geschichte für einen Anlass, Taufe oder Sakramentenvorbereitung. Aber es gibt auch Wege, sozusagen längere Geschichten, die sich mit den Leuten verbinden.

Übergang

Schmolly WalterWalter Schmolly: Ein anderes Bild für Zwischenräume ist der Übergang, das Unterwegs-sein zwischen den dominanten Lebensbereichen, z.B. die Fahrt von zu Hause zur Arbeit. Auch an biographischen Übergängen schreiten wir zwischen Räumen.

Herbert Nussbaumer: Es kommt immer darauf an, aus welcher Warte ich das sehe. Es gibt institutionalisierte Zwischenräume, etwa eine Schule, in die Schüler und Lehrer zwischen Gemeinden hin und her pendeln. Das Krankenhaus ist auch so ein Zwischenraum. Oder wenn jemand in einem Verein mitmacht.

Edgar Ferchl-Blum: Das Evangelium kann in diesen Zwischenräumen durch uns selber präsent gesetzt werden. Wenn mein Innerstes, meine Orientierung, meine Sehnsucht, ganz tief angesprochen werden, und ich dann in einen anderen Raum gehe, dann trage ich dort das Evangelium hinein. Weil ich um meine Mitte, um das Evangelium, um meine Berufung in mir selber weiß. So werden wir Salz in der Gemeinschaft, in der wir uns bewegen.
Kennt ihr die Geschichte von Anthony de Mello, in der eine alte Frau jeden Tag am Morgen in die Kirche geht? Eines Tages geht sie wieder hin, und die Tür ist verschlossen. Dann hebt sie ihren Blick und findet einen Zettel: „Ich bin hier draußen.“ Das gefällt mir gut: Ich bin hier draußen. Da finden wir unseren Gott immer wieder, bei den Menschen oder da, wo wir draußen sein müssen.

Nussbaumer HerbertHerbert Nussbaumer: Ich kann dir zustimmen. Seelsorge ist in erster Linie Begegnung. Seelsorge über schöne Worte und fromme Sprüche bringt nicht so viel. Wie du da bist, macht in erster Linie Seelsorge aus, und erst dann das, was du sagst.

Dominik Toplek: Was ist, wenn das Evangelium draußen, im Zwischenraum, schon präsent ist, und ich müsste nur darauf hinweisen auf das, was durchaus schon in diesem Zwischenraum vorhanden ist? Dann könnte ich sagen: In diesem Zwischenraum gibt es sehr wohl Spuren dieses Evangeliums.

Walter Schmolly: Durch das Evangelium kann man also von Jesus her den Mut fassen für das Zutrauen ins Leben?

Edgar Ferchl-Blum: „Fürchte dich nicht!“ Trau dir das zu. Das ist die Botschaft, die wir haben. Ich würde unseren Pfarrgemeinden wünschen, dass sie das mehr zugesagt bekommen: Werde, was du bist; trau dich, das zu leben. Unser Gott geht mit dir.

Matt EdwinEdwin Matt: Insofern passt hier die Frage nach den „Zwischenräumen“ ganz gut: Wo haben die Menschen überhaupt die Möglichkeit, das zu hören? Nehmen sie die Angebote des Zusagens wahr? Wenn für den Glauben wichtig ist, dass er miteinander gefeiert wird, dann braucht es eine gewisse Regelmäßigkeit oder Dauerhaftigkeit, so dass ich in den Gedanken überhaupt erst einmal hineinfinde.

Person, Symbol, Ort?

Dominik Toplek: Muss es immer eine Person oder kann es auch ein Symbol sein, das einem den Zuspruch sagt?

Herbert Nussbaumer: Könnten das nicht auch Orte sein, wo jemand gerne hingeht und das findet, was er dort braucht?

Ferchl-Blum EdgarEdgar Ferchl-Blum: Ich denke, dass es an Menschen hängt. Und dass es Räume braucht, zwischen uns. Die Botschaft ist nicht zu trennen vom Menschen. Das ist etwas, was mich total beseelt: Dass ich die Botschaft immer von Menschen zugesprochen oder vorgelebt bekomme. Menschen sind für mich die Träger der Botschaft.
Wir müssen genau in die Zwischenräume hinein. Dort, wo wir leben. Wir müssen sie nicht neu erfinden. Einer der Räume, in denen ich bin, ist der öffentliche Verkehr. Ich fahre jeden Tag eine Stunde mit der Bahn. Wie ich dort bin, ist auch eine Botschaft. Wie gehe ich mit Menschen um, die mich ärgern? Wie lebe ich dort die Botschaft?

Edwin Matt: Für mich hat es zuerst mit Personen zu tun. Ich brauche die Begegnung oder jemand, der mir etwas eröffnet. Nachher braucht es sicher Worte oder Symbole oder Gesten oder einen Ort, wo über längere Zeit hinweg eine solche Erfahrung möglich wird.

Herbert Nussbaumer: Ich möchte das unterstützen, vorhandene Räume zu öffnen und Begegnungen zu ermöglichen. Wir müssen nicht nur neue Räume erfinden, sondern in den vorhandenen neue Begegnungen ermöglichen, auch mit mehr Freiraum, wo die Menschen wirklich authentisch sein können.

Walter Schmolly: Ich habe von - ich glaube - Klaus Hemmerle den Satz gelesen: „Gott ist ein Gott des Dazwischen.“ Dieser Satz ist mir im Gespräch mit euch heute und im Zuhören mehrfach eingefallen. Danke vielmals für das Gespräch!

Hier finden Sie das Gespräch "Zwischen Räumen sein" im Gesamtwortlaut.

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Kommentar: "Meine Hoffnung"

Von Dietmar Steinmair

Steinmair DietmarNach der Auferstehung ist vor der Auferstehung, wie es in Anlehnung an ein geflügeltes Wort im Sport heißt. Will meinen: Selbst nach dem heurigen Ostern liegt der eine lange Karfreitag noch vor uns. Ist der Blick der Kirche, der Pfarrgemeinden ein Blick nach drüben, oben, vorne, draußen?

Oder ist es ein Blick nach innen, auf die grundlegenden Orientierungen, die in diesen vier „Gesprächen auf dem Weg“ so unterschiedlich abgehandelt wurden? Letztlich ein Blick auf die Wurzeln?

Edgar Ferchl-Blum, Krankenhausseelsorger in Rankweil, sieht eine Antwort darauf im - ja, tatsächlich - Pastoralgespräch: „Das ist auch meine Hoffnung und meine Sehn-sucht, die ich mit dem ganzen Prozess des Pastoralgespräches und mit dem Weg, den wir gehen, verbinde: Dass wir den Mut haben, neue Räume entstehen zu lassen. Nämlich dort, wo zwei oder mehr Menschen miteinander diesen Weg gehen und diese Botschaft miteinander teilen, dass Er da ist. Das ist doch die Botschaft, die er mit zugesagt hat. Es braucht den Mut, ganz aktiv neue Räume zu gestalten, ohne den Zwang, zu kontrollieren, was jetzt da passiert. Unkontrollierte Prozesse zu starten von Menschen, die sich auf den Weg machen und die Botschaft neu formulieren.“ - Und? Welche Hoffnung prägt, welche Botschaft trägt Sie?

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Von Dietmar Steinmair veröffentlicht am 14.04.2010

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