Im Überblick betrachtet spielt sich die Geschichte des Kirchenbaus ab zwischen den Polen „Funktion“ und „Symbol“. Man kann den Kirchenbau als zweckdienlichen, funktionsgerechten Bau ansehen, der ganz sachlich seinen Zweck erfüllt. Die frühen Christen hatten gar keine eigenen Bauten, sondern versammelten sich in Räumen, die zweckdienlich waren (Privaträume, Katakomben usw.). Mit der Konstantinischen Wende entstehen eigene christliche Kulträume (Kirchen), die keine sonstigen Funktionen zu erfüllen haben und die zunehmend mit symbolischer Bedeutung versehen wurden. Der Kirchenbau sollte mehr sein als ein funktioneller Versammlungsraum.

Funktionelle Architektur
Zuerst einmal muss Architektur funktionell sein. Von Beginn des christlichen Kirchenbaus an wurden Sakralräume aber nicht nur in ihrer Funktion gesehen. Häufig wurde die Funktionalität des Baus bewusst in die Symbolik mit einbezogen. Die Tektonik, die Wucht und Erdenschwere eines romanischen Domes stehen gleichzeitig für die Größe Gottes, die mächtige Stadt des Himmels oder die Himmelsburg. Die hochstrebenden Säulen der Gotik und die sich vernetzenden Rippen des Kreuzgewölbes haben ihre architektonisch, tragende Funktion, führen aber auch symbolisch gleichzeitig in die Höhe, in den Himmel oder stellen eine Art spirituelles Netz dar, in das der gläubige Mensch hineingenommen wird. Die Renaissance wieder verzichtet fast gänzlich auf Dekoration, um die idealen Maße und Formen des Baus möglichst sichtbar werden zu lassen. Doch auch hier steht die rationale Idealität symbolisch für die Vollkommenheit Gottes.

Der Trend ging von Anfang an in Richtung der symbolischen Repräsentation, hinter der das rein Funktionelle zurückzustehen hatte. Doch immer, wenn sich die Symbolik zu sehr verselbständigt hatte, gab es eine Gegenbewegung, die wieder mehr die Funktionalität betonte. Die Reform, die im 10. Jahrhundert vom burgundischen Benediktinerkloster Cluny ausging, wandte sich gegen die allzu große Prachtentfaltung und mahnte ein Bau-Ideal ein, das nüchtern, streng und sachlich sein sollte. Noch radikaler forderten im 12. Jahrhundert Bernhard von Clairvaux und die Zisterzienser in der Zeit der Gotik eine rationalistische Baukultur, die sich auf das Notwendigste beschränken sollte und das Notwendigste sind eben die funktionellen Elemente. Die Klosterkirche Mehrerau in Bregenz ist eine interessante, moderne Neuinterpretation dieser zisterziensischen Bauideale.

Im 13. Jahrhundert waren es die Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner, die auf Versammlungsräume möglichst nüchterner Art drängten und mit ihren riesigen, flach gedeckten Saalkirchen die Zweckarchitektur betonten. Ebenso war die bewusst sichtbar gemachte Funktionalität der Renaissance-Kirche eine Antwort auf das manchmal schon im Übermaß wuchernde Zierwerk der Spätgotik. In der Spannung zwischen Funktion und Symbol folgt auf die verzaubernde Raumdekoration des Rokoko der Klassizismus, der zwar künstlerisch nicht viel dagegen zu halten hatte, außer einem Rückgriff auf Bauformen der griechischen Antike, aber wieder Einfachheit, Klarheit und Funktionalität einmahnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es erneut einen verstärkten Trend in Richtung funktioneller Versammlungsräume, eine säkularisierende Tendenz, die den Verwendungszweck vor die symbolische Bedeutung stellte.

Symbolische Architektur
Der Grundzug, im Kirchenbau eine religiöse Symbolik zu realisieren, zieht sich durch die gesamte Kunstgeschichte. Funktionalität und Symbolik ringen ständig miteinander. Romanik, frühe Gotik und Renaissance stehen vor allem für das Bemühen, Funktionalität und Symbolik klar miteinander zu verbinden. Dazwischen gab es die Gegenbewegungen, die versuchten, die Funktionalität hinter die Symbolik zurücktreten zu lassen. In der Spätgotik sind die Wände oft völlig aufgelöst und die unzähligen Pfeiler und Streben nicht mehr alle funktionell bedingt. Reines Zierwerk sind zunehmend die floreal verspielten Gewölbedekorationen, die mit den statischen Fluchtlinien des Kreuzgewölbes nicht mehr viel zu tun haben. Jedes tektonische Gewicht, jede natürliche Erdenschwere des riesigen Baus scheint sich zu verflüchtigen.

Ähnliches geschieht wesentlich später mit der illusionistischen Raumwirkung des Barock oder dem Zauber der Raumdekoration im Rokoko, wo die Wucht des Baus völlig verschwindet hinter der Malerei, dem Dekor, den verschiedenen architektonischen Versuchen, dem Bau das irdische Gewicht zu nehmen, um ein sinnliches Himmelsbild zu repräsentieren. Die Besucher müssen für sich entscheiden, ob ihnen dieses Übergewicht der Symbolik behagt, oder ob ein Mehr an sichtbarer Funktionalität nicht auch Halt und Orientierung vermitteln kann. Es ist fast wie ein Pendeln zwischen ekstatischem Rausch und rationaler Nüchternheit. Vielleicht ist es gerade gut, dass wir uns nicht definitiv für das eine oder andere entscheiden müssen.

Zweites Vatikanisches Konzil
Bei aller Nüchternheit moderner Kirchenbauten hat auch das Zweite Vatikanische Konzil festgehalten, dass die Gottesdiensthäuser „Zeichen und Symbole überirdischer Wirklichkeit“ sein sollen. Es geht um den immer wieder neu und anders ausgestalteten, vielleicht auch paradoxen Versuch, das Unbegreifliche sinnlich erfahrbar zu machen. Der rational erfahrbaren, irdischen Welt sollen Räume des Heiligen gegenüber gestellt werden, Räume, in denen Gläubige die transzendente Wirklichkeit erahnen können.

Die Kunstgeschichte der Kirchenarchitektur
Wenn heute moderne Menschen wieder vermehrt Kirchenräume aufsuchen, dann suchen sie vermutlich doch das, was über die reine Funktionalität hinausgeht, die möglichst sinnlich vermittelte Symbolik des Kirchenraumes. Das, was mehr ist als reiner Zweck und bauliche Notwendigkeit, macht das Besondere des Kirchenraums aus. Auf dieser Ebene der Symbolik spielt sich letztlich die ganze Entwicklung der Kunstgeschichte ab, während die Gesetze der Baustatik immer dieselben bleiben.

Die Kunstgeschichte der Kirchenarchitektur ist deshalb die Geschichte sich immer wieder wandelnder symbolischer Repräsentation, in die die Sozialgeschichte hineinspielt, die Tradition, die weitergetragen oder eben verändert werden soll; wechselnde theologische Konzeptionen und manchmal einfach auch das Genie eines besonderen Künstlers. Geänderte Konzeptionen führen zu anderen Kirchenbauten und für den modernen Menschen ist es letztlich Geschmackssache, ob er sich in einer romanischen Gottesburg, in einem nach oben führenden gotischen Flechtwerk, in der berauschenden Sinnenfülle des Barock oder in einem nüchternen modernen Kirchenbau wohler fühlt. Alles sind Formen, in denen Menschen ihrer jeweiligen Zeit, ihrem Glauben und ihren Hoffnungen baulichen Ausdruck gegeben haben.