Notwendig, angemessen, geschichtlich gewachsen, lebbar? Jedenfalls umstritten, der Zölibat. Eine kleine Betrachtung ohne Zahlen, aber anhand verschiedener Zugänge.

"Die Keuschheit des Zölibats ist überhaut nur um Christi und des Evangeliums willen möglich. Denen, die Frau, Kinder, Äcker ... verlassen haben, muss man dies immer wieder in Erinnerung rufen. Ohne eine solche Einstellungen zum Zölibat wäre man von vornherein verurteilt zu verbittern, zu scheitern, vielleicht sogar geistlich zu verkommen. Ohne sie wird die Fülle des christlichen Lebens, die an sich im Zölibat genau so groß ist wie in der Ehe, an ihrer Basis zerstört.
Diese Wirklichkeit ist so schwer zu fassen, dass man es denen nicht übelnehmen darf, die die Lehre Christi über den Zölibat nicht verstehen. Er betont selber: 'Wer es fassen kann, der fasse es.'"

(Frère Roger Schutz, 1915-2005)

 

Keine Frage der Umfrage oder Abstimmung

Frère Roger, der Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé schreibt 1958 in seinem Buch "Im Heute Gottes leben" drei Kapitel über die Evangelischen Räte: Der Zölibat - Die Gütergemeinschaft (Armut) - Anerkennung einer Autorität (Gehorsam). Er beschreibt den Zölibat nicht als kirchenrechtliche Bestimmung und schon gar nicht als Einschränkung einer menschlichen Grunddimension. Der Zölibat ist keine Frage der Umfrage oder der Abstimmung, sondern der Qualität und der Bereitschaft einzelner und ganz konkreter Menschen, sich von Christus und seinem Evangelium in Dienst nehmen zu lassen. Der Evangelist Matthäus lässt Jesus über die Ehelosigkeit sagen: "Wer es fassen kann, der fasse es." (Matthäus 19,12).

Begriff und Geschichte in Ost und West

Der Begriff "Zölibat" wird vor allem in  der römisch-katholischen Kirche verwendet und meint damit die "frei gewählte Lebensform der Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“, von der Mt 19,12 spricht." Die Meinung, dass der Zölibat erst im Mittelalter entstanden sei, ist irrig, denn schon viel früher hat es Diskussionen und Regelungen zur Lebensform von Klerikern gegeben: "Der Enthaltsamkeitszölibat wurde erstmals auf der Synode von Elvira (ca. 306) als Gesetz aufgeschrieben. Allein die Tatsache, dass in dieser Zeit etwas allgemeingültig war, bevor es rechtlich festgelegt wurde, weist darauf hin, dass die rechtliche Festlegung nicht der Beginn einer Zölibatsverpflichtung war, sondern schon eine längere Tradition bestand." Im Mittelalter hat sich im Westen der Pflichtzölibat für Priester durchgesetzt. Die Anordnung von Papst Benedikt VIII. 1022, dass Geistliche in Zukunft nicht mehr heiraten dürften, stieß auf teilweise heftigen Widerstand und konnte sich erst mit dem Zweiten Laterankonzil 1139 endgültig durchsetzen: "Im gleichen Zuge wurde die Priesterweihe im Rechtsverständnis der römisch-katholischen Kirche zu einem trennenden Ehehindernis – was sie bis heute ist."

Die Ostkirchen gingen seit dem 7. Jahrhundert einen anderen Weg als der christliche Westen: "Bis heute sind in der orthodoxen Kirche und in den katholischen Ostkirchen nur Bischöfe zum Zölibat verpflichtet – Priester jedoch nur, wenn sie zum Zeitpunkt ihrer Priesterweihe unverheiratet waren. In der Regel treten diese dann in den Mönchsstand ein." Gerade die Praxis der Ostkirchen regt heute zur Diskussion von Alternativen für die römisch-katholische Kirche an. Ein kurzer Überblick über den aktuellen Stand dieser Diskussion findet sich in der Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Begründungen für den Zölibat

"Die Begründungen für die Einführung des Zölibatsgesetzes damals und das Festhalten daran bis zur Gegenwart waren und sind vielfältig. Die Kirche ist sich bewusst, dass der Zölibat kein göttliches Gebot ist", so die Wikipedia-Autoren. Als Begründungen werden angeführt:

  • der Ruf Jesu zur Nachfolge nach den Evangelischen Räten
  • die Kultische Reinheit (bekannt aus religionsgeschichtlicher Betrachtung)
  • ökonomische Gründe (Pfarrpfründe als Existenzgrundlage von Priestern und die Frage nach der Vererbbarkeit an Kinder)
  • die gesellschaftliche Stellung (Prestige, Bildung, so genannte (Zwei-Stände-Kirche)
  • Einsatzfähigkeit (Verfügbarkeit für die Pfarrgemeinde zu jeder Tages- und Nachtzeit)
  • Zeichenhaftigkeit (Verweis auf das Himmelreich)
  • Charisma (Ehelosigkeit als Geschenk Gottes)

Die ausführlichen Begründungen und weitere Informationen im lesenswerten Wikipedia-Artikel.

 

Theologie: Zölibat geschichtlich gewachsen und angemessen, aber kein Dogma

Das Lexikon für Theologie und Kirche (3. Auflage 1993-2001), das gesammelte lexikalische Wissen der Katholischen Theologie, widmet dem Stichwort natürlich auch einen Artikel (Bd. 10, Sp.1483-1486). Im systematisch-theologischen Teil schreibt Bernhard Fraling: "Es besteht Einigkeit darüber, daß ein notwendiger Zusammenhang von Priestertum und Ehelosigkeit nicht erwiesen werden kann. Es geht daher nur um den Nachweis der Angemessenheit. Zentrales Glaubensmotiv für die Beibehaltung des Zölibats dürfte die prophetische Zeugnisfunktion sein ... Diese Lebensform wird Ausdruck einer Lebensentscheidung aus dem Glauben. Die Wirkung dieses Zeichens hängt aber in diesem Fall wesentlich von der Tatsache ab, daß es in Solidarität gegeben wird. Es ist zwar die Entscheidung eines jeden einzelnen, aber eine solche, die von vielen in Solidarität vollzogen und mitgetragen wird."

Ist eine Änderung der Zölibatsverpflichtung grundsätzlich möglich? Ja, sagt das LTHK: "Die Kirche verbindet den Empfang der höheren Weihen mit der Enthaltsamkeitsforderung in Treue zu einer über Jahrhunderten hin geübten Praxis und vertraut darauf, dass sich in dieser Praxis der Geist Jesu auswirkt. Hinter dem Gesetz steht somit weder Willkür noch dogmatisch zwingende Notwendigkeit, sondern eine von den Päpsten und einer breiten Mehrheit der Bischöfe (Synode 1971) getragene geschichtliche Glaubensentscheidung. Das heißt auch, dass andere geschichtliche Bedingungen unter Umständen andere Entscheidungen nahelegen können.
Von Intention und Praxis der Kirche her gesehen, will dieses Gesetz keinen Zwang ausüben; es setzt Bedingungen fest, die mit der Spendung der höheren Weihen verbunden sind. Dass diese freiwillig und in Kenntnis der zu übernehmenden Verpflichtungen empfangen werden, wird in der Weihehandlung öffentlich festgestellt (daher kann von einer Menschenrechtsverletzung seitens der Kirche hier nicht die Rede sein)."

Veränderungen an der Zölibatspflicht als Voraussetzung für die Priesterweihe sind also möglich. Bernhard Fraling: "Über Modifikationen ... des Gesetzes wird weiter diskutiert werden müssen - z. B. über die Frage, ob sich in Inkulturationsprozessen die Behauptung der Zeichenhaftigkeit aufgrund eines ganz anderen kulturellen Erwartungshorizonts aufrechterhalten läßt. Es fragt sich auch, ob bei hochgradigem Priestermangel, der dazu führt, daß in vielen Gemeinden die Feier der Eucharistie nicht mehr sichergestellt werden kann, an eine Weihe verheirateter, in Beruf und Ehe bewährter Männer (viri probati) zu denken ist. Solche Überlegungen heben den Wert des Zölibat  nicht auf, sondern suchen ihn angesichts bestimmter Problemsituationen zu wahren."

Praktisch-thelogisch: Die Kunst der zeichenhaften Verwirklichung der Liebe. Evangelischer Rat für alle Christen.

Im letzten Abschnitt des LThK-Artikels um Zölibat schreibt Stefan Blarer-Ziegler über die Lebbarkeit des Zölibates: "Gelebter Zölibat ist Ausdruck einer besonderen Lebenskultur und darf nicht nur den Bereich der sexuellen Enthaltsamkeit (Keuschheit) betreffen. Zölibatäres Leben, das dem Vorbild Jesu folgt, ist die Kunst, als unverheirateter Mensch zeichenhaft durch die ganze Existenz heilende und zum Heil führende Liebe zu verwirklichen."

"Das gewandelte Verständnis von Sexualität, die Tatsache, daß der Zölibat für viele Menschen zu einem unverständlichen Zeichen geworden ist, die besondere Schwierigkeit, den Zölibat in heutiger Umwelt und Mentalität zu leben und damit verbundenes häufiges Scheitern an dieser Lebensform (Laisierung), zugleich die Tatsache, daß der Zölibat nach wie vor ein Auswahlkriterium für den Priesterberuf ist, zwingt zum ehrlichen Hinterfragen der verpflichtenden Verbindung von Zölibat und Priesteramt.
Die Grundhaltung zölibatärer Liebe ist ein Evangelischer Rat für alle Christen. Besonders Seelsorgerinnen und Seelsorger, gleich welchen Standes, müssen sich vom Geist solcher Liebe bestimmen lassen, damit ihr Dienst frei macht, heilt und Heiligung vermittelt."