Zukunftsängste, kein Geld seine Liebsten zu Weihnachten zu beschenken und oftmals nicht einmal genug Geld um zu heizen oder um etwas zu essen zu kaufen - diese Schilderung klingt wie eine Momentaufnahme der Situation von Menschen in Rumänien oder anderen armen Ländern. Tatsächlich sind diese Menschen auch in Österreich zu finden, doch "darüber redet man ungern", kritisiert Caritas-Präsident Franz Küberl. Sein Vorschlag: Die Politiker sollten mit einer sozialen Wasserwaage messen.
"Wir haben in Österreich eine Klassengesellschaft: eine Oberschicht, einen breiten Mittelbau - aber auch eine Unterschicht", erklärt Küberl. Das Problem sei, dass über die Unterschicht nur ungern geredet werde. Man sollte schleunigst darauf schauen, keine Unterschicht zu haben. Die Caritas spüre derzeit, dass auch solche in schwierige Lebenssituationen kommen können, die nie damit gerechnet hätten. Es entstehe der Eindruck, dass die Armut beim Mittelstand angekommen sei. Fazit: Die Anlaufstellen der Caritas sind derzeit "überall randvoll".
Schlechte Nachrichten vor Weihnachten
Rund eine Million Österreicher gelten bereits als armutsgefährdet, eine Prognose will Küberl aber nicht geben. Dennoch findet er einen Indikator: den Anstieg der Arbeitslosigkeit. Länger andauernde Arbeitslosigkeit würden die entscheidende Armutsfalle darstellen. Die schlechte Nachricht vor Weihnachten: Das Milieu, aus dem Armut entstehen kann, sei sicher im Anwachsen.
Wenn man nichts kapiert
"Warum nehmen wir dann diese Armut nicht so wahr wie wir sollten?", stellt sich dem ein oder anderen die Frage. Weil die Eliten in Politik und Wirtschaft auf das wachsende Phänomen Armut zu wenig Augenmerk legen, lautet Küberls Antwort. Die aktuelle Debatte um Auswege aus der Finanzkrise gehe "an den Menschen vorbei". Und die, die in Österreich politisch und wirtschaftlich verantwortlich seien, hätten in ihrem Bekannenkreis "praktisch keine Armen". "Und wenn man keinen kennt, dem es nicht gut geht, kapiert man nicht, was es heißt, in einer schwierigen Lebenssituation zu sein", erklärt der Caritas-Präsident das Dilemma.
Mensch vs. Gold?
Die von der herrschenden Wirtschaftskrise Betroffenen würden meist gar nicht wahrgenommen - dabei sei "jeder Mensch mehr wert als jeder Klumpen Gold", so Küberl. Angesichts der Krise und steigender Arbeitslosenzahlen seien die Menschen immer mehr von Zukunftsängsten geplagt. Zudem erklärt Küberl die ganzen geplanten politischen Maßnahmen für unendlich schwer durchschaubar. Dieses Verständigungsproblem habe besonders eines zur Folge: "Die Menschen ziehen sich dadurch auf sich selber zurück - und es taucht die Frage auf: Hab ich selber noch eine Zukunft?"
Von Arbeitslosigkeit, Selbstmord und Kriminalität
Die Debatte um die Schuldenbremse sei eine politische Angelegenheit, der die Ängste der Menschen in Zusammenhang mit der Währungs- und Wirtschaftskrise gegenüberstehen würden. Oder um es mit den Worten Viktor Frankl zu sagen: "Ein Prozent mehr Arbeitslosigkeit bedeutet drei Prozent mehr Selbstmorde, viereinhalb Prozent mehr Kriminalität und sechs Prozent mehr psychiatrische Auffälligkeiten. Das ist die Schärfe, die tatsächlich da ist.
Wie geht sich das aus?
Für reformbedürftig erklärt Küberl die Mindestsicherung als mögliches Armutsbekämpfungsinstrument. Von der Regierung als Erfolg verkauft, betrage die Armutsgefährdungsschwelle für einen Einpersonenhaushalt 994 Euro im Monat. Die bedarfsorientierte Mindestsicherung für eine alleinstehende Person lag 2011 bei rund 753 Euro. Also mit rund 240 Euro doch deutlich unter dieser Schwelle. Dazu kämen noch unterschiedliche bürokratische Hürden, die die Betoffenen zu bewältigen haben.
Die Mindestsicherung als Abstellgleis
Für Küberl bleibt bezüglich der Mindestsicherung nur eine relevante Frage: "Ist die Mindestsicherung dort, wo es möglich ist, ein Sprungbrett zurück in die Erwerbstätigkeit? Und das ist sie im Moment weitestgehend nicht - oft ist sie ein Abstellgleis."Zudem sei bereits 2006 festgestellt worden, dass die Balance der Besteuerung von Arbeits- und Vermögenserträgen schief geworden ist. Da ist es Aufgabe der Politik, mit einer sozialen Wasserwaage tätig zu sein.
Von Simone Rinner veröffentlicht am 14.12.2011

