In Pakistan ist der Islam Staatsreligion und Frauen haben in einer von Männern beherrschten Gesellschaft praktisch „nichts zu melden“. Dennoch ist ausgerechnet eine christliche Ordensschwester und Ärztin 2006 zur Frau des Jahres erkoren worden: Ruth Pfau, die „Mutter der Leprakranken“. Gestern war Dr. Ruth Pfau, die in Pakistan als neue Mutter Teresa verehrt wird, in Bregenz zu Gast. Walter Greußing

Von Walter Greußing

„In Pakistan ist sie eine lebende Legende“, bestätigt Mervyn Lobo (im Bild rechts mit Ruth Pfau) im Missio-Center in Bregenz. Er ist einer der Mitverantwortlichen, die das Werk der bald 80jährigen Lepraärztin in Pakistan weiterführen. Er begleitet Sr. Ruth Pfau auf einer zweimonatigen Tour durch Europa.
Beim Aussätzigen-Hilfswerk von Missio, den Päpstlichen Missionswerken in Österreich“, ist Dr. Pfau bestens bekannt. „Eigentlich sollte sie der Stargast beim 50-Jahr-Jubiläum im vergangenen Herbst sein“, verriet der Geschäftsführer Dr. Reinhard Maier bei einem Pressetermin am 14. Mai. Doch die Ärzte waren zu diesem Zeitpunkt dagegen, dass sie eine so weite Reise antritt. Die Schwester lebt immer noch in Karachi an der Südostküste von Pakistan, wo ihr Leben 1960 eine völlig ungeplante Wende nahm.

Der Weg nach Indien
„Der Beginn meiner Arbeit für die Leprakranken war zu-fällig wie vieles andere in meinem Leben“, betont Sr. Ruth. Sie war damals auf dem Weg nach Indien, weil ihre Ordensgemeinschaft sie dorthin schicken wollte als Fachärztin für Frauenheilkunde. „Doch ich bekam kein Visum und blieb in Karachi stecken.“ Nur untätig auf das Visum warten, wollte die Ärztin aber nicht. So nahm sie ihre mexikanische Mitschwester mit in das Lepraghetto mitten in der Stadt.

Unbeschreiblich schrecklich
„Das war durchaus der entscheidende Tag meines Lebens, das war nämlich so unbeschreiblich schrecklich. Ich hab’s ein paar Mal, aber nicht sehr oft, danach erlebt: Da fraßen eben buchstäblich die Ratten die gefühllosen Hände und Füße der Patienten an. Und es kümmerte sich kein Mensch um dieses Aussätzigenlager. Da sagte ich zur Mitschwester: ,Wir müssen was anstellen und tun, damit sich etwas ändert. Und dann haben wir auch was angestellt.’“

Lepra unter Kontrolle
Im letzten Satz schwingt ebenso eine humorvolle Selbstironie mit wie eine selbstbewusste Zufriedenheit. Natürlich musste die Ärztin erst um Erlaubnis fragen, was ohne die technischen Hilfsmittel von heute sechs Wochen dauerte. „In dieser Zeit war die Entscheidung bereits vor Ort gefallen und dann haben wir weitergemacht“ erzählt Dr. Pfau. „Aus einer Bretterhütte und diesem Aussätzigenlager hat sich dann das nationale Leprabekämpfungsprogramm entwickelt – natürlich nicht von alleine.“ Die jahrzehnterlangen unermüdlichen Anstrengungen fruchteten schließlich: „Im Jahre 1996 hatten wir Lepra landesweit im Griff“, freut sich die Ärztin heute noch wie damals. Völlig zurecht, denn dieser gewaltige Erfolg ist anhaltend. Der Einsaz allerdings auch.