Die dritte Orientierung für die Wege der Pfarrgemeinde: "Für die Pilger/innen eine gastfreundliche Herberge sein." Mit Pastoralamtsleiter Walter Schmolly diskutierten in St. Arbogast Pfarrer Rudi Siegl (Bregenz-Mariahilf), Pfarrer Werner Witwer (Kennelbach), Pastoralassistentin Maria Ulrich-Neubauer (Feldkirch-Tisis), Josef Kittinger (Bildungshaus St. Arbogast), Pfarrbegleiter Herbert Nussbaumer (Pastoralamt) und Pfarrgemeinderätin Eva Corn (Bludenz-Herz-Mariä). Das Gespräch im Gesamtwortlaut finden Sie hier als Pdf-Download.
Von Dietmar Steinmair. Lesen Sie dazu auch den Kommentar "Zachäus in Bregenz"
Walter Schmolly: Wir sind nun bei der dritten Orientierung angelangt: „Für die Pilger/innen eine gastfreundliche Herberge sein.“ Der Charme dieser Orientierung liegt in der Metapher: Pilgerexistenz, Gastfreundschaft, Herberge. Ändert sich etwas - aus der pfarrlichen Perspektive - wenn man die Menschen als Pilger/innen sehen kann?
Maria Ulrich-Neubauer: Als Pastoralassistentin mit Schwerpunkt in der Sakramentenvorbereitung bist du immer mit Leuten konfrontiert, die das gemeindliche Leben nicht teilen. Schon lange habe ich mich davon verabschiedet, von diesen mehr zu erwarten. Ich persönlich kann gut damit leben, dass die Leute kommen - oft sehr interessiert daran, was da passiert -, ein Stück des Weges mitgehen und dann wieder gehen.
Herbert Nussbaumer: Die Orientierung bringt eine wesentliche Perspektivenänderung dort ein, wo es darum geht, die Unterscheidung zwischen den Insidern und den Fernstehenden zu überwinden. Nach Rolf
Zerfaß sollen wir die „Pastoral der Eroberung“ beenden zugunsten einer „Pastoral der Präsenz“. Als Kirche sollten wir dort unterwegs sein, wo die Menschen sind.
Eva Corn: In meiner Pfarre, die eher so eine Randpfarre ist, habe ich in der Firmvorbereitung in den letzten fünfzehn Jahren erlebt, dass da Menschen kommen und konsumieren. Diesen Leuten gegenüber sind wir gastfreundlich. Nur: Es muss Grenzen geben, dass wir etwa nicht nur einen Event nach dem anderen organisieren.
Rudi Siegl: Der Begriff des „Pilger Sein“ trifft ziemlich genau die Situation in unserer Pfarre. Ein Drittel der Mitfeiernden am Sonntag sind von auswärts. Diese kommen, weil sie Liturgie wollen, eine Predigt, die anspricht. Diese Pilger suchen Herberge, sind danach aber wieder weg. Wenn wir Glück haben, kommen sie ins Pfarrkaffee. Der Begriff der Pilger ist ein spirituell ganz anspruchsvoller Begriff, den wir nicht immer füllen können.
Werner Witwer: Mich freut es, dass Jesus immer wieder bei uns zu Gast ist, dass er unsere Gastfreundschaft in Anspruch nimmt und zufrieden ist mit dem, was er geboten bekommt. Wenn ich alle Menschen, die kommen und etwas wollen, als Verkörperung, Verleiblichung von Jesus sehe - Bruder, Schwester - dann fällt es leichter, sie zu beherbergen. Weil der Besuch uns ehrt. So wie beim Zachäus, der eine Mordsfreude hatte, dass der Meister bei ihm einkehrt, obwohl er ein Gauner war.
Walter Schmolly: Wer gastfreundlich ist, bewirtet also Gott?
Begegnung ist das Heilige
Josef Kittinger: Der spannende Punkt ist, ob es uns gelingt, daheim zu sein in der eigenen Wohnung, da zu sein und präsent zu sein. So, dass jemand ankommen kann, dass ich jemanden höre und jemanden sehe. Manchmal sind's nur zwei Minuten, oder manchmal braucht es zehn Minuten, und manchmal ist es nur ein Blick, aber wenn diese Begegnung passiert, geschieht etwas Heiliges. Die Begegnung selbst ist schon das Heilige und das
Sakrament.
Herbert Nussbaumer: Die Schilderungen da klingen ja alle sehr schön und zeigen auf, wie wunderbar Gastfreundschaft ist. Aber es kommen auch Leute zu uns in die Herberge mit einer Kundenmentalität: Wenn ich schon zahle, dann erwarte ich auch, dass ich etwas bekomme.
Werner Witwer: Manchmal sage ich: Das gibt's hier nicht. Die Herberge ist nicht ein Fünfstern-Hotel. Ich muss nichts verkaufen, nicht möglichst viele Kommunionen anbringen, nicht möglichst viel Chrisam verteilen.
Herbert Nussbaumer: Und manche meinen, bevor sie etwas hergeben, müssten die Menschen Voraussetzungen erfüllen.
Werner Witwer: Nicht mehr, als Jesus bei Zachäus vorausgesetzt hat: dass er leben will.
Paradigmenwechsel
Josef Kittinger: Mich interessiert das Leben des anderen. Das ist die Brücke dafür, dass jene sich dann für unser Angebot interessieren. Dieses aufrichtige Interesse ist ein Entgegen-Gehen, so wie Jesus den Leuten entgegengegangen ist.
Eva Corn: Da sind aber auch die vielen Termine. Ich erlebe bei unserem Pfarrer, der jetzt eine zweite Pfarre hat, dass er gerade in der Osterzeit und in der Erstkommunionvorbereitung hin und her hetzt. Der hat gar keine Zeit, in der Herberge auf Menschen zu warten. Da müssen jetzt wir als Laien einspringen.
Maria Ulrich-Neubauer: Die dritte und auch die nächste Orientierung („Für missionarische Präsenz des Evangeliums in den ‚Zwischenräumen‘ sorgen“, Anm.) wären ein Paradigmenwechsel. Ich wünsche mir sehr, wenn ein neuer Bischof kommt, dass diese Orientierung auch in eineinhalb Jahren noch Geltung hat. Das wäre die adäquate Haltung, wie Kirche umgeht mit Menschen und damit, wie sich die Welt geändert hat.
Herbert Nussbaumer: Ich möchte das unterstützen. Das Gespräch über diese Orientierung muss weitergehen, damit man diesen Perspektivenwechsel beachtet und umsetzt. Das Bild der Herberge ist wunderbar, aber das Problem bei unseren Herbergen ist vielfach, dass sie leer sind.
Rudi Siegl: Als Ziel und spirituelle Leitlinie finde ich die dritte Orientierung fantastisch. Das sollte noch in andere Bereiche hineingehen: wiederverheiratete Geschiedene und Ökumene. Da sind wir noch viel zu sehr in Geboten und Verboten und Gesetzen verankert. Das wäre eine offenere und eine gastfreundschaftlichere Kirche, die ich mir schon wünschen würde.
Mehrwert im Internet
Hier finden Sie das Gespräch zur dritten Orientierung im Gesamtwortlaut. Die Langversion schenkt einen lohnenden Blick auf die Gesprächsatmosphäre und die differenzierten Beiträge der Diskutant/innen.
Rechts oben ist das Gespräch als Bildergalerie dokumentiert.
Von Dietmar Steinmair veröffentlicht am 24.03.2010
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Gespräch auf dem Weg - Teil 3: Pilger und Herbergen - Gesamtes Gespräch
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